Der Aufstieg der US-Waffenlobby

Wie ein verurteilter Todesschütze die NRA zur mächtigsten politischen Organisation Washingtons machte.

Die NRA war einmal eine Vereinigung naturliebender Sport- und Jagdschützen. Heute veranstaltet sie auch Modeschauen mit Waffen, im Bild die «Carry Guard Expo Fashion Show» vor wenigen Wochen in Milwaukee. Foto: Ben Brewer (Reuters)

Die NRA war einmal eine Vereinigung naturliebender Sport- und Jagdschützen. Heute veranstaltet sie auch Modeschauen mit Waffen, im Bild die «Carry Guard Expo Fashion Show» vor wenigen Wochen in Milwaukee. Foto: Ben Brewer (Reuters)

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Gegen den Willen der National Rifle Association (NRA) wäre Donald Trump nie Präsident geworden. Das sagt sogar Donald Trump. Und er hat der Vereinigung der Waffenbesitzer dafür umgekehrt seine Unterstützung versprochen: «Ihr seid für mich durchs Feuer gegangen, ich werde für euch durchs Feuer gehen.» Auch nach Las Vegas wird Trump sich gegen jegliche Einschränkung des Rechts aufs Waffentragen stellen. Die Verteidigung dieses Rechts ist das einzige Ziel, das die NRA verfolgt. Und zwar gerade nach tödlichen Schiessereien.

Das war lange anders. Bis in die späten 70er-Jahre war die NRA eine Vereinigung naturliebender Sport- und Jagdschützen, die sich in Wettkämpfen massen und Kameradschaft pflegten. 1968, nach der Ermordung der Bürgerrechtshelden Martin Luther King und Robert Kennedy, wurden zum ersten Mal seit langem die Waffengesetze verschärft. Der damalige NRA-Präsident war zwar davon nicht begeistert, schrieb aber seinen Mitgliedern, im Ganzen könnten «sie als Waffensportler doch mit den neuen Bestimmungen leben».

«Kein Kompromiss»

Einem Mitglied der NRA-Führungsriege passte diese gemässigte Haltung nicht. Für Harlon Carter war Waffenmissbrauch schon immer schlicht «der Preis, den wir für die Freiheit zahlen». Im Vorstand aber hatte er kaum Verbündete. Der Lobbying-Arm der NRA, den er führte, wurde kurzgehalten, es drohte eine Verlagerung des Geschäftssitzes aus Washington nach Colorado – immerhin eine Jagddestination.

Carter lancierte mit Gleichgesinnten einen Putsch. An der NRA-Generalversammlung von 1977 in Cincinnati übertölpelte er die alte Garde von Gentleman-Sportlern und übernahm die Führung. Er hatte die Mitglieder von seinem einfachen Rezept überzeugt: «Kein Kompromiss, keine Waffengesetze.»

Ein Tipp an die Mitglieder genügt – und waffenkritische Politiker werden mit Anrufen und Mails überschwemmt.

Dem neuen starken Mann der NRA sagten Bewunderer nach, mit seinem spiegelglatten Schädel sehe er aus «wie eine Gewehrkugel». Carter war 1913 in Texas geboren worden und hatte in der militarisierten Grenzkontrolle eine steile Karriere gemacht.

Carters kompromisslose Ausrichtung war erfolgreich: Die Mitgliederzahlen explodierten und damit auch der Einfluss, den die NRA nicht nur über Wahlkampfspenden ausübt: Ein Tipp an die Mitglieder genügt – und waffenkritische Politiker werden mit Mails und Telefonanrufen überschwemmt.

Tötungsdelikt an einem Latino

Die Wiederwahl erfolgte einstimmig. Aber dann holte Carter die Vergangenheit ein: Zeitungen berichteten 1981, dass er 50 Jahre vorher als Jugendlicher den Latino Ramón Casiano erschossen hatte. Dafür wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber nach zwei Jahren frei. Ein übergeordnetes Gericht war zum Schluss gekommen, die Verurteilung sei nicht einwandfrei erfolgt.

Die Enthüllung, die er zuerst bestritt, schadete ihm nicht, sondern stützte sogar die vom NRA glorifizierte Legende vom rechtschaffenen Bürger, der mit der Waffe in der Hand seine Familie verteidigt. Das ist und bleibt die Haltung der Waffenlobby. Carter, der 1991 starb, hat sie als Vermächtnis der Waffenlobby hinterlassen. Sie lebt ihr bis heute nach.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 09:36 Uhr

Harlon Carter

«Kein Kompromiss, keine Waffengesetze»: Mit diesem Rezept überzeugte Carter (1913-1991) die NRA-Generalversammlung von 1977.

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