Hurrikan Katrina verwandelte New Orleans in eine weisse Stadt

Die Afroamerikaner fühlen sich «besiegt in ihrer eigenen Stadt».

Hohe Sterberate: Arme Afroamerikaner hatten keine Chance, die Stadt New Orleans vor dem Eintreffen von Hurrikan Katrina zu verlassen.

Hohe Sterberate: Arme Afroamerikaner hatten keine Chance, die Stadt New Orleans vor dem Eintreffen von Hurrikan Katrina zu verlassen. Bild: Eric Gay/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als der Sturm sich verzogen hatte, waren 1800 Tote zu beklagen. Vier Fünftel von New Orleans hatte der Wirbelsturm Katrina unter Wasser gesetzt. «Der Untergang von New Orleans» betitelte der «Spiegel» seinen Aufmacher. Auch andernorts wurden der verwüsteten Stadt kaum Chancen eingeräumt.

Jetzt blüht New Orleans wieder, mit einigen Abstrichen. Seine Stadt sei «nicht länger mit Erholung und Wiederaufbau» beschäftigt, erklärte stolz Bürgermeister Mitch Landrieu im Mai. Zum zehnten Jahrestag der Katastrophe in dieser Woche gedenkt New Orleans – und feiert. Am Mittwoch kam Präsident Obama, zum Jahrestag am Samstag reist Bill Clinton an. Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Nicht nur, weil die Wahrnehmung des Zustands der Stadt weit auseinanderklafft: Laut einer neuen Erhebung ist eine Mehrheit weisser Bürger positiv eingestellt, eine Mehrheit der Afroamerikaner hingegen nicht.

Bröckelnde Dämme, amateurhafte Katastrophenhilfe

Der bittere Nachgeschmack bleibt auch, weil die Verwüstung im August 2005 eine tödliche Mischung von Dilettantismus, Vernachlässigung und Rassenressentiments offenbarte. Ein Sonderausschuss des Washingtoner Repräsentantenhauses lastete im Februar 2006 die Vorgänge in New Orleans denn auch «einem völligen Versagen des Staats auf lokaler und einzel- wie bundesstaatlicher Ebene» an. Als ob das Image der Weltmacht und ihres Präsidenten George W. Bush aufgrund des Irakkrieges nicht genug gelitten hätte, setzte Katrina noch eins obendrauf: bröckelnde Dämme, amateurhafte Katastrophenhilfe, ein erschreckender Mangel an Koordination und Voraussicht.

Immerhin war dank des Zensus von 2000 bekannt, dass über ein Viertel der Einwohner der Stadt in Slums und verarmten Bezirken keine Autos besassen. Sie aus New Orleans herauszuschaffen, wäre möglich gewesen – wenn sich staatliche Stellen früh genug darum gekümmert hätten. So aber ertranken vor allem arme Afroamerikaner in ihren tiefer liegenden Vierteln. Als «nationale Schande» beschrieb Terry Ebbert, damals Chef des Katastrophenschutzes von New Orleans, das Chaos in den Tagen nach der Überflutung. Der Präsident weilte in Texas in den Ferien, bis er endlich auf dem Heimflug nach Washington aus dem Flugzeug einen Blick auf die zerstörte Stadt warf.

Bitte beim Abendessen nicht stören

Nichts aber war skandalöser als Fema, die Bundesbehörde für den Katastrophenschutz, an deren Spitze Bush einen Amateur namens Michael Brown berufen hatte. Brown hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung, wurde vom Präsidenten unter dem Gelächter der Nation indes gelobt. «Toller Job, Brownie», sagte Bush, als er endlich an der Golfküste eintraf.

Der inkompetente Brown war nach Katrina die zweite Katastrophe, die New Orleans traf. Als die Zustände im Superdome, einer riesigen Sportarena, wohin sich die Bürger auf Geheiss der Stadt geflüchtet hatten, unhaltbar wurden und Menschen zu sterben begannen, sandte Fema-Mediensprecher Marty Bahamonde ein Mail an Brown: «Die Situation ist mehr als kritisch», drängte er. «Es ist sehr wichtig, dass Mr. Brown genügend Zeit für sein Abendessen bleibt», antwortete Browns Pressesekretärin. Die Welt staunte unterdessen: Das sollte die mächtigste Nation auf Erden sein? Schnelle Hilfe wurde angeboten, aus den Niederlanden, aus Grossbritannien, von überall her. Die Regierung Bush aber war zu stolz, sie anzunehmen.

Notunterkünfte für «Unterprivilegierte» völlig angemessen

Dass der Staat das Problem sei und nicht die Lösung, wie Ronald Reagan das konservative Credo formuliert hatte: In New Orleans erfüllte sich diese Maxime, weil ein Staat auf Sparflamme und ohne Expertise einer Katastrophe wie Katrina nahezu hilflos gegenüberstand. Obendrein zeigte der Sturm, wie prekär die Rassenbeziehungen in und um New Orleans waren. Wer könnte die Bilder weisser Polizisten vergessen, die auf einer Brücke Afroamerikanern den Weg aus der zerstörten Stadt in weisse Suburbs verwehrten? Und was hatte es zu bedeuten, als Barbara Bush, die Mutter des Präsidenten, über die schwarzen Katrina-Flüchtlinge im texanischen Houston sagte, sie seien sowieso «unterprivilegiert» und ihre Notunterkünfte deshalb völlig angemessen.

«Das Wasser stieg in drei Minuten bis auf Dachhöhe»: Flucht vor den Wassermassen. (Video: Youtube)

Heute ist New Orleans wieder eine Reise wert, wenngleich die schwarze Mittelklasse schrumpft und Kriminalität und Armut nach wie vor die Stadt zeichnen. «Bei den Afroamerikanern herrscht der Eindruck, dass sie politisch als besiegte Gruppe in ihrer eigenen Stadt leben», charakterisierte Lance Hill, ein Experte für Rassenbeziehungen an der Tulane University in New Orleans, schon 2012 das Hauptproblem. Gelöst ist es noch immer nicht.

Erstellt: 26.08.2015, 14:45 Uhr

Artikel zum Thema

Als New Orleans in den Fluten versank

Nicht Isaac wird Mitt Romney und seiner Partei wirklich gefährlich, sondern die Erinnerung an das tragische Versagen der Republikaner nach der Katastrophe durch Hurrican Katrina vor sieben Jahren. Mehr...

Schlecht vernarbte Wunden

Fünf Jahre nach dem Monstersturm «Katrina» liegen in New Orleans Wiederaufbau und schlecht vernarbte Wunden dicht an dicht. Hat die Stadt ihre Lektion gelernt. Eine Einschätzung. Mehr...

Verliebt ins quicklebendige New Orleans

Welttheater Eine Dekade nach Hurrikan Katrina lebt die Jazz-Stadt wieder. Und wie dieser totgesagte Ort wiedererstanden ist! Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Blogs

Never Mind the Markets Negativzinsen, unser notwendiges Übel

Von Kopf bis Fuss So wichtig ist Vitamin D

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Keine Berührungsängste: In der Dinosaurierfabrik von Zigong in China wird ein voll beweglicher Dinosaurier hergerichtet. China produziert 85% aller Dinosaurier weltweit. (13. November 2019).
(Bild: Lintao Zhang/Getty Images) Mehr...