«Ich habe nie Kokain probiert»

Der Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch sagt, er fühle sich im Herzen als halber Kolumbianer. Trotzdem ist er bisher nie ins Land zurückgekehrt, in dem er einst fünf Jahre lang lebte.

Kolumbien zeigte ihm, wie wichtig Sicherheit für Bürger ist: Daniel Jositsch in der Uni Zürich. Foto: Sabina Bobst

Kolumbien zeigte ihm, wie wichtig Sicherheit für Bürger ist: Daniel Jositsch in der Uni Zürich. Foto: Sabina Bobst

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Sie haben von 1990 bis 1995 in Kolumbien gelebt und gearbeitet. Wie kam es dazu?
Ich habe mich während meines Studiums in den 80er-Jahren für Lateinamerika interessiert und einige Wochen an der Universität Havanna verbracht. Danach reiste ich durch Zentralamerika nach Peru. Kolumbien fand ich ein äusserst schönes Land. Nach dem Studium wollte ich in Südamerika leben, und weil es niemanden nach Kolumbien zog, war es einfach, eine Stelle zu finden.

Und was haben Sie da gemacht?
Ich war Direktor der schweizerischen Handelskammer und habe eine Dissertation geschrieben, in der ich schweizerisches Recht mit kolumbianischem verglich. Zusätzlich erwarb ich das kolumbianische Anwaltspatent, um Firmen besser beraten zu können. Den Ausweis als kolumbianischer Anwalt, die Tarjeta profesional, habe ich heute noch.

War es schwierig, das kolumbianische Anwaltspatent zu erwerben?
Die Anwaltsprüfung war weniger hart als in der Schweiz. Ich habe Kurse belegt und im Selbststudium Gesetzeswerke durchgearbeitet. Meine Arbeit als Anwalt bestand vor allem darin, für Schweizer Unternehmen bürokratische Hürden zu überwinden und Formalitäten zu erledigen.

An Strafprozessen waren Sie nicht beteiligt?
Nein. Aber ich habe mehrmals Schweizer im Gefängnis besucht, die wegen Drogenhandels einsassen. Ich weiss, wie es in einem kolumbianischen Gefängnis zu- und hergeht und kann Ihnen versichern: Da wollen Sie nie hin.

Haben Sie noch Beziehungen zu Kolumbien?
Ich verfolge das Land in den Medien und unterhalte Kontakt zu Schweizern und zu Kolumbianern, die dort leben. Aber ich war seit 1995 nie mehr dort.

Weshalb nicht?
Zunächst ging ich nicht mehr zurück, weil ich Heimweh bekommen hätte. Es war damals eine knappe Entscheidung, wieder in die Schweiz zu ziehen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich nicht bleiben sollte. Aber nach 5 Jahren muss man sich entscheiden. Wenn jemand mit 25 Jahren ins Ausland geht und vor 30 zurückkommt, wird ihm das als Asset angerechnet; bleibt er länger, ist er kleben geblieben. Erfolgstechnisch muss man nach fünf Jahren zurück.

Als Sie in Kolumbien waren, überzog der Drogenboss Pablo Escobar das Land mit Terror, ehe er im Dezember 1993 erschossen wurde.
Ja, zu Beginn meiner Kolumbienzeit explodierte fast wöchentlich eine Bombe. Trotzdem empfand ich Bogotá im Vergleich zu Peru oder El Salvador als relativ sicher. Es wurden zwar viele Leute erschossen, aber fast alle hatten etwas mit dem Drogenhandel zu tun. Wenn man sich nicht mit den falschen Personen einliess oder an gefährliche Orte ging, musste man nicht ständig um sein Leben fürchten. Dennoch ist Kolumbien natürlich ein viel gefährlicheres Land als die Schweiz. Das war ein weiterer Grund zurückzukehren.

Gegenwärtig gibt es ein Escobar-Revival, das sich etwa in der Serie «Narcos» auf Netflix niederschlägt. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Das ist eine Art Al-Capone-Faszination, die nur empfinden kann, wer die damalige Situation nicht selber erlebt hat. Im Unterschied zu späteren Drogenbossen, die eher unauffällig lebten, war Escobar äusserst exzentrisch. Das macht ihn zur idealen Hollywoodfigur. Aber die Auswirkungen des Drogenhandels waren verheerend. Die Drogen­mafia war keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern ein Phänomen, das die Fundamente des Staates untergraben hatte und phasenweise das Gewaltmonopol ausübte.

