Hitze tötet US-Soldaten

Mindestens 17 Militärangehörige sind während Trainingsübungen in den letzten zehn Jahren an Hitzekrankheiten gestorben.

Die US Army hat ein Problem mit dem Klimawandel.

Die US Army hat ein Problem mit dem Klimawandel. Bild: Keystone

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Nach der neunstündigen Übung bei brütender Hitze auf der Militärbasis Fort Chaffee im US-Bundesstaat Arkansas wurde Unteroffizier Sylvester Cline zur Abkühlung und Regeneration in eine Kaserne gebracht. Nach jeder Trainingsstunde hätten seine Vorgesetzten eine 40-minütige Pause einplanen sollen. Dies taten sie jedoch nicht, wie später eine Untersuchung ergeben sollte.

Auch auf Einwände der Soldaten, das Training abzubrechen und die schwere Ausrüstung ablegen zu dürfen, gingen die Befehlshaber nicht ein. Das Training im Juni 2016 endete für den fünffachen Familienvater Cline letztlich tragisch. Der 32-jährige Irak-Veteran verstarb an den Folgen der Hitzeeinwirkung. Oder wie es der US-Newssender NBC formulierte: «Die Hitze hatte ihn getötet.» Seine Vorgesetzten wurden später aufgrund eines 23-seitigen Berichts der Armee verurteilt.

Cline war somit einer von mindestens 17 Soldaten, die seit 2008 bei Trainingsübungen an US-Militärstützpunkten durch Hitzeeinwirkung gestorben sind, wie NBC weiter berichtete. Im selben Zeitraum erkrankten zudem immer mehr Soldaten an den Folgen der Hitze.

US Marines leiden am stärksten

Eine Statistik der Armee bestätigt dies. Während 2008 noch 1766 Fälle von Hitzschlag oder Hitzeerschöpfung registriert wurden, waren es 2018 bereits 2792 – eine Zunahme von 60 Prozent. Vom Anstieg der durch Hitze verursachten Krankheiten waren alle Einheiten des US-Militärs betroffen; am stärksten jedoch die Angehörigen der US Marines. Ihre Grundausbildung gehört mit Abstand zu den anspruchsvollsten aller US-Streitkräfte.

Während die Temperaturen in den USA ansteigen, steigen sie im Nahen Osten, in Südasien und Afrika, die Regionen, in denen die US-Truppen eingesetzt werden, noch schneller an. Ehemalige Militärangehörige meinten, genau aus diesen Gründen müssten die Truppen auch in der Hitze trainieren. «Es ist egal, ob sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen oder nicht, du drückst es durch», wird ein pensionierter US-Marine-Offizier in den «New York Daily News» zitiert.

Die Erwärmung des Planeten «wird sich auf die Fähigkeit des Verteidigungsministeriums auswirken, die Nation zu verteidigen, und stellt ein unmittelbares Risiko für die nationale Sicherheit der USA dar», hiess es kürzlich in einem Bericht des Verteidigungsministeriums. Die Auswirkungen der Hitze auf die Gesundheit der Militärangehörigen beeinflusst auch die Finanzen: Arbeitsausfälle, Umschulungen und medizinische Versorgung haben die Armee zwischen 2008 und 2018 fast 1 Milliarde US-Dollar gekostet.

Kaum Bewusstsein für Gefahren bei den Kommandeuren

NBC und die Nachrichtenorganisation «Inside Climate News» verbrachten die letzten neun Monate damit, die Todesfälle durch Hitze und hitzebedingte Krankheiten im Militär zu untersuchen. Zur Untersuchung gehörte auch, wie sich das Pentagon um die Sicherheit seiner Armeeangehörigen bemüht. Fazit: Eine umfassende Strategie fehlt.

Kritisiert wurden beispielsweise die «oft stark überarbeiteten» Ermittlungsberichte des Militärs: Trotzdem fanden die Journalisten Hinweise auf Missachtung der Sicherheitsregeln, die zum Tod der Soldaten führten. Die Berichte dokumentieren ein schlechtes Gefahrenbewusstsein von Hitzekrankheiten von Kommandeuren.

Diese seien vom traditionellen Kriegerethos geprägt, das auf der Überzeugung beruht, dass die Truppen abgehärtet werden müssen, um den harten Kämpfen standzuhalten, schreiben die Reporter. Hitzegefahren werden nach Bedarf verteidigt, um die Kampfbedingungen realistisch nachzubilden.

Wie die Armee den Kampf gegen die Hitze angeht

Ehemalige Beamte und Offiziere gaben in Interviews bekannt, dass sie daran arbeiten, Hitzekrankheiten und Todesfälle zu reduzieren, indem sie die Richtlinien für die Bewertung von Hitzerisiken überarbeiten und Präventionsmassnahmen aktualisieren.

Zudem entwickeln Forscher neue Uniformen aus leichten Materialien und verschiedene Arten von Kühlwesten. Es wird jedoch noch Jahre dauern, bis diese voll funktionsfähig sind.

Angst vor Trump

Ein grosse Herausforderung besteht jedoch darin, die Bedrohung durch die Hitze generell prioritär zu behandeln oder überhaupt im Weissen Haus zu erwähnen. «Es ist ein Karrierekiller, über etwas zu sprechen, das der Regierung widerspricht», wird ein Militärbeamter zitiert, der anonym bleiben will.

«Wenn das Risiko nicht von oben kommuniziert wird, sehen die Verantwortlichen in der Befehlskette Hitze und Klimawandel möglicherweise nicht als Priorität bei der Planung und Schulung an», sagte Alice Hill, eine Beamtin des Nationalen Sicherheitsrats unter Donald Trumps Vorgänger Barack Obama, die sich auf Klima und Sicherheit konzentrierte.

Vor seiner Präsidentschaft hatte Donald Trump oft über Warnungen vor dem Klimawandel gespottet. «Globale Erderwärmung ist ein totaler und sehr teurer Scherz!», schrieb er beispielsweise 2013 auf Twitter. Ein anderes Mal bezeichnete er den Klimawandel als Konzept Chinas, um die USA wettbewerbsunfähig zu machen.

Als Amtsinhaber kürzte Trump den Etat der Umweltschutzbehörde und kündigte das Pariser Klimaschutzabkommen. Inzwischen hält Trump den Klimawandel zwar für eine Realität – aber er könne sehr wohl wieder zurückgehen, sagte er in einem Interview mit dem TV-Sender CBS im Oktober 2018.

Schweizer Armee gewappnet

Vorgesetzte von Schweizer Rekruten sind wegen der Hitze angehalten, zwingend regelmässige, kontrollierte Trinkpausen anzuordnen und für den Flüssigkeitshaushalt ihrer Untergebenen zu sorgen.

Märsche und andere körperliche Anstrengungen werden auf den frühen Morgen oder späteren Abend verlegt. Ausserdem werden die Tenue-Regeln vorübergehend gelockert. In gewissen Situationen können die Armeeangehörigen statt in der Uniform auch in T-Shirt, kurzer Hose und Turnschuhen antreten.

Glücklicherweise seien die Kader und die Ausbildner mit gesundem Menschenverstand gesegnet und gesundheitliche Beschwerden aufgrund der Hitzewelle bisher nicht bekannt, heisst es seitens der Armee. (nag)

Erstellt: 26.07.2019, 20:45 Uhr

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