«Ich bin es leid, im Elend zu leben»

Nach dem Stromausfall in ganz Venezuela gingen am Samstag die Anhänger Guaidós und Maduros auf die Strasse. Und die Lichter flackern bereits wieder.

Die Nationalpolizei hindert Demonstranten am Durchkommen in Caracas. (9. März 2019) Bild: AP via Keystone

Die Nationalpolizei hindert Demonstranten am Durchkommen in Caracas. (9. März 2019) Bild: AP via Keystone

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Seit Wochen liefert sich Juan Guaidó einen erbitterten Machtkampf mit dem venezolanischen Staatschef Nicolás Maduro – jetzt hat der selbst ernannte Interimspräsident versucht, mit Protesten seiner Anhänger den Druck nochmals zu erhöhen.

In der Hauptstadt Caracas gingen am Samstag Tausende für ihn auf die Strasse. «Es kommen harte Tage auf uns zu. Das Regime wird versuchen, uns zu spalten», sagte er bei einer Kundgebung. «In diesem Kampf ist es fundamental, dass wir weiter auf die Strasse gehen.»

Zuvor hatten Sicherheitskräfte versucht, die Demonstranten auf ihrem Marsch zur Avenida Victoria im Zentrum zu stoppen. An mehreren Stellen blockierten Bereitschaftspolizisten die Strasse und liessen die Menschen nicht passieren, wie im Fernsehen zu sehen war. Medienberichten zufolge setzten die Beamten teilweise auch Pfefferspray ein.

Paula Alvarez, eine 42-jährige Tagesmutter, klagte, sie habe wegen des Stromausfalls alle ihre Lebensmittel verloren. «Ich bin es leid, im Elend zu leben», sagte Alvarez zu einem Reporter von Bloomberg.

Guaidó hatte sich am 23. Januar selbst zum Interimspräsidenten erklärt und Staatschef Maduro damit herausgefordert. Er prangert an, dass die Wiederwahl des Sozialisten im vergangenen Jahr nicht den demokratischen Spielregeln entsprochen habe. Die USA, zahlreiche EU-Staaten und viele lateinamerikanische Länder haben Guaidó bereits als rechtmässigen Übergangspräsidenten anerkannt.

Demo von Anhängern der Regierung

Auch Staatschef Maduro trommelte am Samstag seine Anhänger zusammen. Sie marschierten durch die Innenstadt zum Präsidentenpalast Miraflores. «Wir sind ein Volk, das Widerstand leistet. Deshalb werden wir die Schwierigkeiten hinter uns lassen», sagte Aussenminister Jorge Arreaza auf der Kundgebung.

Der Präsident der regierungstreuen Verfassungsgebenden Versammlung, Diosdado Cabello, beschwor den Zusammenhalt zwischen der Bevölkerung und den Streitkräften. «Diese Einheit wird jeden Tag stärker», sagte er.

Allerdings leiden viele Venezolaner unter der katastrophalen Versorgungslage in dem einst reichen Land. Aus Mangel an Devisen kann das ölreichste Land der Welt kaum noch Lebensmittel, Medikamente und Dinge des täglichen Bedarfs für die Not leidende Bevölkerung einführen. Viele Menschen hungern, seit 2015 haben über drei Millionen Venezolaner ihre Heimat verlassen.

Stromausfall wird wohl Dutzende Leben fordern

Zuletzt legte am Donnerstag und am Freitag ein massiver Stromausfall das Land weitgehend lahm. Am Samstagmorgen funktionierte der Strom in vielen Teilen der Hauptstadt Caracas wieder, doch am Nachmittag gab es offensichtlich wieder Schwierigkeiten. Zonen im Landesinneren sind bereits über 40 Stunden ohne Strom, berichtet das Nachrichtenportal «Efecto Cocuyo».

Die Stromausfälle wirken sich auch auf den Internetzugang aus: Der Überwachungsdienst NetBlocks berichtete zuletzt, dass in weiten Teilen des Landes Probleme mit dem Internetzugang bestehen.

Die Regierung machte einen vermeintlichen Cyberangriff der USA auf das wichtigste Elektrizitätswerk für die Stromausfälle verantwortlich. Die Opposition zeigte dagegen auf die offenkundige Schlamperei, Korruption und Misswirtschaft des öffentlichen Sektors. Tatsächlich gehören kürzere Stromausfälle in Venezuela schon länger zur Normalität. Aber ein mehrtägiger Ausfall ist auch für das krisengebeutelte Land ungewöhnlich.

Weil etwa auch zahlreiche Spitäler von der Elektrizität abgeschnitten waren, sollen nach Angaben der Opposition 79 Menschen wegen des Stromausfalls gestorben sein. Die Regierung wies die Behauptung zurück.

Lage festgefahren

Die Lage in Venezuela ist festgefahren. Obwohl viele Menschen mit der Situation unzufrieden sind und Guaidó auf breite internationale Unterstützung zählen kann, verfügt er über keine ausreichend starke Machtposition, um den Regierungswechsel zu erzwingen. Maduro wird zwar auf der Weltbühne immer mehr zum Aussenseiter, kann daheim aber weiterhin auf die Unterstützung des mächtigen Militärs zählen.

Während Guaidó zuletzt durch Nachbarländer reiste, um für Unterstützung für seine Gegenregierung zu werben, will er jetzt mit neuen Demonstrationen wieder den Druck auf der Strasse erhöhen. Der Ärger vieler Venezolaner über die Stromausfälle könnte ihm dabei in die Karten spielen.

(mac/sda)

Erstellt: 09.03.2019, 22:16 Uhr

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