Haben Sie in Kolumbien jemals Kokain probiert?
Nein, nie. Ich gehöre zur Generation, die «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» gelesen hat. Ich wusste, was Drogenkonsum bedeutet.

Sind Sie für die Legalisierung von Drogen?
Ja, ich war schon immer ein Befürworter der Drogenliberalisierung. Erstens wird jemand, der sich selber kaputt machen will, immer einen Weg finden. Und zweitens ist die Differenz zwischen dem Produktionspreis in den Koka-Anbauländern und dem Verkaufspreis in den USA oder in Europa so gross, dass der Kampf gegen den illegalen Drogenhandel aussichtslos ist. Diesem Dilemma entkommt man nur, indem man der Drogenmafia durch eine Freigabe des Konsums das Geschäftsmodell zerstört.

Inwiefern prägt Ihre Zeit in Kolumbien den heutigen Zürcher Ständerat Daniel Jositsch?
Man wirft mir ja gelegentlich vor, für einen Sozialdemokraten sei ich ein allzu strikter Law-and-Order-Politiker. Das hat unter anderem mit meiner Erfahrung in Kolumbien zu tun. Sicherheit ist ein soziales Grundrecht. Ich weiss aus eigener Anschauung, was es bedeutet, wenn der Staat seinen Bürgern keine Sicherheit bieten kann – nämlich, dass sich jene, die Geld haben, eine prekäre Form von Scheinsicherheit erkaufen können. Und wer kein Geld hat, ist angeschmiert.

In Kolumbien geht es um Leben und Tod, um Krieg und Frieden, um Gewalt und Versöhnung. In der Schweiz diskutiert man über eine zweite Gotthardröhre und über den kantonalen Finanzausgleich. Kommt Ihnen nie der Gedanke, Ihr Leben dort drüben wäre intensiver, spannender verlaufen?
Ich identifiziere mich bis heute mit Kolumbien und höre oft kolumbianisches Radio. Ein Teil von mir ist Kolumbianer. Und doch bin ich Schweizer. Ein kolumbianischer Politiker muss damit rechnen, entführt oder erschossen zu werden. Kolumbien ist meine zweite Heimat, nicht meine erste.

Wenn Sie zurück ins Jahr 1995 könnten, würden Sie sich also wieder so entscheiden?
Ja, wahrscheinlich schon. Es ist ja nicht so, dass mein Leben in der Schweiz schlecht oder langweilig verlaufen wäre. Mit jenem Land, in dem man geboren und zur Schule gegangen ist, verbindet einen einfach mehr. Dadurch ist man auch mit seinem Schicksal stärker verbunden und verspürt einen grösseren Anreiz, sich politisch zu engagieren.

Wenn Kolumbien Ihre zweite Heimat ist, erstaunt es mich doch, dass Sie seit 20 Jahren nie mehr dort waren.
Ich nehme es mir jedes Jahr vor, und 2016 sieht es sehr gut aus. Es ist einfach eine Frage der Zeit.

Zur Sozialisation eines europäischen Linken gehört die Sympathie für lateinamerikanische Befreiungs- und Guerillabewegungen.
Bei mir war das anders. Ich lehne Gewalt aus politischen Gründen ab und habe kein Verständnis für gewalttätigen Widerstand, wenn er nicht zwingend notwendig ist. Es gibt zwar Situationen, in denen Widerstand legitim ist, weil man sich politisch nicht äussern kann. Als ich in Kolumbien lebte, war dies aber nicht der Fall. Deshalb hatte ich nie Sympathien für die kolumbianische Guerilla.

Waren Sie in Kolumbien auch politisch aktiv?
Ja, und es war die faszinierendste politische Erfahrung, die ich jemals gemacht habe.

Erzählen Sie.
Ich habe bei einer Studentenparty gesagt: «Ihr müsst doch politisch endlich einmal etwas tun, es kann doch nicht sein, dass immer dieselben 200 Familien den Reichtum dieses Landes untereinander aufteilen.» Darauf antworteten die kolumbianischen Studenten: «Dann schlag doch du mal jemanden vor.» An jenem Tag hatte der grüne Politiker Antanas Mockus seine Kandidatur als Bürgermeister von Bogotá bekannt gegeben. Er war eine Symbolfigur im Kampf gegen die Korruption und hatte in einer skandalumwitterten Aktion die Hosen runtergelassen und den nackten Hintern gezeigt, um zu sagen: Ich lasse mich nicht manipulieren.

