Halt, wer geht da?

Ausgerechnet San Francisco verbietet der Polizei Gesichtserkennung. Das könnte Nachahmer finden.

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Den technologischen Fortschritt mit Verboten bremsen? Klingt nach Europa, nicht nach Kalifornien. Und doch war es der Stadtrat von San Francisco (das gesetzgebende «Board of Supervisors»), der diese Woche mit acht zu einer Stimme beschloss, der lokalen Polizei und allen übrigen Stadtbehörden die Verwendung von Gesichtserkennungstechnologie zu verbieten. Technikskepsis vor den Toren des Silicon Valley. Der Entscheid muss noch von der Stadtpräsidentin unterzeichnet werden.

Automatische Gesichtserkennung («Facial Recognition») ist ein mächtiges Polizeiinstrument. In China operieren die Behörden enthusiastisch damit, in Peking wie in den Uigurengebieten. In Moskau werden die 160'000 Überwachungskameras der Metro mit der Technik verknüpft, in deutschen Bahnhöfen liefen Test­reihen. Die Idee: Gesuchte Personen werden anhand ihrer Gesichter aus der Menge gefiltert. Vermisste Kinder, bekannte Terroristen, flüchtige Bankräuber. Die Technologie gleicht Live­bilder mit einer Datenbank ab und schlägt Alarm bei einem Treffer.

Gesichtserkennung macht Angst, weil sie verwundbar macht und am Recht aufs Unerkanntsein im öffentlichen Raum rüttelt. 

Das Problem sind nicht nur die unbescholtenen Bürger, die unwissentlich überprüft werden. Sondern auch die Mängel der Technologie. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology wies eben darauf hin, dass viele der gängigen Analyse-Softwares Mühe haben, dunkelhäutige Frauen korrekt zu identifizieren. Konkret: Bei schwarzen Frauen schlagen sie öfter falschen Alarm als bei weissen Männern. Pech gehabt.

Muss man die Technik deswegen verbieten? Das sei «eine sehr extreme Reaktion», beschied die industrienahe Technology and Innovation Foundation dem US-Sender NPR. Die Tech-Konzerne würden ein Moratorium bevorzugen. Kommerzielle Gesichtserkennung bleibt derweil auch in San Francisco legal. Wer ein Warenhaus betritt, muss damit rechnen, von den Betreibern gefilmt und anhand des Gesichts automatisch auf Alter, Laune, Geschlecht und vielleicht Vorstrafen geprüft zu werden. Auch das Einchecken am Flughafen wird (wie in Zürich) weiter per Gesicht möglich sein.

Gesichtserkennung macht Angst, weil sie verwundbar macht und am Recht aufs Unerkanntsein im öffentlichen Raum rüttelt. Weitere US-Städte prüfen Verbote und Moratorien. Von Facial-Recognition-Verboten werden wir auch in Europa noch hören. Wie von vielem aus Kalifornien.

Erstellt: 15.05.2019, 20:52 Uhr

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