Zum Hauptinhalt springen

«Ich wurde zu einer Art Monster»

Nach der Befreiung aus der Farc-Geiselhaft verspielte Ingrid Betancourt viele Sympathien. Jetzt nimmt sie Stellung zu Vorwürfen, sie erzählt von ihren Albträumen und spricht über ihre Zukunft.

«Manchmal will ich ans Meer, manchmal möchte ich Pferde um mich haben»: Ingrid Betancourt im «Spiegel»-Interview vom 20. September 2010.
«Manchmal will ich ans Meer, manchmal möchte ich Pferde um mich haben»: Ingrid Betancourt im «Spiegel»-Interview vom 20. September 2010.
Keystone
Ein Selbstbewusstsein, das an Arroganz grenzt: Ingrid Betancourt, 47, kolumbianisch-französische Politikerin fünf Monate nach ihrer Freilassung.
Ein Selbstbewusstsein, das an Arroganz grenzt: Ingrid Betancourt, 47, kolumbianisch-französische Politikerin fünf Monate nach ihrer Freilassung.
Keystone
Vater und Tochter: Tochter Melanie Delloye-Betancourt und Ehemann Fabrice Delloye.
Vater und Tochter: Tochter Melanie Delloye-Betancourt und Ehemann Fabrice Delloye.
Keystone
1 / 15

Seit Juli 2008 ist Ingrid Betancourt wieder ein freier Mensch. Die sechsjährige Gefangenschaft bei den kolumbianischen Farc-Rebellen hat die 48-jährige Frau jedoch für den Rest des Lebens geprägt. Dazu kommt, dass sie mit einem beschädigten Image zu leben hat. Dass sie für ihre Geiselhaft vom kolumbianischen Staat eine Entschädigung in Millionenhöhe forderte, ist vor allem in ihrer Heimat schlecht angekommen. Die harte Kritik bezeichnet sie in einem grossen «Spiegel»-Interview «als sehr ungerecht.» Wie in vielen anderen Ländern gebe es auch in Kolumbien für Opfer des Terrorismus einen Rechtsanspruch auf Entschädigung. Betancourt spricht von einer erneuten politischen Volte gegen ihre Person.

Die frühere Präsidentschaftskandidatin, die «eher nicht» mehr für ein politisches Amt kandidieren wird, nimmt auch Stellung zum Vorwurf, eine Zicke zu sein und als Geisel eine besondere Stellung gehabt zu haben. Bei den Medienveröffentlichungen nach der Befreiung «gab es viel Sensationalismus», sagt sie im Interview. «Ich wurde zu einer Art Monster.» Dabei habe sie sich mit vielen Mitgefangenen gut verstanden. «Wir treffen uns heute noch, (...). Sie sind meine neue Familie», führt Betancourt weiter aus.

«Das Schlimmste sind Hubschrauber»

Betancourt, die nicht über sexuelle Belästigungen in der Geiselhaft sprechen möchte, wird heute noch ständig von Albträumen geplagt. «Das Schlimmste sind Hubschrauber. Wenn ich einen Hubschrauber höre, dann schwitze ich, werde ich panisch, muss ein Badzimmer finden, dann werde ich krank.» Wie sie weiter erzählt, hatte Betancourt in der Geiselhaft unter Todesängsten gelitten, wenn sie Hubschrauber wahrgenommen hatte.

Die sechsjährige Gefangenschaft im kolumbianischen Dschungel überlebte Betancourt, weil sie folgende Strategie verfolgte: «Es geht darum, dass man sich einen Bereich schafft, in dem man autonom ist. Wenn ich nicht entscheiden darf, wie ich leben will, entscheide ich eben über meinen Tagesablauf. Gymnastik, Yoga, baden, meditieren – darüber konnte ich entscheiden. Und ich hatte zwei Bücher: ‹Harry Potter› und die Bibel.» Mit der Bibel habe sie sich selbst erkundet. Wenn man einen kleinen Raum für sich selbst erhalte, «dann ist es egal, was sie dir antun – dann erreichen sie dich nicht.»

«Den richtigen Ort muss ich erst noch finden»

Zwei Jahre nach der spektakulären Befreiung sucht Betancourt immer noch ihr eigenes Leben. Sie habe immer noch keine Wohnung und pendle zwischen Paris und New York, wo ihr Sohn und ihre Tochter leben. «Den richtigen Ort für mich muss ich erst noch finden», sagt sie im «Spiegel»-Interview, «manchmal will ich ans Meer, manchmal möchte ich Pferde um mich haben.»

Die damalige Präsidentschaftskandidatin war am 23. Februar 2002 im Süden des Landes an einer Strassensperre der Farc-Rebellen entführt worden, als sie von der Stadt Florencia in die Stadt San Vicente del Caguán fahren wollte. Die Stadt war das Verwaltungszentrum einer für die Farc mehrere Jahre lang demilitarisierten Zone. Das kolumbianische Militär befreite Betancourt am 2. Juli 2008.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch