«Ich wusste sofort: Das ist meine Tochter!»

Das weinende Mädchen ist zum Symbol der Tragödien an der US-Südgrenze geworden. Nun sagt der Vater: Seine Frau ist heimlich mit dem Kind losgereist.

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John Moore musste kurz innehalten und durchatmen, als er letzte Woche das weinende Mädchen fotografiert hatte. Während Grenzwächter in McAllen, Texas, eine Gruppe Migranten beim illegalen Überqueren der Grenze anhielten, schoss Moore das Foto, das wie kein anderes zum Symbol der Familientragödien an der US-Südgrenze wurde. Es zeigt ein zweijähriges Mädchen, das alleine neben zwei Erwachsenen steht und verständnislos nach oben schaut – offenbar hat das Kind Angst vor dem Grenzwächter.

Nun sind erste Informationen über die Familie und den Verbleib des Kindes bekannt geworden. So hat der spanische Sender Univision den Vater des Mädchens in Honduras ausfindig machen können. Denis Varela bestätigte dem Sender im Interview frühere Mutmassungen eines Sprechers der Grenzwache: Anders als rund 2700 Kinder vor ihnen wurden das Mädchen Yanela und die 32-jährige Mutter Sandra Sanchez nicht getrennt. Ein Sprecher der Grenzwache sagte dem Sender CNN dasselbe.

«Das ist kein Grund, sein Leben zu riskieren»

Als er das Foto das erste Mal sah, war der Vater das allerdings noch im Ungewissen. «Ich wusste sofort: Das ist meine Tochter!», so Varela. Dann habe er weinen müssen. «Sie da zu sehen, hat mir das Herz gebrochen.» Yanela sei das jüngste von vier Kindern und das einzige, das die Mutter auf ihre Reise in die USA mitnahm.

Der Vater wusste allerdings nichts von den Plänen der Mutter. «Ich bekam an jenem Sonntagnachmittag über eine Familienangehörige mit, dass sie sich auf den Weg in die USA gemacht hatte – und dass sie das Mädchen mitgenommen hatte», sagt Valera.

«Sie da zu sehen, hat mir das Herz gebrochen»: Denis Varela im Interview mit Univision. (19. Juni 2018) Bild: Screenshot Univision

Der Vater anerkennt, dass die Situation in Honduras «sehr schwierig» sei. Das Land ist nach Nicaragua das zweitärmste Land Zentralamerikas. Wegen Bandenkriegen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel ist es gemessen an der Tötungsrate zudem eines der unsichersten Länder der Welt. «Aber das ist kein Grund, sein Leben zu riskieren – weniger noch das Leben des Kindes», so der Vater. Die Reise durch Zentralamerika kann für Migranten – speziell Frauen und Kinder – sehr gefährlich sein. Es drohen Überfälle, Raub und Entführungen durch kriminelle Banden. Es gibt gemäss «Amnesty International» auch Berichte von Erpressungen und Misshandlungen durch Polizeibeamte und Einwanderungsbehörden.

«Sie sind jetzt sicherer als während der Reise»

Die britische Zeitung «Daily Mail» konnte ebenfalls mit dem Vater sprechen. Im Interview mit der Zeitung ergänzt er, dass er glücklich sei, zu wissen, dass seine Frau und seine Tochter in Sicherheit seien. «Ich weiss jetzt, dass sie nicht in Gefahr sind. Sie sind jetzt sicherer als während der Reise.» Die Mutter habe einen Asylantrag gestellt.

Der 32-Jährige arbeitet als Kapitän im Hafen der Kleinstadt Puerto Cortés, wo er und seine Familie auch leben. Am Sonntag, dem 3. Juni hatte sich Sanchez zusammen mit Yanela in den frühen Morgenstunden auf den Weg gemacht. Seine Frau habe einem «Kojoten» – also einem Menschenschmuggler – rund 6000 US-Dollar gezahlt.

Ein Foto mit Tochter Yanela, Mutter Sandra Sanchez und Vater Denis Valera. (undatierte Aufnahme) Bild: Screenshot Univision

Die drei älteren Kinder der Familie würden natürlich mitbekommen, was passiert. «Sie sind ein wenig besorgt, aber ich versuche, es nicht so oft zu erwähnen.» Zumindest wüssten sie jetzt, dass ihre Mutter und Schwester in Sicherheit sind. «Ich hatte nie die Chance, mich von meiner Tochter zu verabschieden – und jetzt kann ich nur noch warten», so der Vater. «Ich will kein Geld, sondern jemand, der mir sagt, dass das mit meiner Tochter gut kommt.»

Der Vater kritisiert die «Null Toleranz»-Politik der US-Regierung scharf. «Sie verletzt die Menschenrechte und die Rechte der Kinder», so der Vater. «Kinder von ihren Eltern zu trennen, ist einfach falsch. Sie leiden und sind traumatisiert. Es ist einfach nicht richtig.»

Valeras Wortwahl reflektiert jene des Menschenrechtskommissars der Vereinten Nationen, Zeid Ra’ad al-Hussein, der die Trennung von Familien als «skrupellos» anprangerte. Schon der Gedanke, dass ein Staat versuche, