Zum Hauptinhalt springen

«García Márquez hat ‹Hundert Jahre Einsamkeit› gehasst»

Mit Gabriel García Márquez ist der bedeutendste zeitgenössische Autor Lateinamerikas gestorben. Südamerika-Korrespondent Sandro Benini sagt, welche Bedeutung der politische Mensch García Márquez hatte.

Teilweise auch politischer Botschafter Lateinamerikas: Titelseite von «El País» mit dem Gesicht von Gabriel García Márquez.
Teilweise auch politischer Botschafter Lateinamerikas: Titelseite von «El País» mit dem Gesicht von Gabriel García Márquez.
AFP
Setzte sich sein Leben lang für politische und publizistische Projekte ein: García Márquez vor seinem Haus in Mexiko-Stadt. (6. März 2014)
Setzte sich sein Leben lang für politische und publizistische Projekte ein: García Márquez vor seinem Haus in Mexiko-Stadt. (6. März 2014)
Keystone
Mit Fidel Castro verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft: Er wurde deswegen immer wieder angegriffen.(4. März 2000)
Mit Fidel Castro verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft: Er wurde deswegen immer wieder angegriffen.(4. März 2000)
AFP
1 / 8

«Solche Giganten sterben nie.» Mit diesem Tweet kommentierte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos den Tod von García Márquez. Inwiefern kann man García Márquez als einen Giganten bezeichnen?

Gabriel García Márquez war der bedeutendste, international bekannteste und meistgelesene zeitgenössische lateinamerikanische Autor. Der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi bezeichnet ihn gar als «den wahren Erfinder Lateinamerikas». Tatsächlich hat das literarische Werk des Kolumbianers die Wahrnehmung seines Heimatkontinents entscheidend mitgeprägt.

Inwiefern?

Sein Werk hat eine moderne Form des sogenannten magischen Realismus geschaffen und einen weltweiten Boom lateinamerikanischer Literatur heraufbeschworen, von dem ganze Schriftstellergenerationen bis heute profitieren. Bemerkenswert an García Márquez war schliesslich, dass ihn das Publikum ebenso heftig liebte, wie ihn Kritiker und Literaten verehrten. In seinem Werk schafft er eine einzigartige Verbindung zwischen sogenannt unterhaltender und anspruchsvoller Literatur.

«Hundert Jahre Einsamkeit» gilt als das erste Buch, in dem Lateinamerikaner einige ihrer Wesenszüge wiedererkennen konnten: Leidenschaft, Spiritualität, Aberglaube.

Es gibt zumindest keinen anderen im 20. Jahrhundert geschriebenen lateinamerikanischen Roman, der die innere und äussere Wahrnehmung des Subkontinents stärker prägte als «Hundert Jahre Einsamkeit». Das 1967 erschienene Werk hat das kulturelle Selbstbewusstsein der Weltregion, die gegenüber den USA und Europa tendenziell an einem historisch bedingten Minderwertigkeitskomplex leidet, enorm gestärkt. Mario Vargas Llosa, der jahrelang eng mit García Márquez befreundet war, ehe sie sich aus ideologischen und persönlichen Gründen zerstritten, würdigte das Werk als «Wiederentdeckung der Abenteuerliteratur und des reinen Erzählens, wie in Tausendundeiner Nacht». Für den kolumbianischen Autor Santiago Gamboa ist es der grösste Roman in spanischer Sprache seit Don Quijote. Und García Márquez sagte, er habe das Buch «gegen das Kino» geschrieben, «um zu beweisen, dass die Literatur mehr kann als der Film».

Über das Buch hört man stets Positives. Gab es auch negative Stimmen zum Roman?

