Hier ist Trumps Mauer längst gebaut

Während der US-Präsident um seinen Grenzwall zu Mexiko kämpft, leben die Menschen in Nogales und El Paso bereits mit Barrieren.

Die Mexikaner gehen in die USA zum Arzt, die Amerikaner gehen nach Mexiko essen: Ein Grenzzaun trennt Nogales. (Video: Tamedia/AFP)

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Morgens um zehn Uhr geht das Tor auf, dann beginnt der kleine Grenzverkehr zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Auf der mexikanischen Seite stehen die Menschen schon seit einer Stunde Schlange vor dem Grenzübergang, auf der amerikanischen ist es hingegen noch ruhig. Ein Lastwagen der Border Patrol rumpelt vorbei, der einen Anhänger mit zwei Pferden zieht.

3000 Kilometer entfernt in Washington streiten Präsident Donald Trump und die Demokraten über den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Hier in Nogales, einer Kleinstadt im Süden Arizonas, ist diese Mauer schon seit Jahren Realität. Wobei der Begriff Mauer nicht ganz zutreffend ist. Das amerikanische Nogales wird von seiner gleichnamigen Schwesterstadt im mexikanischen Bundesstaat Sonora durch einen Zaun getrennt: eine massive Konstruktion aus senkrechten Stahlröhren, die mit Beton gefüllt sind, fünf bis sieben Meter hoch.

Der Zaun verläuft schnurgerade durch die Mitte der Stadt, er folgt dem Terrain über Hügel und durch Senken und endet erst etliche Meilen jenseits der Ortsgrenzen draussen in der Wüste. Ginge es nach Trump, würde ein grosser Teil der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit einem solchen Stahlzaun versehen.

Man kann in Nogales recht gut sehen, dass so ein Zaun das grenzübergreifende Zusammenleben zwar behindert, aber längst nicht beendet. Nogales/Arizona (20000 Einwohner) und Nogales/Sonora (300000 Einwohner) sind eng miteinander verflochten. Viele Menschen haben Familienangehörige auf beiden Seiten. Und der legale Grenzverkehr funktioniert: Jeden Tag überqueren Zehntausende Menschen und Fahrzeuge in Nogales die Grenze. Mexikanische Staatsbürger brauchen für die Einreise Visa, welche die US-Behörden aber an die Bewohner des Grenzgebiets recht grosszügig verteilen.

Das führt dazu, dass manche mexikanischen Familien ihre Kinder jeden Morgen über die Grenze in US-Schulen schicken. Die Mexikaner kommen auch, um in den USA einzukaufen oder zum Arzt zu gehen, die Amerikaner gehen nach Mexiko, um dort zu essen.

«Irgendeine Art von physischer Barriere brauchen wir.»

Der Stahlzaun macht das unbequemer, verhindert es aber nicht. Und selbst Einwohner, die wenig von Trump und seinen Mauerbauplänen halten, sind der Ansicht, dass der Zaun nötig sei. «Irgendeine Art von physischer Barriere brauchen wir», sagt ein Geschäftsmann, der anonym bleiben möchte. «Allein schon wegen der Drogen.» Im Februar fand die US-Grenzpolizei bei einer Kontrolle in Nogales in einem Lastwagen 115 Kilogramm der mörderischen Droge Fentanyl sowie 180 Kilogramm Crystal Meth – versteckt unter Gurken. Eine offene ­Grenze wäre eine Einladung an die mexikanischen Drogenkartelle.

Trotzdem wehren sich die Einwohner von Nogales dagegen, wenn ihre mexikanischen Nachbarn von Trump nur als Verbrecher dargestellt werden. «Es gab schon die Furcht, dass die ganze Debatte über die Mauer hier das Klima vergiftet», sagt der Geschäftsmann. Das sei zum Glück bisher nicht passiert. «Aber es ist nicht gut, so etwas über seine Nachbarn zu hören.»

Im vergangenen Herbst, auf dem Höhepunkt des Kongresswahlkampfs, schickte Trump die Armee nach Nogales. Die Soldaten befestigten auf der amerikanischen Seite Stacheldrahtrollen am Grenzzaun. Seither hängt der Draht dort, garstig und glänzend – eine martialische, aber weitgehend überflüssige Machtdemonstration, wie selbst Grenzpolizisten bestätigen. «Grössere Gruppen von illegalen Einwanderern hält der Zaun ohnehin ab», sagt ein Beamter, der an der Grenze Wache schiebt. «Und die jungen Männer, die trotzdem über den Zaun klettern, drücken den Stacheldraht einfach mit Stöcken zur Seite.»

Die andere Welt in El Paso

Dass ein Grenzzaun eben nicht alle Immigrationsprobleme löst, kann man 500 Kilometer östlich von Nogales beobachten, in der texanischen Stadt El Paso. Auch dort trennt ein Stahlzaun die USA und Mexiko. Trotzdem werden dort die Übergänge von Migranten förmlich überrannt, vor allem von Familien aus Honduras, El Salvador und Guatemala, die der Armut und Kriminalität in ihrer Heimat entkommen wollen.

Die Border Patrol nimmt jeden Tag Tausende Migranten an der Südgrenze in Gewahrsam. Und El Paso ist das Epizentrum. Da es keine Unterkünfte für so viele Menschen gibt, hält die Grenzpolizei sie unter einer Autobahnüberführung fest. Manche werden nach der Überprüfung einfach in die USA entlassen – eine Praxis, die Trump eigentlich beenden wollte.

Doch während der Zaun in Nogales grössere Migrantengruppen abschreckt, ist er in El Paso einer der Gründe für den Ansturm von Einwanderern. Das liegt daran, dass der Zaun in Nogales direkt auf der Grenzlinie steht. Um auf das Staatsterritorium der USA zu gelangen, muss man ihn überwinden.

An der Südgrenze der USA gibt es tatsächlich eine Krise – eine humanitäre.

In El Paso hingegen verläuft die Grenze am Rio Grande. Der Zaun aber steht einige Meter vom nördlichen Flussufer entfernt auf US-Gebiet. Die Migranten waten durch den Rio Grande und lassen sich dann auf dem schmalen Landstreifen zwischen Zaun und Ufer, der schon zu den Vereinigten Staaten gehört, freiwillig von der Border Patrol aufgreifen. Dann stellen sie einen Antrag auf Asyl. Der Antrag muss von einem Gericht geprüft werden, das kann Monate oder Jahre dauern. Bis dahin dürfen sich die Asylsuchenden in den USA aufhalten und untertauchen. Das wissen die kriminellen Banden, die mit dem Schmuggel von Menschen in die USA viel Geld verdienen.

An der Südgrenze der USA gibt es also tatsächlich eine Krise. Allerdings ist es keine Krise von der Art, die Präsident Trump beschwört – Verbrecherhorden, die durch eine Mauer abgewehrt werden müssen –, sondern eine humanitäre. Tausende Migranten, unter ihnen Hunderte Kinder und Jugendliche, werden in Auffanglager gesperrt, wo sie allenfalls notdürftig versorgt werden. Der Chef des US-Grenzschutzes, Kevin McAleenan, schickte einen dramatischen Appell nach Washington. Seine Behörde brauche Hilfe, sonst werde es eine Tragödie geben.

Erstellt: 29.03.2019, 06:49 Uhr

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