«Mein ganzes Leben war eine einzige Lüge»

Katholische Geistliche haben in Pennsylvania über Jahrzehnte Kinder missbraucht. Drei Opfer erzählen, wie sie bis heute mit den seelischen Folgen kämpfen.

Drei Opfer des Missbrauchsskandals in Pennsylvania sprechen über ihre Erfahrungen (der Beginn des Videos ist leider nicht richtig synchronisiert). Video: Tamedia/Office of the Attorney General of Pennsylvania

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Im US-Bundesstaat Pennsylvania haben einer Untersuchung zufolge mehr als 300 katholische Priester während mehrerer Dekaden sexuelle Übergriffe auf Minderjährige begangen. Rund tausend Kinder seien missbraucht worden, heisst es im Abschlussbericht eines Geschworenengremiums des Bundesstaates.

Generalstaatsanwalt Josh Shapiro sprach von einer «jahrzehntelangen Vertuschung» durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania und im Vatikan. Die Taten wurden über einen Zeitraum von 70 Jahren und auf dem Gebiet von sechs der acht Diözesen im Bundesstaat Pennsylvania verübt. Das Geschworenengremium hielt fest, tatsächlich gebe es wohl «Tausende» Opfer.

Drei der zahlreichen Opfer haben in einem Video zu Beginn der Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft über ihre Erfahrungen gesprochen. Der Älteste der dreien ist Robert, der heute 83 Jahre alt ist. Vor 70 Jahren wurde er von einem Priester sexuell missbraucht. «Sie haben mich ins Visier genommen, weil ich vaterlos war», sagt er. Er sei seinen Peinigern ausgeliefert gewesen. «Wer hätte mir denn geglaubt? Dass ein Priester jemanden missbrauchen würde – im Jahr 1948 oder 1947?» Niemand habe je von so etwas gehört, «weil sie es vertuscht haben». Sein Peiniger sei plötzlich einfach weg gewesen.

Robert spricht von schwerwiegenden psychologischen Folgen des Missbrauchs – die auch seine Familie zu spüren bekam. «Diese Priester haben diesen Leuten das Leben ruiniert. Und sogar mit 83 Jahren beeinträchtigt es sie immer noch», sagt Robert – und spielt dabei ganz offensichtlich auf sich selbst an. Seine Kinder und seine Frau hätten unter den Folgen ebenfalls gelitten. «Ich war sehr distanziert, ich konnte meiner Frau keine Zuneigung zeigen», so der 83-Jährige. «Meine Kinder konnte ich weder halten noch umarmen.» Der Priester habe ihm diese Erfahrungen weggenommen.

Zur Veröffentlichung des Berichts sagt Robert: «Ich bin so glücklich!» Er habe immer gesagt, «die werden mich nicht unterkriegen». «Sie – die Kirche – muss zur Rechenschaft gezogen werden.»

«Diese Priester haben diesen Leuten das Leben ruiniert»: Der 83-jährige Robert. (16. August 2018) Bild: Office of the Attorney General of Pennsylvania

Auch die 37-jährige Carolyn hat mit ihrer Aussage zur Untersuchung beigetragen. Sie habe ihren Peiniger kennen gelernt, als sie erst 18 Monate alt war. «Ich war noch in den Windeln. Und ich rannte hinaus und rannte ihm direkt in die Arme», sagt Carolyn. Sie kämpft mit den Tränen. «Nur schon das Wort ‹Gott› zu denken, erinnert mich an ihn.» Ihr Peiniger habe sie «die ganze Zeit» berührt.

«Das hat mein Leben so sehr verändert», sagt Carolyn. Sie fühle sich, als ob ihr ganzes Leben «eine einzige Lüge» gewesen sei. «Ich habe mich nie wohlgefühlt», fängt sie an. Die Stimme stockt. Sie korrigiert: «Ich fühle mich auch weiterhin nicht wohl in Beziehungen.»

Als ihr Vater vom Missbrauch erfuhr, sei er an die Decke gegangen. Carolyn hofft, dass der Bericht Menschen, die keine Familie haben, hilft. «Denn jetzt wissen sie, dass sie nicht allein sind und dass es da draussen viele Leute gibt, die ihnen glauben werden.»

Wie auch schon Robert sagt sie, sie sei sehr glücklich, dass der Bericht nun publiziert worden sei. «Es wird erfrischend sein, mal nicht so zu tun, als sei ich jemand anderes.»

«Ich fühle mich, als ob mein ganzes Leben eine einzige Lüge gewesen sei»: Die 37-jährige Carolyn. (16. August 2018) Bild: Office of the Attorney General of Pennsylvania

Die dritte Person ist der 48-jährige Shaun, der ebenfalls von jung auf missbraucht wurde. «Uns wurde beigebracht, na ja, dass die Priester und die Nonnen Gott sind.» Ihm sei der Eindruck vermittelt worden, dass es normal sei, dass ihn ein erwachsener Mann berühre. «Wenn dich der Priester jeden Tag berührt, das ist eine schwierige Erinnerung. Die erste Erinnerung an eine Erektion in deinem Leben ist durch die Hände eines Priesters entstanden.»

