Harvey bringt Tod und Verwüstung nach Texas

Der Hurrikan legt Houston lahm, eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen der USA.

Gestrandete Autos in Houston, Texas. Harvey geht als stärkster Hurrkian seit 2005 in die Geschichte der USA. Foto: Erich Schlegel (Getty Images)

Gestrandete Autos in Houston, Texas. Harvey geht als stärkster Hurrkian seit 2005 in die Geschichte der USA. Foto: Erich Schlegel (Getty Images)

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Beten werde er, beten, dass der Regen endlich aufhöre. Mit diesem Satz beendete Greg Abbott, der gottesfürchtige Gouverneur von Texas, gestern seine Pressekonferenz. Doch die Wetteraussichten für die kommenden Tage sehen schlecht aus, da werden die Worte gen Himmel wenig ausrichten.

Nach jüngsten Vorhersagen sei bis Freitag mit heftigen Niederschlägen zu rechnen, hiess es auf allen Fernsehkanälen, die Bilder der graubraunen Wassermassen, die den Süden von Texas überfluten, in einer Endlosschleife zeigen. Erwartet wird, dass stellenweise bis zu 127 Zentimeter Regen fallen. Die Zustände seien «schlecht und werden immer schlimmer», sagte Abbott. Eine solche Sintflut gab es hier, in einer an Wetterunbill durchaus gewöhnten Region, noch nie.

Video: Houston erwartet 1,3 Meter Niederschlag

Im Moment besonders betroffen ist die texanische Metropole Houston. Die viertgrösste Stadt der USA, und noch dazu eine der wirtschaftlichen Metropolen des Landes, steht buchstäblich unter Wasser. Einzelne Vororte im Südwesten wurden bereits evakuiert, für weite Teile Houstons wurde der Springflutnotstand ausgerufen – die höchste Alarmstufe bei Überschwemmungen.

«Beispiellose Ereignisse»

«Die Ereignisse sind beispiellos», bestätigte der nationale Wetterdienst: Binnen 24 Stunden fielen hier 60 Zentimeter Regen – und der Wasserpegel steigt weiter. Deiche entlang des Brazos-River könnten überflutet werden und möglicherweise brechen, heisst es. Die Schulen sind bereits geschlossen, der Flugverkehr ist eingestellt. Innerhalb der vergangenen 15 Stunden wurden in Houston 56?000 Notrufe registriert, den Einwohnern wurde geraten, sich auf die Dächer ihrer Häuser zu retten.

Und es hört nicht auf: Gemäss Wettervorhersagen wird sich der Sturm Harvey wieder etwas zurück in den Golf von ­Mexiko verlagern und sich dann erneut über Houston entladen. 450?000 Menschen seien bereits vom Sturm direkt betroffen, erklärte der Bürgermeister von Houston, Sylvester Turner. Das Wort «Katastrophe» beschreibe nicht annähernd, «was wir hier erleiden müssen».

Derweil suchen in den sozialen Medien immer mehr Menschen nach ihren Verwandten, nach Nachbarn. Oder auch nach Haustieren. Sie bitten um Hilfe, posten Bilder überfluteter Altersheime und eingestürzter Häuser. Andere rufen dazu auf, sich in Gummibooten auf die Suche nach Vermissten zu machen.

«Man kann 2 Millionen Einwohner nicht einfach über Nacht evakuieren.»Sylvester Turner, Bürgermeister von Houston

Auch wurde bereits erste Kritik laut. Die Behörden hätten zu lange gewartet und untätig zugesehen, wie der Wasserpegel ansteige. Zumal es sich bereits um das dritte grössere Hochwasser handelt, das die Region um Houston trifft. «Wieso wurde die Stadt nicht früher evakuiert?», heisst es in verschiedenen Medien, die Katastrophe in Houston wird mit den Überschwemmungen in New Orleans und den Folgen des Hurrikans ­Katrina im Jahr 2005 verglichen, dem bisher folgenreichsten Wirbelsturm.

Sylvester Turner, der Bürgermeister, verteidigte dagegen seine Entscheidung, die Stadt nicht zu räumen. «Man kann 2 Millionen Einwohner nicht einfach über Nacht evakuieren», sagte Turner, das hätte zu einem Chaos geführt. Sie hätten verschiedene «Modelle» durchrechnen lassen und seien gemeinsam mit Meteorologen zur Überzeugung gelangt, die Menschen in ihren Häusern zu belassen. Auch wenn die Behörden vom Ausmass überrascht sein mögen – dass eine Katastrophe droht, wussten sie: Auf Ersuchen des Gouverneurs hatte US-Präsident Donald Trump bereits am Freitag für Teile von Südtexas den Notstand ausgerufen.

Bilder: Hurrikan Harvey wütet in Texas

Die Flutkatastrophe von Houston ist die direkte Folge von Hurrikan Harvey, der am Freitag bei Rockport auf die texanische Küste am Golf von Mexiko gestossen war. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern gilt Harvey als stärkster Hurrikan seit Katrina. In den betroffenen Küstenstädten wie Rockport, Corpus Christi oder Victoria sind derzeit mehr als 220?000 Menschen ohne Stromversorgung.

Der Sturm hat sich zwar abgeschwächt, doch die Regenschauer lassen einfach nicht nach. Einige Gebiete im Süden von Texas «werden für Monate unbewohnbar» bleiben, prophezeite Brock Long, der Leiter der US-Katastrophenschutzbehörde Fema. Die Zahl der Todesopfer indes blieb bis jetzt erstaunlich gering. Drei Menschen, die dem Sturm zum Opfer gefallen sind, bestätigte Long bisher. Allerdings dürfte sich die Zahl in den kommenden Tagen noch erhöhen. Auch das verschmutzte Trinkwasser könnte gemäss Experten zum Problem werden. Die Behörden riefen die Bevölkerung auf, Trinkwasser abzukochen.

Raffinerien geschlossen

Die Schäden durch Hurrikan Harvey dürften «in die Milliarden» gehen, erklärte Gouverneur Greg Abbott. Die Überflutungen in Houston treffen nicht nur Hunderttausende von Menschen und Kleinbetriebe, sondern haben eines der Zentren der amerikanischen Öl- und Gasindustrie fürs Erste lahmgelegt. Houston gilt als Energiehauptstadt Amerikas. Zahlreiche Raffinerien befinden sich entlang des Schiffskanals, der die Stadt mit dem Golf von Mexiko verbindet. Knapp ein Fünftel des in den USA geförderten Öls wird hier verarbeitet.

Mehrere Raffinerien wurden vorübergehend geschlossen, darunter die Anlagen des Energiekonzerns Exxon Mobile in Baytown; es ist die zweitgrösste der USA. Gemäss Experten wird sich die Stilllegung der Raffinerien auf die Benzin- und Gaspreise auswirken. Manche halten einen Benzinpreisanstieg von bis zu 25 Cent pro Gallone für möglich – die erste deutliche Erhöhung seit langem.

Am Montag wandte sich auch Houstons Polizeichef Art Acevedo an die Bevölkerung und rief allen Menschen, die in ihren überfluteten Häusern auf Hilfe warten, zu: «Bringt euch in Sicherheit. Habt Geduld. Wir werden jeden von euch holen.»

Erstellt: 28.08.2017, 21:25 Uhr

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