Genug von politischer Korrektheit

Donald Trump trifft mit seiner ungehobelten Art den Nerv vieler Amerikaner. Sie würden gerne so reden wie er, nur trauen sie sich nicht.

Punktet trotz Pöbeleien: Donald Trump (11. August 2015).

Punktet trotz Pöbeleien: Donald Trump (11. August 2015). Bild: Bill Pugliano/AFP

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Ein jäher Absturz wurde ihm mehrmals schon prophezeit. Donald Trump aber ist politisch quicklebendig und liegt unverändert an der Spitze des republikanischen Kandidatenfelds. Der New Yorker Milliardär mochte mexikanische Einwanderer schlechtreden und Frauenfeindliches von sich geben, er beleidigte einen Kriegshelden und kritisierte lautstark und unhöflich manche seiner republikanischen Konkurrenten. Seiner Popularität tat dies bislang zum Erstaunen des politischen Kommentariats in Washington und New York keinen Abbruch.

Im Gegenteil: Trump fuhrwerkt im republikanischen Vorwahlkampf herum, als sei nichts vorgefallen. Und er bleibt der Darling der Wähler. Warum nur? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass sich der Immobilienmogul resolut weigert, «politisch korrekt» zu denken und zu reden – und damit viele Amerikaner anspricht, die gern genauso reden würden wie Trump, sich indes nicht trauen. Trump wäre mithin der Champion einer Reaktion gegen politische Korrektheit in allen ihren Spielarten wie auch gegen die damit einhergehende Sprachpolizei.

«Keine Zeit für politische Korrektheit»

«Ich glaube, das grosse Problem in diesem Land ist politische Korrektheit», sagte der Milliardär vergangene Woche bei der republikanischen Kandidatendebatte. Er habe, so Trump weiter, «einfach keine Zeit für totale politische Korrektheit, und – um mal ehrlich zu sein – das Land hat dafür auch keine Zeit». Trumps Wähler, darunter viele Anhänger der Tea Party sowie generell weisse Amerikaner jenseits von 40 Jahren, goutieren seine Direktheit: «The Donald» nennt die Dinge beim Namen, wofür es in den Augen der Trump-Fans höchste Zeit ist.

Denn ihr Amerika, ihre amerikanische Kultur liegt unter Dauerbeschuss. «Heterosexuelle weisse und christliche Männer führten dieses Land, und haben das ziemlich gut gemacht», versucht Kevin Drum im Onlinemagazin «Mother Jones» das Denken der Trump-Wähler zu analysieren. Inzwischen aber «will jede Minderheit ein Stück vom Kuchen, und für ihre Probleme schieben sie die Schuld auf «weisse Überlegenheitskultur» oder «Vergewaltigungskultur» oder «Heterokultur», so Drum über die Nostalgiker.

Natürlich kommen auch Kriminelle aus Mexiko über die Grenze, darüber maulen aber darf niemand. Dass Islamisten 9/11 angerichtet haben, ist glasklar, doch ist keinem erlaubt, ein schlechtes Wort über Muslime oder den Islam zu sagen. Und jeder weiss, dass Afroamerikaner mehr Verbrechen als Weisse begehen, darüber zu reden aber ist tabu. «Ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung hat genug von der politischen Klasse und den Medien», weil sie sich stets politisch korrekt verhielten, meint der rechte Radiotalker Rush Limbaugh. Trump hingegen spreche Dinge aus, die dieser Prozentsatz «selber gern sagen würde», glaubt Limbaugh.

Die Steigerung politischer Korrektheit

Dabei hat die politische Korrektheit der Neunzigerjahre, die damals von amerikanischen Konservativen stark angefeindet wurde, an den Universitäten inzwischen einer neuen und weit intensiveren Variante Platz gemacht. In einem aufsehenerregenden Artikel im «Atlantic Monthly» beschreiben der Verfassungsanwalt Greg Lukianoff und der Psychologe Jonathan Haidt eine «vor allem von Studenten vorangetriebene Bewegung, den Campus von Wörtern, Ideen und Subjekten zu reinigen, die Unbehagen erzeugen und an denen Anstoss genommen werden könnte».

Als «Mikroaggressionen» oder auch «Auslöser» gilt alles, was auch nur im Entferntesten als feindselig, rassistisch oder aufwühlend betrachtet wird. So schrieb die Harvard-Rechtsprofessorin Jeannie Suk etwa im «New Yorker», Jurastudenten hätten Kollegen gebeten, kein Vergewaltigungsrecht mehr zu lehren, da dies Unwohlsein auslöse. «Man stelle sich einen Medizinstudenten vor, der Chirurg werden möchte, jedoch Unwohlsein befürchtet, wenn er Blut sieht oder damit umgehen muss», schrieb Suk.

Donald Trump verkörpert womöglich eine Reaktion auf das Reinheitsgebot des politischen und gesellschaftlichen Diskurses in den Vereinigten Staaten. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, er pöbelt und poltert. Und offenbar punktet er damit.

Erstellt: 13.08.2015, 21:30 Uhr

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