Wie auch bei Robert wurde Shauns Peiniger plötzlich ohne Vorwarnung versetzt. Die Gemeinde sei erschüttert gewesen, weil «alle ihn geliebt» hätten. «Er missbrauchte das – und die Kirche vertuschte es», fügt Shaun hinzu. «Das prägt dich für den Rest deines Lebens.»

Es gehe nicht um einen Rachezug gegen die katholische Kirche. «Man nennt uns aus guten Gründen ‹Überlebende›.» Der Missbrauch habe ihn «absolut zerstört». «Ich wollte deswegen keine Kinder», ist sich Shaun sicher.

«Ich habe lange auf diesen Moment gewartet», sagt der 48-Jährige. «Das ist etwas vom Besten, was ich je in meinem Leben gemacht habe.» Über den Missbrauch zu sprechen, sei ein wichtiger Schritt im Heilungsprozess.

«Man nennt uns aus guten Gründen ‹Überlebende›»: Der 48-jährige Shaun. (16. August 2018) Bild: Office of the Attorney General of Pennsylvania

Shaun hat separat auch zu CNN gesprochen und gesagt, was er vom Papst erwarten würde. «Was sagt man zu einer Institution, die Moral predigt, aber selbst keine hat?» Die Kirche werde eine Menge Geld verlieren. «Und die Sprache des Geldes verstehen sie. Denn wenn einer ihrer Priester etwas unterschlägt, dann verfolgen sie ihn vor Gericht mit aller Härte des Gesetzes. Wenn du als Priester von der Kirche stiehlst, gehst du ins Gefängnis. Wenn du aber ein Kind vergewaltigst, dann wirst du zu einer ganz neuen Schar Kinder transferiert.»

«Es wurde ein Verbrechen begangen, jetzt braucht es eine Strafe», so Shaun. Der katholische Glaube basiere unter anderem auf dem Konzept der Sünde. Die Kirche müsste als Allererstes aufhören, zu sündigen. «Doch die Kirche hat sich geweigert und diesen Bericht bis zur letzten Minuten bekämpft.» Ein Gesetzesvorstoss in Pennsylvania wolle die Verjährung bei Missbräuchen abschaffen. «Das könnte Gerechtigkeit schaffen», so Shaun. Denn sein eigener Fall sei verjährt, als er erst 15 Jahre alt gewesen sei. Er hätte also noch nicht einmal ein Auto fahren können und hätte bereits rechtliche Schritte erwägen müssen.

Shaun stützt sich dabei auf die veröffentlichte Untersuchung. Fast alle der aufgezählten Fälle seien mittlerweile verjährt, heisst es in dem Bericht. Zudem seien die meisten Verantwortlichen bereits verstorben. Lediglich gegen zwei Priester konnte Anklage erhoben werden.

Shaun war am Vorabend des CNN-Interviews in Harrisburg gewesen, um für das Gesetz zu lob­by­ie­ren. «Ich bin erschöpft. Heute Nacht muss ich arbeiten. Und ich stieg trotzdem ins Auto, um hier (in New York) dieses Interview machen zu können. Der Papst hätte in Pittsburg oder Harrisburg landen müssen, ehe ich gestern Abend in Long Island City ankam.» Stattdessen zeigte sich der Papst am Mittwoch auf dem St. Petersplatz in Rom, ohne die Missbräuche zu erwähnen.

Shaun kritisiert auch Ronald W. Gainer, den Bischof von Harrisburg, wo der Bericht 45 Priester des Missbrauchs beschuldigt. «Er sagt, es tue ihm leid und es gehe ihm um die Opfer», so Shaun. «Was er aber nicht sagte: Er steht der Bischofskonferenz von Pennsylvania vor, die das Lobbying bezahlt, um den Gesetzesvorstoss zu bekämpfen.» Gainer sage, er kooperiere mit den Behörden, während er gleichzeitig die Empfehlungen im Bericht bekämpfe.

Nach der Veröffentlichung des Berichts am Dienstag hat sich der Vatikan am Donnerstagabend beschämt gezeigt. Es gebe nur zwei Worte: «Scham und Bedauern», erklärte der Vatikan. «Die Opfer sollten wissen, dass der Papst an ihrer Seite ist.» Für Papst Franziskus hätten die Opfer «Priorität», erklärte der Vatikan. Die Kirche wolle ihnen zuhören. Die katholische Kirche müsse «harte Lehren» aus ihrer Vergangenheit ziehen. Sowohl die Täter als auch diejenigen, die den Missbrauch zuliessen, müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch in anderen Ländern wurden in den vergangenen Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester bekannt. Papst Franziskus trifft sich regelmässig mit Opfern sexueller Übergriffe durch Geistliche. Er hat den Missbrauchsskandal in der Vergangenheit als «grosse Demütigung» für die katholische Kirche bezeichnet.

Der Vatikan äussert sich zu den Missbrauchsfällen: Die Zusammenfassung der Nachrichtenagentur Reuters. (17. August 2018) Video: Reuters

(Mit Informationen der Nachrichtenagentur AFP.)

Erstellt: 17.08.2018, 15:57 Uhr

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