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Für Joe Biden geht es bereits um alles

Obamas früherer Vizepräsident hofft auf die Stimmen der schwarzen Wähler. Aber selbst die sind sich nicht mehr sicher.

Alan Cassidy, Charleston
Seine selbst ernannte «Brandmauer» wankt: Joe Biden (Mitte) am Montag in North Charleston, Virginia. Foto: Jim Lo Scalco (Keystone)
Seine selbst ernannte «Brandmauer» wankt: Joe Biden (Mitte) am Montag in North Charleston, Virginia. Foto: Jim Lo Scalco (Keystone)

Es hätte alles ganz anders kommen sollen. Joe Biden hatte in South Carolina von einem Triumphzug geträumt, von einer Machtdemonstration gegenüber seinen Mitbewerbern: Hier, im amerikanischen Süden, wollte er die Vorentscheidung im demokratischen Präsidentschaftswahlkampf erzwingen – mit einem Sieg, der ihn endgültig zum Kronfavoriten der Demokraten machen würde.

Doch das war vor dem Beginn der Vorwahlen. Vor der Niederlage in Iowa, vor dem Desaster in New Hampshire, wo er zweimal hinter den Erwartungen zurückblieb. Stattdessen führt der frühere Vizepräsident nun in South Carolina bereits einen verzweifelten Kampf darum, seine Kandidatur irgendwie am Leben zu erhalten, seine Geldgeber und Verbündeten zu überzeugen, zu ihm zu halten. Er muss hier am Samstag nicht nur gewinnen, er muss es wohl deutlich tun.

Hat er die nötige Energie und Leidenschaft?

Robert Gailliard weiss, dass Biden dafür auf Leute wie ihn angewiesen ist – auf schwarze Wähler. Der 70-jährige pensionierte Anwalt steht am Montagabend im Mantel und mit Hut in einem Universitätsgebäude in Charleston, wo Biden zu einer Wahlkampfrede erwartet wird. Rund 60 Prozent der demokratischen Wähler in South Carolina sind Afroamerikaner. Damit unterscheidet sich die Ausgangslage hier deutlich von jener in den überwiegend weissen Bundesstaaten Iowa und New Hampshire.

«Ohne die Stimmen der Schwarzen», sagt Gailliard, «geht hier für einen Demokraten nichts». Gailliard schätzt an Biden, dass er seit Jahrzehnten demokratische Werte vertrete, dass er zuverlässig und geradlinig sei. Aber seine Stimme? «Die hat Biden noch nicht. Ich will sehen, ob er die nötige Energie und Leidenschaft hat.» Er werde sich auch die TV-Debatte der Bewerber am Dienstag anschauen und seine Entscheidung dann am Tag der Vorwahl treffen, so spät wie noch nie: «Es fällt mir diesmal viel schwerer als sonst.»

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Damit ist recht gut zusammengefasst, was Bidens Problem in South Carolina ist: Sein einst gewaltiger Vorsprung in den Umfragen ist zuletzt dahingeschmolzen, seine selbst ernannte «Brandmauer» wankt. In den neuesten Erhebungen liegt er inzwischen nur noch knapp vor Bernie Sanders, dem linken Senator aus Vermont, der hier lange Zeit kaum ernsthafte Ambitionen hegte.

Umso wichtiger wird für Biden die Unterstützung durch die Afroamerikaner. Viele von ihnen erinnern sich gerne an die acht Jahre, die Biden als Vizepräsident von Barack Obama diente. Seine Verbindungen zu South Carolina reichen allerdings weiter zurück. Bei seinen Wahlkampfauftritten erzählt der 78-Jährige oft, wie er sich nach dem Unfalltod seiner ersten Frau und seiner Tochter in den Bundesstaat zurückzog, um an der Atlantikküste Kraft zu tanken. Auch einer von Bidens politischen Mentoren stammte von hier.

«Er ist kein Schwätzer, steht für Erfahrung und Anstand.»

Allison Pryor, Wählerin, über Joe Biden

Zugute kommt Biden wohl auch, dass er zum gemässigten Flügel der Partei gehört. South Carolina ist ein konservativer Staat, und viele schwarze Wähler bekunden offen Mühe mit dem Linkskurs, den die Demokraten in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben.

Das gilt auch für Allison Pryor, eine 57-jährige pensionierte Bewährungshelferin, die in Charleston im Nieselregen auf Bidens Auftritt an der Universität wartet. «Er verspricht im Gegensatz zu anderen Kandidaten nicht das Blaue vom Himmel», sagt sie über den früheren Vizepräsidenten. Es möge ja sein, dass eine staatliche Krankenversicherung, wie sie etwa Bernie Sanders fordere, in anderen Ländern funktioniere. «Aber bei uns wird so etwas nie Realität werden.»

Da sei ihr einer wie Biden lieber, der ein Programm habe, das sich auch in die Tat umsetzen lasse. «Er wäre ein geeigneter Präsident, weil er für Erfahrung und Anstand steht, weil er kein Schwätzer ist.» Nach Donald Trump werde es jemanden brauchen, der das Land wiederherstelle, keinen, der es weiter spalte. Dass Biden in South Carolina unter den schwachen Ergebnissen in den ersten Vorwahlen leiden werde, glaubt Allison Pryor nicht. «Das war das weisse Amerika», sagt sie. «Jetzt sind wir an der Reihe.»

Kampf um die «Seele der Nation»: Anhängerin des Demokraten bei dessen jüngstem Auftritt in Las Vegas. Foto: John Locher (Keystone)
Kampf um die «Seele der Nation»: Anhängerin des Demokraten bei dessen jüngstem Auftritt in Las Vegas. Foto: John Locher (Keystone)

Biden selbst formuliert es ähnlich. «Ihr werdet entscheiden, wer der nächste Präsident ist», sagt er am Montag zum Publikum, als er in Charleston auf der Bühne steht. Und das Publikum reagiert so, wie es das an Veranstaltungen von Biden oft tut: freundlich, aber zurückhaltend, mit Applaus, aber mit eher mässiger Begeisterung.

Trotzdem glaubt Biden an seine Chance. Seinen zweiten Platz bei der jüngsten Vorwahl in Nevada verkauft er als «Comeback», das ihm den nötigen Schwung für den kommenden Samstag gebe.

Das Kalkül von Bidens Unterstützern geht dahin, dass er nach einem Sieg in South Carolina auch in den Vorwahlen am kommenden Super Tuesday gut abschneiden könnte, besser jedenfalls als andere Bewerber des moderaten Flügels, Pete Buttigieg, Amy Klobuchar und Michael Bloomberg. Dann wäre Biden vielleicht doch wieder so etwas wie der aussichtsreichste Kandidat für all jene Demokraten, die eine Nominierung von Sanders noch verhindern wollen.

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