Das ist jener Antanas Mockus, der 2010 als Präsident kandidierte und den späteren Sieger Juan Manuel Santos in Bedrängnis brachte.
Genau. Aber meine Geschichte spielt früher, im Jahr 1994. Die Studenten forderten mich auf, etwas für meine Überzeugung zu tun, obwohl ich kein Kolumbianer war. Anderntags habe ich Mockus angerufen und gesagt, ich würde ihn gerne unterstützen. Er sagte: «Sehr gut, dann sind wir ja schon sechs. Komm doch heute Abend vorbei, wir haben eine Sitzung.» Er lebte damals noch bei seiner Mutter. Weil ich Schweizer bin, beauftragte er mich mit der Finanzierung des Wahlkampfs. Ich organisierte dann irgendwelche Sammelaktionen, aber die Leute spendeten viel zu wenig.

Klingt frustrierend.
Das war es zunächst auch – bis ich für einen kurzen Aufenthalt zurück in die Schweiz kam, dort meine Freunde und Bekannten zu einem Fest einlud und ihnen sagte: «Kollegen, ich helfe bei einem Wahlkampf, und zwar für den einzigen kolumbianischen Politiker, der nicht korrupt ist. Nun spendet mal.» So kamen insgesamt 8000 Franken zusammen, fast das gesamte Wahlkampfbudget von Mockus. Erstaunlicherweise wurde er sogar gewählt.

«Ich bin erleichtert, wenn dieser grässliche Krieg zu Ende geht.»

Gegenwärtig laufen in Havanna Friedensverhandlungen zwischen der marxistischen Farc-Guerilla und der Regierung. Wahrscheinlich kommt es zu einem historischen Friedensschluss. Wie beurteilen Sie das?
Einerseits bin ich erleichtert, wenn dieser gräss­liche Bürgerkrieg zu Ende geht. Er war für das Land eine humanitäre Katastrophe, und er richtete grossen ökonomischen Schaden an. Aber auf der anderen Seite stelle ich mir als Jurist die Frage: Was ist der Preis für diesen Frieden?

Und was ist der Preis?
Der Preis ist, dass Mörder und Drogenhändler nicht nur fast straffrei davonkommen, sondern in Zukunft auch politischen Einfluss haben werden. Das ist aus rechtsstaatlicher Sicht fragwürdig.

Wenn eine Guerilla militärisch nicht besiegt wird, sondern durch Verhandlungen die Waffen niederlegt, ist dies zwangsläufig mit einer faktischen Amnestie verbunden.
In anderen Fällen, etwa in Nicaragua, El Salvador oder bei der kolumbianischen M-19, handelte es sich um politische Organisationen, die sich zwar teilweise auf kriminelle Weise finanzierten, aber dennoch für gewisse Ideale kämpften. Natürlich ist das nur halbwegs eine Entschuldigung. Die kolumbianische Guerilla aber verfolgt keine ernsthaften politischen Anliegen mehr. Diese Leute haben strafbare Handlungen begangen, für die man sie zur Rechenschaft ziehen sollte.

Sie klingen wie Álvaro Uribe – der rechtskonservative kolumbianische Ex-Präsident, der heute gegen die Friedensverhandlungen wettert.
Uribe hat mit seinen Einwänden nicht unrecht. Das Problem ist, dass die Farc militärisch nicht zu besiegen sind und ein Friedensschluss deshalb als pragmatische Lösung erscheint. Aber es dauert eine oder zwei Generationen, bis die Gesellschaft eine solche Lösung verarbeitet hat. Solange es Opfer gibt, die mit ansehen müssen, wie ihre Häscher in Amt und Würden gelangen, ist das mit Gerechtigkeit nicht zu vereinbaren. Wobei in Kolumbien auch die reguläre Armee schreckliche Verbrechen an unbeteiligten Zivilisten begangen hat, von den rechtsextremen Paramilitärs ganz zu schweigen.

Kolumbien steht im lateinamerikanischen Vergleich auch ökonomisch relativ gut da.
Das Problem bei solchen Erfolgsmeldungen aus ­Lateinamerika ist ihre Fragilität. Es hat auch für Brasilien, Argentinien oder Mexiko schon gut ausgesehen, umso grösser war dann die Enttäuschung. Was mich bei Kolumbien zuversichtlich stimmt, ist die vergleichsweise breite Mittelschicht, das politisch interessierte Bildungsbürgertum. Ja, es gibt einige Gründe, für Kolumbiens Zukunft optimistisch zu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2016, 19:15 Uhr

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