«Hundert Jahre Einsamkeit» hat eine eigenständige lateinamerikanische Mythologie erschaffen und zahllose Nachahmer geboren. Das lässt sich auch negativ formulieren: Die epigonalen Werke des magischen Realismus haben das kitschige Klischeebild von Lateinamerika als exotischem, farbigem, märchenhaft-surrealem Kontinent verfestigt, der in einer jahrhundertealten, unbezwingbaren Mischung aus Heiterkeit und Melancholie verharrt, stets zu spät kommt und letztlich immer scheitert. Jahrelang wurden lateinamerikanische Romane, denen man nicht das Etikett «magischer Realismus» aufkleben konnte, von der internationalen Leserschaft und Kritik weitgehend ignoriert. Jüngere lateinamerikanische Autoren mussten sich deshalb zunächst einmal von García Márquez freistrampeln und sich von seiner Erzählmagie distanzieren, indem sie eine nüchternere, zumeist urbane Literatur schufen.

Das dürfte von García Márquez nicht unbemerkt geblieben sein...

Distanziert von seinem Hauptwerk hat sich tatsächlich auch García Márquez selber. In einem Interview sagte er: «Ich hasse ‹Hundert Jahre Einsamkeit›, weil es meinen anderen Büchern den Weg versperrt hat. Ich hasse es, weil es zu einem Mythos geworden ist und ich ein Buch schreiben wollte, keinen Mythos. Ich ziehe es vor, als Autor von ‹Die Liebe in den Zeiten der Cholera› in Erinnerung zu bleiben.»

«Hundert Jahre Einsamkeit» wird immer wieder als Absage an sozialrevolutionäre Utopien gelesen. War García Márquez einfach Realist oder gar desillusioniert?

García Márquez war überzeugt, dass der scheinbare Gegensatz zwischen Fantasie und Realität auf einem Trugschluss beruht. Bezeichnend für «Hundert Jahre Einsamkeit» und seine bedeutendsten Werke ist die literarische Gestaltung einer letztlich pessimistischen, jeden wahren Fortschritt und jede Erlösung verneinenden Geschichtsphilosophie durch das Mittel einer vitalen, opulenten, sinnlichen, abgründig humorvollen Erzählweise.

García Márquez hatte als Journalist begonnen. War er auch ein politischer Leuchtturm für die Menschen?

Für die lateinamerikanische Linke war er ohne Zweifel eine bedeutende Figur, und phasenweise hat man ihn nicht nur als literarischen, sondern auch als politischen Botschafter Lateinamerikas wahrgenommen. Allerdings hat García Márquez trotz seiner Bewunderung für Fidel Castro, die kubanische Revolution und andere Figuren aus der Heldengalerie der lateinamerikanischen Linken stets bestritten, Sozialist zu sein. Er sagte, er habe den Marxismus nie wirklich studiert und sei überzeugt, dass er auf Lateinamerika schlicht nicht anwendbar sei.

Wie bewerten Sie die Freundschaft des Schriftstellers zu Fidel Castro?

Zunächst einmal fühlte sich García Márquez auch von anderen mächtigen Figuren angezogen, darunter der panamaische Militärdiktator Omar Torijos, der Venezolaner Carlos Andrés Pérez, Bill Clinton, François Mitterrand sowie von fast allen kolumbianischen und mexikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte. Dabei hat García Márquez sich nie für die Macht als solche interessiert, im Unterschied zu Mario Vargas Llosa, der einst peruanischer Präsident werden wollte. Oder zu anderen lateinamerikanischen Schriftstellern, etwa dem Venezolaner Rómulo Gallegos oder dem Chilenen Pablo Neruda. Die tragikomische Einsamkeit autoritärer Figuren ist ein zentrales Motiv im Werk des Kolumbianers. Im Fall Fidel Castros war er offensichtlich ausserstande, die seine Romane prägende illusionslose Sichtweise auf lateinamerikanische Patriarchen auch in die Realität zu übertragen. Seine unverbrüchliche Treue zu Castro hat viele irritiert und García Márquez heftige Kritik eingetragen, meiner Meinung nach zu Recht. Allerdings muss man auch sagen, dass er seine Stellung ausnutzte, um sich bei Castro für politische Gefangene einzusetzen und ihnen die Freilassung und Ausreise zu ermöglichen.

Die Fragen stellte Simon Knopf.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch