Hillarys wilde Schwester

Victoria Woodhull war die erste Frau, die um das Amt der US-Präsidentschaft kämpfte. Ein Vorbild für Clinton? Nicht in jeder Beziehung.

Frauenrechtlerin mit ganz hohen politischen Ambitionen: Victoria Woodhull auf einer undatierten Aufnahme. Foto: Reuters

Frauenrechtlerin mit ganz hohen politischen Ambitionen: Victoria Woodhull auf einer undatierten Aufnahme. Foto: Reuters

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Hätte Donald Trump ein Gebet an höhere Mächte frei, er würde verlangen, dass Hillary Clinton, die er charmant eine Schurkin und weltgrösste Lügnerin nennt, die Wahlnacht verbringt wie einst 1872 ihre erste Ahnin Victoria Woodhull: In einem New Yorker Gefängnis. Ein bigotter Priester namens Beecher, dessen stadtbekannte Affäre sie enthüllt hatte, beschuldigte sie der Verbreitung von «obszönem Material» in ihrer Wochenzeitung. Sie wurde im Dezember 1872 nach massiven öffentlichen Protesten freigesprochen. Doch die Wählerstimmen für die Frauenrechtlerin, die das passive wie das aktive Wahlrecht Jahrzehnte vor ihrer Einführung für sich beanspruchte, wurden nie gezählt.

Gute Idee, zumindest für Trumps Anhänger. Obszön ist, dass sie sich nicht scheuen, die frühere First Lady, Aussenministerin und Präsidentschaftskandidatin der Demokraten des Mordes zu bezichtigen. Lebenslange Haft für Hillary, gern in einer Familienzelle mit dem Obergauner Bill, fänden Trumpisten noch gnädig. Vor allem der Hass, den beide Frauen vorzüglich von Männern auf sich zogen und ziehen, macht sie zu historischen Kampfgenossinnen.

So tief sich Hillary Clinton verneigt vor einer der ersten grossen Suffragetten Amerikas, die das Undenkbare dachte und auch noch verlangte, allzu gemein will sie sich mit Victoria «Vicky» Claflin Woodhull Martin (1838-1927) nicht machen. Denn eine Dame war Vicky nicht. Sie entdeckte die Politik erst, nachdem sie sich mit Prostitution, Spiritismus, Wunderheilung, Wahrsagerei und als Saloon-Tänzerin ihr Geld verdient und ihren ruinierten Ruf gefestigt hatte. Woodhull kam aus der Gosse, das siebte von zehn Kindern eines kleinkriminellen Paares, das von Ort zu Ort zog, meist gezwungenermassen, wenn ihre Betrügereien mit Krebs heilenden Salben und anderen Quacksalbereien aufflogen.

Erste Heirat mit einem alkoholkranken Arzt

Victoria Woodhulls deutsche Biografin, Antje Schrupp, die am 20. Juli ihr vorzügliches Buch «Vote for Victoria!» über das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin vorgelegt hat, sieht in ihrer prekären Kindheit immerhin den Vorzug, dass Victoria und ihre jüngere Lieblingsschwester Tennessee ohne die Beschränkungen eines bürgerlichen Frauenlebens aufwuchsen. «Niemand erwartete, dass sie sich gesittet benehmen, in der Ecke sitzen und stricken.» Wirklich niemand erwartete, dass Victoria es weiter brächte als in eine Wahrsagerin-Bude auf der Kirmes, ins Bordell – oder in den Knast.

Hillary Clinton (Jahrgang 1947) konnte die Gnade ihrer um ein Jahrhundert späteren Geburt auskosten beim Jurastudium an den besten Universitäten. Den Zug ins Gossenhafte und Ordinäre brachte erst der stets liebeshungrige Bill Clinton in ihr Leben. Der Rest ist Geschichte. Hingegen gibt es keine Quellen, die belegten, wie oft Victoria eine Schule besuchte; wohl selten genug. Das begabte Mädchen musste früh Geld verdienen für ihren Klan, nicht zuletzt den jähzornigen und gewalttätigen Vater und die Mutter, die sich mit Hellseherei durchschlug und deren Geisterkontakte Vicky offenbar eine grosse Zukunft voraussagten.

Victoria Woodhull auf einer zeitgenössischen Karikatur. Foto: Reuters

Wie diese zum Scheitern verurteilte Frauenexistenz ohne formale Bildung in kluge Essays, mitreissende Reden über Sozialismus und die freie Liebe münden und endlich zur Gründung der «Equal Rights Party» am 9. Mai 1872 in New York führen konnte, ist schwer zu verstehen.

Victoria Claflin heiratete mit 15 Jahren das erste Mal. Es war keine gute Wahl, der Arzt namens Woodhull war schwer alkoholkrank, sie musste ihn durchbringen wie auch zwei gemeinsame Kinder. Mehr Glück hatte sie später mit einem englischen Bankier namens Martin, dessen nahe am niederen Adel situierte Familie über Jahre die Ehe mit der «nicht respektablen» Amerikanerin zu verhindern suchte. Bis zu ihrem Lebensende als reiche Landbesitzerin in England und (zumal nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1920 in den USA) gerühmte «Mutter der Sufragetten» mag sie darunter gelitten zu haben, in die höheren Kreisen tugendhafter Damen nie aufgenommen worden zu sein. Es nützte der hochbetagten Frau nicht einmal etwas, als sie sich von der freien Liebe lossagte, die sie lebenslang ausgekostetet und verteidigt hatte.

Die erste Broker-Firma von Frauen

Ihre «Partei für gleiche Rechte» verleugnete sie nie. Es muss abenteuerlich gewesen sein, als im Mai 1872 mehr als 600 Delegierte in New York zusammenkamen. Mehr als die Hälfte waren Frauen, berichtet «Vote for Victoria!»: Vertreterinnen und Vertreter aus der Anti-Sklavereibewegung, Teilen der Arbeiter-Bewegung, des Spiritismus und anderen Reformgruppen aus 22 Bundesstaaten der USA. Es muss eine um gefühlte 130 Jahre zu früh gekommene Regenbogenkoalition gewesen sein.

Genauer: Es war schrill, wie die Zeitung «The World» notierte, «die wahrscheinlich heterogenste Zusammenkunft, die sich jemals in der Stadt versammelt hat. Da waren Frauen und Männer und solche, die, soweit man nach Kleidung und Erscheinung gehen kann, zu jedem Geschlecht gehörten. Es gab alle Arten von Farben und Gesichtern, jedes Spektrum von religiöser, politischer und sozialer Meinung, und Vertreter von nahezu jedem –ismus, den die Welt kennt. Die rote Fahne der Kommune auf der einen Seite der Halle hingen blaue Banner gegenüber, die in goldenen Lettern Textstellen aus der Bibel trugen«. Grossartig. Nur: Parteigründungen kosten Geld. Allein aus Leibeskräften, als Hure oder Wahrsagerin, verdient man solche Summen nicht.

Das Jenseits half. Der Glaube an gute Geister aus dem Jenseits mit erstklassigen Investitionstipps verbanden den exzentrischen Immobilien- und Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt mit Victoria Woodhall. Eines Tages ging sie zu ihm, und sie verstanden sich sofort. Vanderbilt war ungebildet und grob, seine spiritistische Muse ungebildet und schlau genug, in den Bordellen aufgeschnappte Geschäftsgeheimnisse höherer Herren an Vanderbilt weiterzugeben.

Eine geglückte Spekulation um den Goldpreis machte den Multimillionär 1869 noch reicher, und er hielt sein Wort, Victoria die Hälfte seines Gewinns zu schenken: Mit 600'000 Dollar liess sich vier Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in New York prachtvoll leben; die Woodhull-Schwestern gründeten die erste Brokerfirma, die von Frauen geführt wurde – und Frauen als Kundinnen bevorzugte. Die Presse liebte die Schwestern und ihre Story. Dann gründeten sie ihr «Weekly», Victoria fühlte sich von ihren besten Geistern berufen, in die Politik zu gehen.

Das beste Mittel gegen Tyrannei und Brutalität

Eine eigene Partei musste her. Das Programm dafür liessen Victoria und Tennessee zwei Jahre lang in ihrer Wochenzeitung «Woodhull und Claflin's Weekly» heftig diskutieren; George Sand schrieb in der ersten Ausgabe über Frauenmode, später war es die erste englische Wochenzeitung, die das kommunistische Manifest von Marx und Engels abdruckte. Victoria Woodhull trat der 1864 gegründeten «Ersten Internationale» bei, war aber bald bei deutschen Genossen wegen ihre «albernen» Bekenntnisse zur freien Liebe schlecht gelitten.

Wohler fühlte sie sich unter den tiefenentspannten, völlig nonkonformistische Spiritisten; im Herbst 1871 wurde sie Präsidentin ihrer Vereinigung in den USA. Nie in ihrem Leben, auch in grösster Bedrängnis, bestritt sie, mit Geistern im Reich der Toten in Kontakt zu sein. Den Spiritismus aus ihrem Leben zu löschen, beschied sie James Blood, den langjährigen Geliebten, Lehrer und Ghostwriter ihrer Autobiografie, wäre Lüge, Sünde und ein Unsinn , «wie Hamlet ohne den Geist des Vaters».

