Geschichte einer argentinischen Katastrophe

Das vermisste U-Boot ist wohl explodiert. Hoffnungen auf Überlebende gibt es kaum mehr. Argentinien versinkt in Trauer, die Angehörigen erheben schwere Vorwürfe.

Offiziell wurden die Besatzungsmitglieder der Ara San Juan noch nicht für tot erklärt. Die Suche geht weiter. Die Aussichten auf eine erfolgreiche Rettung sind allerdings gering. (Video: Reuters)

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Acht Tage lang ist Jesica Gopar hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Seit gestern drucken argentinische Zeitungen und Onlineportale ihre Einträge auf Facebook und Twitter nach, und sie rühren damit die Öffentlichkeit zu Tränen.

Gopar ist die Frau von Fernando Santilli, einem der 44 argentinischen Marineangehörigen, die sich an Bord des verunglückten U-Bootes Ara San Juan befinden. Oft wendet sich Gopar in ihren Einträgen direkt an den 34-jährigen Ehemann, und manchmal erzählt sie ihm von Stefano, dem kleinen Sohn des Paares.

«Er hat gelernt, das Wort ‹Papa› zu sagen. Sag es immer wieder, Sohn, dann kommt dein Vater zurück.»

«Es gibt keinen Moment, in dem ich nicht bete, dass sie euch retten. Heute muss es geschehen. Gott wird das Wunder vollbringen. Ich warte auf dich.»

«Wie lange noch? Ich habe einen Sohn. Niemand bereitet einen auf so etwas vor. Ich habe bald keine Hoffnung mehr und frage mich, wie das Leben ohne ihn sein wird.»

«Ich bin traurig. Man muss mit dem Schlimmsten rechnen.»

Der letzte Kontakt

Am 15. November stellt Pedro Martín Fernández, der Kapitän der Ara San Juan, zum letzten Mal Kontakt mit einer Marinebasis auf dem Festland her. Es ist sieben Uhr morgens, das U-Boot befindet sich 430 Kilometer von der Küste entfernt auf der Höhe des Golfes von San Jorge. Der Kapitän meldet eine kleine elektronische Havarie, aber er könne problemlos weiterfahren. Drei Tage später sagt Enrique Balbi, der Sprecher der argentinischen Marine: «Es gibt kein Indiz, dass etwas Schlimmes passiert ist. Aber wir haben keine Verbindung mehr zum U-Boot.»

Zu jenem Zeitpunkt suchen Schiffe, Flugzeuge und Helikopter aus 14 Nationen nach der Ara San Juan, unter ihnen argentinische, amerikanische, brasilianische, französische, norwegische und deutsche Einheiten. Auch britische sind dabei, obwohl sich Argentinien und Grossbritannien noch immer um die Falkland-Inseln streiten. Mehr als 4000 Personen durchkämmen ein Gebiet von der Grösse Italiens. Sie wissen, dass der Sauerstoff im U-Boot nicht mehr lange reichen wird.

Am Sonntag, dem 19. November, kommt plötzlich Hoffnung auf. Das Verteidigungsministerium meldet, die Besatzung der Ara San Juan habe am Tag zuvor siebenmal versucht, über Satellit Kontakt aufzunehmen. Argentiniens Verteidigungsminister Oscar Aguad schreibt auf Twitter: «Wir übermitteln den Familien der 44 Marinesoldaten die Hoffnung, dass sie ihre Angehörigen bald wieder zu Hause empfangen können.» Zu den Vermissten gehört auch eine Frau, die 35-jährige Eliana María Krawczyk. Sie ist die erste U-Boot-Offizierin Argentiniens und Lateinamerikas.

«Adiós amor»

Am folgenden Tag erschweren fünf Meter hohe Wellen und Windgeschwindigkeiten von 75 Stundenkilometern die Suche. Sie kann phasenweise nur mit Flugzeugen fortgesetzt werden, für die Schiffe wäre das Auslaufen zu gefährlich. Anderntags bessern sich die Wetterbedingungen wieder. Ein Suchflugzeug sichtet zwei Leuchtkörper, wie sie in Not geratene Schiffe abfeuern, um auf sich aufmerksam zu machen. Ein Suchschiff stösst auf ein Rettungsboot, das menschenleer im Ozean dahin treibt. Später wird sich herausstellen, dass beides nichts mit der Ara San Juan zu tun hat, genauso wenig wie die zwei Tage zuvor registrierten Kontaktversuche über Satellit.

Am 23. November lassen die argentinischen Behörden um 14 Uhr verlauten, der Sauerstoff im U-Boot neige sich dem Ende zu. Um 16 Uhr tritt der Sprecher Enrique Balbi in der Marinebasis der Stadt Mar del Plata vor Journalisten und Angehörige. Er spricht von einer Explosion. Höchstwahrscheinlich habe sie sich im U-Boot ereignet, und dies bereits am 15. November, vier Stunden nach dem letzten Kontakt. Balbi und andere Exponenten der Marine verwenden Formulierungen wie «hydroakustische Anomalie» oder «kurzes, gewaltsames, nicht nukleares Ereignis».

Jesica Gopar schreibt in Grossbuchstaben zwei Worte auf Twitter: «Adiós amor.»

