Zum Hauptinhalt springen

«Gebt Amerika nicht auf!»

Jay Inslee regiert den US-Bundesstaat Washington. Er sagt, warum die Demokraten wieder Wahlen gewinnen – und ob er gegen Donald Trump antritt.

Barack Obama mit Jay Inslee bei einer Veranstaltung im Juni 2016 in Seattle, Washington. Foto: Pablo Martinez Monsivais (Keystone)
Barack Obama mit Jay Inslee bei einer Veranstaltung im Juni 2016 in Seattle, Washington. Foto: Pablo Martinez Monsivais (Keystone)

Sie reisen mit einer Delegation aus Wirtschaftsführern durch die Schweiz, um die Berufsbildung zu studieren. Was haben Sie gelernt?

Heute Morgen sahen wir 16- und 17-Jährige, die komplizierte Fräsmaschinen bedienten. Das ist sehr eindrücklich. Die Schweizer Berufslehre gibt Jugendlichen die Möglichkeit, schon in jungen Jahren unglaubliche Fähigkeiten zu erwerben. Unsere Unternehmen sind gierig nach Fachkräften, wie sie die Schweizer Firmen ausbilden.

Weil sie es selber zu wenig tun?

Ja, die Nachfrage übersteigt das Angebot an Fachkräften bei weitem. Wir haben Vertreter von erfolgreichen Firmen wie Microsoft und Amazon dabei, die ihren Hauptsitz in unserem Bundesstaat haben. Ich hoffe, dass sie nun vorangehen beim Aufbau einer Berufsbildung nach Schweizer Vorbild. Unsere Region wächst wirtschaftlich so rasant wie kaum eine andere in den USA. Wir brauchen diese Arbeitskräfte.

Erfolgreich waren Sie diese Woche auch politisch: Die Demokraten haben mehrere Wahlen gewonnen – und in Ihrem Bundesstaat die Mehrheit im Senat erobert.

Und das ist gut! Bei uns in Washington haben die Republikaner im Parlament zuletzt Fortschritte in vielen Bereichen blockiert, beim Klimaschutz etwa oder bei der Verschärfung des Waffenrechts. Die nationalen Resultate zeigen aber auch, dass viele Amerikaner angewidert sind von der Politik des Weissen Hauses. Der Präsident betreibt eine Politik der Spaltung – und viele Amerikaner lehnen das ab.

Also ein Protest gegen Trump?

In der Tat. Die Wahlergebnisse in Virginia, New Jersey und bei uns sind ein Statement für die grundlegenden amerikanischen Werte, denen wir uns verbunden fühlen: Offenheit, Toleranz, Anstand. Der Präsident und seine Regierung treten diese Werte mit Füssen.

Ihr eigener Bundesstaat wehrt sich an vorderster Front gegen Trumps Einreiseverbot für Muslime. Wieso?

Das ist auch eine wirtschaftliche Frage: Wir haben viele erfolgreiche Unternehmen, gerade solche, die jetzt mit mir in der Schweiz sind, und diese Unternehmen brauchen Talente. Das Einreiseverbot hindert sie daran, neue Leute einstellen zu können, und es hindert sie daran, ihre eigenen Angestellten auf Reisen zu schicken. Das ist ein Grund, warum uns Firmen wie Microsoft und Expedia bei unserer Klage gegen das Einreiseverbot unterstützt haben.

Sie waren der erste Bundesstaat, der gegen den Muslim-Bann geklagt hat.

Ja, weil es eben um viel mehr geht: Das Einreiseverbot setzt unsere höchsten Werte und Traditionen herab. Wir haben Einwanderer immer mit offenen Armen aufgenommen, die Rechte unserer Verfassung gelten für alle Menschen. Der Präsident hat aus der Diskriminierung von Muslimen einen Grundpfeiler seiner Politik gemacht. Aber für Diskriminierung gibt es bei uns keinen Platz. Die Freiheitsstatue ist nicht bloss ein Haufen Kupfer in einem Hafen, sondern ein Symbol für Amerika. Wir sind das erste Land der Welt, in dem es egal ist, woher jemand kommt. Und auf diese Tradition sind wir stolz. Deshalb geht es mir nahe, wenn sie gebrochen wird.