War Victoria Woodhull je Kommunistin oder immerhin Sozialistin? Manchmal schon, dies und das, leidenschaftlich, aber nie ganz. Sie liess sich weder von der Linken vereinnahmen, noch von den sittenstrengen Frauenrechtsverbänden, die Woodhulls offene Sympathie für die Huren entsetzlich fanden. Prostituierte, die nicht tränken und sich gegen Krankheiten schützten, argumentierte Victoria, könnten zu den «gesündesten aller Frauen gehören und ihre Schönheit und Lebenskraft bis ins hohe Alter behalten». Im übrigen kenne sie hunderte von Ehefrauen, die zugäben, dass sie nicht einen Tag länger mit ihrem Ehemann leben würden, wenn sie einen anderen Weg hätten, ihren Lebensunterhalt zu sichern, und die dennoch auf Prostituierte herabsähen, als hätten sie Lepra.

«Es kann Prostitution in der Ehe geben und fairen Handel in einem Bordell.» Solche Ansichten waren unerhört und ein herrlicher Skandal. Zumal von einer Insiderin, die im New Yorker Rotlicht ebenso blendend vernetzt war wie unter Künstlern und Intellektuellen. Unbeliebt bei den Frauenrechtlerinnen machte sie sich, weil sie das Stimmrecht für gar nicht besonders wichtig hielt. In der Verfassung sei nirgends von Männern oder Frauen die Rede, nur von Personen. Das bedeute also: «Frauen haben jedes Recht. Alles, was sie tun müssen, ist, es auszuüben.» Woodhulls Priorität war eine andere: «Dass Frauen Geld verdienen können, ist ein besserer Schutz gegen die Tyrannei und Brutalität von Männern, als das sie wählen können.» Man kann sich lebhaft die Begeisterung für ihre Thesen in den Old-Boys-Klubs Manhattans vorstellen.

Wer liegt, stirbt schneller

Alkoholismus und Gewalt bei Männern waren Woodhulls Feinde, nicht Männer. Zu Gegnern taugten auch bigotte Frauen, die sich über Huren moralisch entrüsteten, nicht über die Freier. Woodhull liebte Männer, genoss sie, wechselte sie, in aller Freiheit und wohl auch in ihrer zweiten Ehe. Und Männer verehrten sie und unterwiesen sie in politisch-sozialen Ideen. Unter ihren Wohltätern waren der freigeistige Politiker und frühere Bürgerkriegs-General Benjamin Butler, James Blood und der Journalist und Verleger Theodore Tilton, der in seiner Zeitung «Golden Age» von ihr schwärmte: «Sie kann reiten wie ein Indianer, auf Bäume klettern wie ein Sportler, sie kann schwimmen, ein Boot rudern, Billard spielen und tanzen.» Herumstolzieren wie eine Engländern könne sie obendrein. Er war entzückt. Unter dem Einfluss ihrer Lehrer entwarf sie das utopische Parteiprogramm, in dem der Achtstundentag, die Abschaffung der Todesstrafe und die Schaffung eines Wohlfahrtsstaats samt öffentlichen Schulen gefordert wurde.

Kein Mann aber war je wieder so grosszügig wie Cornelius Vanderbilt. Victoria Woodhull verlor am Ende seine Freundschaft, ihr Vermögen und Haus. Erst spät gewann sie, nach elenden Zeiten, ein neues Vermögen durch die Heirat mit dem Bankier Martin. Und sie erlitt mehr Verluste: Die Freiheit für einige Wochen und (ohne allzu grossen Schmerz) die symbolische Bewerbung um die Präsidentschaft 1872. Was der Nachfrage nach ihren Autogrammkarten mit dem Aufbruck «Victoria C. Woodhull, future Presidentess» nicht schadete. Ihre Brokerfirma und die Zeitung «Weekly» gingen pleite. Mit regelmässiger Arbeit hatten es die Schwestern nicht so. Und Vanderbilts Beziehungen fehlten.

Nur ihren zählebigen Klan der kleinkriminellen Eltern und Geschwister, der ihr Geld durchbrachte, wenn sie welches hatte, wurden sie nie los. Die letzten Jahre lebte die reiche Witwe unbelästigt auf ihrem Landsitz in Bredon im englischen Worchstershire, wie es heisst, in Furcht vor Bazillen – weshalb sie den Handschlag verweigerte – und im Sitzen schlafend. Wer liegt, stirbt schneller, aufrecht sei das Leben, meinte sie. Ab und zu kamen Reporter, sie liess es sich gefallen.

Geblieben ist ihr Mythos der ersten Präsidentschaftskandidatin aus dem Prekariat, in ihren Schriften, in Filmen und Biografien. Nach ihr folgten über 14 Jahrzehnte 22 Amerikanerinnen, die von einer Partei nominiert wurden. Zuletzt Hillary Clinton. Sie darf sich rühmen, die erste Nominierte einer grossen Partei zu sein. Und die erste Frau, die eine reele Chance hat, «Präsidentesse der Vereinigten Staaten» zu werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2016, 18:56 Uhr

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