Angehörige zertrümmern das Mobiliar

Nun bricht über Argentinien die unvermeidliche Welle der Schuldzuweisungen, der Verdächtigungen, des politischen Streits um die Verantwortung herein. Nachdem Balbis Worte in der Marinebasis von Mar del Plata binnen Sekunden alle Hoffnungen zerstört haben, hindern ihn die Angehörigen daran, seine Erklärung zu Ende zu verlesen. Aus Wut und Verzweiflung zertrümmern sie das Mobiliar. Die Frau eines Marinesoldaten schreit: «Das sind verfluchte Perverslinge, sie haben uns eine Woche lang hoffen lassen. Warum haben sie es uns nicht gleich gesagt? Sie haben uns belogen.»

Das ist einer der Vorwürfe, der Marine und Verteidigungsministerium trifft: Zu wenig schnell und ehrlich über die grausame Wahrheit informiert zu haben. Experten sagen, eigentlich habe von Anfang an nur ein plötzliches und katastrophales Ereignis erklären können, weshalb die Besatzung der Ara San Juan nicht einen einzigen Notruf abgesetzt habe. Doch die Marine gab erst fünf Tage nach dem letzten Kontakt mit dem U-Boot überhaupt bekannt, dass der Kapitän technische Probleme gemeldet hatte. Während mehrerer Stunden verheimlichten die Militärs selbst dem Verteidigungsminister, dass ein U-Boot verschollen sei. Er erfuhr von dem Unglück über die Medien.

Bilder: U-Boot mit 44-köpfiger Besatzung verschollen

Die Explosion in der Zone, in der sich die Ara San Juan am Morgen des 15. Novembers befand, nahmen die Messgeräte zweier Institutionen wahr: Jene des US-Militärs und der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien. Deren Experten brauchten einige Zeit, um die Ursache der Erschütterung zu analysieren und den Argentiniern mitzuteilen. Die Atomenergie-Organisation klärte ab, ob allenfalls ein Nukleartest die Erschütterung verursacht hatte, daher Balbis bizarr wirkender Hinweis auf ein «nicht nukleares Ereignis». Der Marinesprecher behauptet, und dabei hat er die Plausibilität auf seiner Seite: «Hätten wir von Anfang an von der Explosion gewusst, hätten wir niemals in einem derart riesigen Gebiet gesucht.»

Argentiniens veraltete Armee

Aber es gibt auch Zweifel, ob das 1985 gebaute U-Boot überhaupt noch seetüchtig war und ob die letzte Revision ordnungsgemäss ausgeführt wurde. Es gibt ausserdem Berichte von einer Havarie im Jahre 2014. Eine Zeitung hat ein Dokument publiziert, aus dem hervorzugehen scheint, dass die 960 Batterien des U-Bootes vor einigen Jahren nicht ersetzt, sondern lediglich repariert wurden. Obwohl doch das Verteidigungsministerium mehr als fünf Millionen Dollar für neue Batterien gesprochen hatte. Ein Experte vermutet, man habe nach der Revision die Aussenwände des U-Bootes schlampig wieder zusammengeschweisst. So könnte Wasser eingedrungen sein und beim Kontakt mit den Batterien die Explosion verursacht haben.

Und dann sind da die Klagen über den miserablen Zustand der argentinischen Armee. Nach der Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983 und dem verlorenen Krieg um die Falkland-Inseln hat die Institution an Ansehen verloren. Argentinien gibt 0,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes für seine Armee aus, während es im lateinamerikanischen Durchschnitt 1,6 und im weltweiten 3 Prozent sind. Laut dem Armeeexperten Rosendo Fraga sind 90 Prozent der argentinischen Militärausrüstung und der Geräte zwischen 30 und 50 Jahre alt.

Argentiniens Regierung und Behörden haben in der Vergangenheit so oft gepfuscht und geschwindelt, vertuscht und beschönigt, dass ihnen die Öffentlichkeit alles zutraut, erst recht nach einer solchen Tragödie. Präsident Mauricio Macri wird deshalb Mühe haben, Schaden von seiner Regierung abzuwenden. Nachdem die Öffentlichkeit vom verschollenen U-Boot erfahren hatte, zeigte er immerhin genug Taktgefühl, um zuerst Angehörige der Opfer aufzusuchen. Erst danach traf er sich mit hochrangigen Militärs.

Ein Abgrund von 3000 Metern Tiefe

Macri hat Untersuchungen und Ermittlungen angekündigt, wie man es nicht anders erwarten konnte. Laut argentinischen Medien sind die Spannungen zwischen Regierung und Armeeführung gross, und Macri soll bereits beschlossen haben, den Chef der Marine zu entlassen.

Offiziell wurden die Besatzungsmitglieder der Ara San Juan noch nicht für tot erklärt. Die Suche geht weiter, doch ist der Meeresboden an der vermuteten Unfallstelle derart zerklüftet, dass sich die Überreste in 200 Meter Tiefe befinden könnten. Oder in einem Abgrund von 3000 Meter Tiefe.

Nachdem der Marinesprecher Enrique Balbi den Angehörigen die Nachricht von der Explosion überbracht hatte, brach laut den Schilderungen eines Journalisten der Zeitung «Clarín» vor dem Gebäude eine junge Frau in grauem T-Shirt weinend zusammen, während sich grosse, kräftige Männer umarmten und schluchzten wie kleine Kinder. «Balbi redet, aber wer ausdrückt, was Argentinien fühlt, ist das Mädchen mit dem grauen Shirt», schrieb der Journalist.

Erstellt: 24.11.2017, 17:55 Uhr

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