Auch beim Klimawandel stellen Sie sich gegen das Weisse Haus.

Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung für meinen Staat. Vor ein paar Wochen brannten bei uns im Nordwesten Amerikas die Wälder. Wir haben fürchterliche Dürren, die unsere Landwirtschaft bedrohen. Und weil unser Wasser wegen der Kohlenstoffbelastung versauert, nimmt die Austernproduktion Schaden. Es ist wichtig, dass wir da als Bundesstaat Stellung beziehen, um der Welt zu zeigen: Gebt Amerika in dieser Sache nicht auf!

Sie nehmen mit dem kalifornischen Gouverneur am Bonner Klimagipfel teil. Was ist Ihr Ziel?

Wir haben einen Klimaleugner im Weissen Haus, aber er wird da nicht für immer bleiben. Das werde ich auch den Teilnehmern des Klimagipfels von Bonn sagen. Sogar Syrien ist ja soeben dem Pariser Abkommen beigetreten. Dass die USA als einziges Land abseitsstehen, ist inakzeptabel.

Was können Sie als Gouverneur tun?

36 Stunden nachdem Präsident Trump den Ausstieg aus dem Pariser Klimavertrag verkündete, haben wir reagiert: indem wir mit 14 anderen Bundesstaaten die United States Climate Alliance gegründet haben. Darin haben wir uns dazu bekannt, unsere Verantwortung aus dem Klimavertrag zu erfüllen. Zusammen machen diese 15 Bundesstaaten 40 Prozent der US-Wirtschaft aus. Was wir tun, ist deshalb entscheidend. Die Welt soll den Glauben an Amerika nicht verlieren.

Was unternehmen Sie konkret?

Wir koordinieren unsere Klimapolitik. Wir denken zum Beispiel an ein gemeinsames Preissetzungssystem für CO2. Und die Wirtschaft in unseren Staaten zeigt, dass saubere Energie ein Wachstumsfeld ist. Die meisten Jobs in Amerika entstehen derzeit in der Solarindustrie. Der Klimawandel eröffnet eben auch unternehmerische Möglichkeiten. Ich hoffe, dass wir in meinem Staat da weiter vorangehen können, indem wir die richtigen Bedingungen schaffen.

Sie selbst werden in US-Medien als potenzieller Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten genannt. Was ist da dran?

Nichts gegen den «Tages-Anzeiger», aber eine Schweizer Zeitung wäre nicht gerade der richtige Ort für eine Ankündigung dieser Art! (lacht)

Schliessen Sie eine Kandidatur aus?

Ich bin Gouverneur des schönsten Bundesstaates Amerikas, und ich liebe meinen Job. Wenn mein Name in den Medien fällt, dann hat das wohl damit zu tun, dass meine Themen, besonders der Klimawandel, Themen sind, die das ganze Land betreffen. Washington war schon immer führend in vielem, das über unsere Staatsgrenzen hinausgeht. Wir bauten hier die ersten kommerziellen Passagierflugzeuge, wir entwickelten die weltbeste Software, wir stehen kurz davor, ein Heilmittel für manche Krebsarten finden.

Aber Ihr Staat stellte noch nie einen Präsidenten.

Dafür haben wir Bill Gates und Jeff Bezos, die zwei reichsten Männer der Welt, das zählt doch auch etwas! (lacht)

Was für einen Kandidaten muss Ihre Partei aufstellen, um Trump zu schlagen?

Überspitzt gesagt: Anyone but Trump – jeder ausser ihm.

Das klappte schon letztes Jahr nicht.

Damals wusste man auch noch nicht, wie er als Präsident sein würde. Aber es stimmt: Es braucht mehr. Der oder die Kandidatin der Demokraten muss zwei Dinge mitbringen: Er oder sie muss aufzeigen, wie wir hin zu einer Wirtschaft kommen, die Jobs für alle schafft. Und er oder sie muss den Kampf gegen den Klimawandel mit aller Härte führen. Das Erste müssen wir mit dem Zweiten verbinden – dann schaffen wir das.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch