Franziskus tastet den Zölibat nicht an

Das Gerücht hält sich, der Papst werde auf seiner Mexiko-Reise in Chiapas verheiratete Männer zu Priestern weihen. Der dortige Bischof hat bereits dementiert.

Bejubelt: Papst Franziskus bei seiner Triumphfahrt durch Mexiko-Stadt. Foto: Reuters

Bejubelt: Papst Franziskus bei seiner Triumphfahrt durch Mexiko-Stadt. Foto: Reuters

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Diesem Papst haftet nun mal der Ruf des Neuerers an. Eines Reformers, der das Neue zeichenhaft anzukündigen pflegt. Ein solches Zeichen ist für Beobachter sein Besuch der Diözese San Cristóbal de Las Casas am 15. Februar. Im Rahmen seiner sechstägigen Mexiko-Reise wird Franziskus in der dortigen Kathedrale am Grab des legendären Bischofs Samuel Ruiz García beten. Der 2011 verstorbene Oberhirte von Chiapas ist nicht nur bekannt wegen seiner Vermittlungsdienste zwischen Regierung und der Zapatistischen Befreiungsarmee, sondern auch wegen seines Einsatzes für einen nicht zölibatären Klerus. Darum wird der päpstliche Besuch der Diözese als Indiz gesehen, dass Franziskus die Priesterweihe von verheirateten Diakonen zulassen will.

Bischof Ruiz Gracía hatte seine Diözese von 1959 bis 2000 zum Experimentierfeld für einen indigenen und verheirateten Klerus gemacht. Man hielt ihm vor, er wolle eine indigene Parallelkirche aufbauen und den Zölibat abschaffen. Tatsächlich weihte er statt zölibatärer Priester verheiratete Diakone. Im Unterschied zu Priestern dürfen Diakone heiraten, nicht aber die Messe feiern. Der indigenen Bevölkerung sagte man nach, sie sei für ein eheloses Leben nicht geeignet. Weshalb der Bischof massenhaft einheimische verheiratete Diakone ordinierte – wohl in der Annahme, dass sie in einem nächsten Schritt zu Priestern geweiht werden könnten.

Doch Papst Johannes Paul II. fand keinen Ge­fallen am Chiapas-Experiment. Er zog die Notbremse. Als Ruiz García im Jahr 2000 zurück­treten musste, zählte die Diözese mit 1,5 Millionen Katholiken nur 70 Priester, aber 336 ständige Diakone. Deshalb verbot der Vatikan seinem Nachfolger die Weihe von verheirateten Diakonen. Papst Franziskus hob das Weiheverbot 2014 wieder auf.

Wünsche, Wünsche

Dies und sein Besuch der Diözese San Cristóbal de las Casas scheinen die These zu erhärten, dass auch er verheiratete Priester wünscht. Der Vatikanist Sandro Magister berichtete sogar, unter den deutschen Bischöfen gehe das Gerücht um, Franziskus wolle in Chiapas höchstpersönlich einige verheiratete Diakone zu Priestern weihen. Auftrieb gibt dieser Spekulation der österreichische Amazonas-Bischof Erwin Kräutler. Er erklärte nach einer Audienz bei Franziskus, der Papst habe das Thema auf seiner Agenda. Ja er unterstütze Kräutlers «Amazonas-Werkstatt», die angesichts des akuten Priestermangels im gott­verlassenen Dschungel auf verheiratete Priester zurückgreifen möchte.

Bischof Arizmendi von der Chiapas-Diözese hat bereits dementiert: «Wir wollen keinen verheirateten Klerus. Daran dachte man früher einmal. Aber nicht mehr heute.» Das Priesterseminar in Chiapas sei voll, es gebe dort keine ideologischen Vorbehalte gegen den Zölibat. Auch an einer Tagung an der päpstlichen Universität erklärten hochrangige Würdenträger, die Aufhebung des Pflichtzölibats sei für Franziskus kein Thema.

Sein Gebet am Grab von Samuel Ruiz García hat wohl eine andere Bedeutung: Franziskus hat vor, den «roten Bischof» zu rehabilitieren, der sein Leben für die Indigenen eingesetzt hatte. Beim Zapatistenaufstand in den 90er-Jahren vermittelte er zwischen Guerilla und Regierung. Er wurde zur Schlüsselfigur des Friedensvertrags von San Andres von 1996, der erstmals die Rechte der Indigenen festschrieb. Ganz offenkundig will der Papst die armen indigenen Völker würdigen. Das an der Grenze zu Guatemala gelegene Chiapas mit einem katholischen Bevölkerungs­anteil von 75 Prozent ist das Armenhaus Mexikos. So macht der Mexiko-Besuch die inzwischen lesbar gewordene Handschrift seines Pontifikats noch deutlicher: seine Hinwendung zu den Armen, ohne aber an Disziplin und Dogma der Kirche zu rütteln. Auch unter Franziskus bleiben die Priester auf ein zölibatäres Leben verpflichtet.

Erstellt: 14.02.2016, 23:31 Uhr

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