Hartnäckig, aber mit Humor

Der Präsident von Ecuador, Lenín Moreno, wird bedrängt, weil er sich vom Linken zum liberalen Reformer gewandelt hat.

Lenín Moreno setzte sich so sehr für Barrierefreiheit ein, dass die UNO ihn zum Sonderbeauftragten dafür ernannte. Foto: Getty

Lenín Moreno setzte sich so sehr für Barrierefreiheit ein, dass die UNO ihn zum Sonderbeauftragten dafür ernannte. Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lenín Moreno befand sich in den letzten Tagen nicht in der Hauptstadt Quito, sondern gewissermassen im inländischen Exil in der Küstenstadt Guayaquil. Dorthin hatte er eiligst den Regierungssitz verlegt, nachdem Demonstranten die Stadt blockiert und gedroht hatten, seinen Amtssitz zu stürmen. Weite Teile der Bevölkerung Ecuadors sind gar nicht einverstanden mit Morenos Reformpolitik.

Vor allem die indigenen Völker im Hochland sind eine Macht, die schon mehrere Präsidenten in die Flucht getrieben hat. Sie werfen Moreno Verrat vor. Der Präsident war 2017 mit einer linken Agenda angetreten, die sich an die seines Vorgängers Rafael Correa anlehnte; Moreno war dessen Vizepräsident gewesen. Doch bald nach seinem Amtsantritt kam es zum Zerwürfnis. Moreno begann, die Politik seines Vorgängers umzudrehen, arbeitete auf eine Versöhnung mit den «Gringos», den US-Ölmultis und dem IWF, hin, denen Correa die Tür gewiesen hatte. Er brach mit dem Maduro-Regime in Venezuela. Dann warf er auch noch Julian Assange aus der Botschaft in London.

Die Wandlung Morenos zum liberalen Reformer kam für die meisten Ecuadorianer unerwartet, das Linkssein schien ihm eigentlich in die Wiege gelegt. Den Vornamen verdankt er seinen Lehrereltern, die sich dafür einsetzten, dass Indigene auch in ihren Sprachen unterrichtet wurden. An der Universität schloss er sich linken Studentengruppen an. Noch als Präsident singt er gerne Songs linker Liedermacher, so erst kürzlich beim Treffen mit anderen Staatschefs der amazonischen Länder.

Er verliert die gute Laune nur, wenn es um ein Thema geht: seinen früheren Freund und jetzigen Erzfeind Rafael Correa.

Doch das erscheint seinen Gegnern nun eher als romantische Fassade. Im Gegenzug zu einem Milliardenkredit des IWF verpflichtete sich Moreno zu einschneidenden Reformen: Liberalisierung des Arbeitsmarkts, Abbau des Staatsapparats und Streichung von Subventionen. Auf seinen immer noch beliebten Vorgänger setzte Moreno die Justiz an, die ihm Korruption vorwirft. Correa setzte sich nach Belgien ab. Der Zweikampf dieser Männer prägt nun die Politik.

Anders als der angriffslustige, narzisstische Correa ist Moreno ein moderater, auf Ausgleich bedachter Mann. «Wir Ecuadorianer sind doch friedliche Menschen», sagte der 66-Jährige nach seiner Rückkehr nach Quito am Donnerstag fast flehentlich. Er versprach rasche Zugeständnisse, etwa Schuldenerlässe für indigene Gemeinschaften. An der Streichung der Treibstoffsubventionen will er jedoch festhalten. Da dürfte er die Hartnäckigkeit an den Tag legen, die er schon oft im Leben bewiesen hat.

Moreno hat mehrere Selbsthilfebücher geschrieben, das war seine Art der Aufarbeitung des Überfalls im Jahr 1998, als Autodiebe ihm in Quito in den Rücken schossen. Seitdem ist er gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Er setzte sich als Vizepräsident so sehr für die Barrierefreiheit ein, dass er zum UNO-Sondergesandten für Behinderung und Barrierefreiheit berufen wurde. Als Rezept, mit extremen Lebenssituationen umzugehen, hat der Familienvater in seinen Büchern stets eines gepriesen: Humor. Den legt er meist auch im direkten Gespräch an den Tag. Er verliert die gute Laune nur, wenn es um ein Thema geht: seinen früheren Freund und jetzigen Erzfeind Rafael Correa.

Erstellt: 10.10.2019, 19:13 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Hilferuf aus Ecuador

Analyse Venezuelas Nachbarländer sind von der Zahl der Flüchtlinge überfordert. Mehr...

In Südamerika gehen die Lichter aus

Argentinier sind Stromausfälle gewohnt. Doch was sich am Sonntag abspielte, war ohne Beispiel. Auch Uruguay war betroffen. Mehr...

Wie Freihandel aus Lateinamerika einen globalen Verlierer machte

Essay Auf dem Kontinent lastet der Fluch des Überflusses: Nirgends auf der Welt sind die Einnahmen so ungleich verteilt – das Erbe des Kolonialismus? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...