Frommer Lügner

Kann problematisches Trinkverhalten als Teenager einen 53-jährigen Richter für ein Amt disqualifizieren? Wenn er darüber lügt, ja.

Tränen und Lügen: Brett Kavanaugh bei einer Anhörung. Foto: Getty Images

Tränen und Lügen: Brett Kavanaugh bei einer Anhörung. Foto: Getty Images

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Schon die Vorstellung macht Angst: nach über dreissig Jahren für sein Verhalten als Teenager belangt zu werden – der Horror. In Brett Kavanaughs Fall macht es auch wütend: Der Kandidat für das Oberste Gericht der USA liess sich zu einer tränenreichen und zornigen Verteidigungsrede hinreissen, die Zweifel weckte, ob der Mann dem Amt emotional gewachsen ist. Dies, weil Christine Blasey Ford ihn beschuldigt, sie als 17-Jähriger missbraucht zu haben. Ihre Vorwürfe bekräftigte sie mit einem sehr glaubwürdigen Auftritt vor dem Justizausschuss und machte damit deutlich, dass die Folgen eines sexuellen Übergriffs auch nach dreissig Jahren noch spürbar sein können.

Kavanaughs Auftritt war bemerkenswert – und verräterisch. Sichtlich empört versuchte er, seinen guten Namen zu verteidigen, stellte sich als frommes Mauerblümchen dar. Nur bei einem Detail blieb er auffällig vage: Fragen nach Trinkgewohnheiten wich er aus, verwies stattdessen auf seinen tadellosen Charakter und sein anspruchsvolles Studium, das Alkoholexzesse gar nicht zugelassen habe. Hakte jemand nach und fragte, ob er jemals bis zum Blackout getrunken habe, antwortet er mit einer Gegenfrage: «Ich weiss es nicht. Haben Sie?»

Mittlerweile haben verschiedene Studienkolleginnen und -kollegen Kavanaughs Darstellung bestritten. Er habe sehr wohl gern und viel getrunken und sei dann auch ab und zu ausfällig geworden. Auch das beweist natürlich keinen sexuellen Übergriff, und es ist fraglich, ob problematisches Trinkverhalten als Teenager jemanden dreissig Jahre später vom höchsten Richteramt disqualifizieren soll. Man kann diese Frage nur im Kontext beantworten. Und in Kavanaughs Fall heisst die Antwort: Ja.

Warum? Darum: Es geht nicht nur darum, dass der Kandidat als Teenager ein Kampftrinker gewesen sein könnte oder was er als solcher angestellt haben mag. Verantworten muss sich Kavanaugh aber für das, was er bei der Anhörung erzählte. Und wie er sich selbst, sein Trinkverhalten und anderes schilderte, entsprach nicht den Tatsachen. Ironischerweise überführte er sich mit seinen mitgebrachten Beweisen gleich selbst.

Er bestritt zum Beispiel, dass sein Bekanntenkreis mit demjenigen von Blasey Ford auch nur teilweise hätte zu tun haben können, was laut Angaben in seinem Kalender nachweislich falsch ist. Dasselbe trifft auf seine Aussage zu, er sei nie an einer Party gewesen, wie von Christine Ford beschrieben; auch das widerlegt sein eigener Kalender. Anspielungen im Jahrbuch auf häufiges Erbrechen hätten mit seinem schwachen Magen zu tun, sagte er und wich auch sonst Fragen nach seinem Alkoholkonsum strategisch aus. Ginge es hier nur um einen weiteren Schauspieler oder einen Dirigenten oder Sportler, wäre das eine Sache. Aber Kavanaugh will ins höchste und ehrenhafteste Richteramt der USA, und zwar auf Lebzeiten. Er muss besondere und besonders hohe moralische Ansprüche erfüllen.

Der Fall ist auch deshalb relevant, weil er die Macht von #MeToo aufzeigt. Wir kennen keine gesellschaftlichen Konventionen, wie man mit solchen Vorwürfen umgeht, und Missbrauch ist gerade bei Jahrzehnte zurückliegenden Ereignissen nie auszuschliessen. Deswegen #MeToo abzulehnen, wäre aber ebenso falsch. Man darf solche Anschuldigungen nicht mehr als Kavaliersdelikte abtun, sondern muss sie seriös prüfen. Selbst wenn im Fall Kavanaugh die Wahrheit nie zweifelsfrei festgestellt werden kann. Denn die Anhörung gab zumindest allen Bürgern Gelegenheit, zu sehen, was für ein Mann ins Oberste Gericht gewählt werden will. Einer, der das Gegenteil der Wahrheit vertritt, die er doch eigentlich verteidigen müsste. Brett Kavanaugh ist noch nicht einmal im Amt und bereits der mehrfachen Lüge überführt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.10.2018, 18:34 Uhr

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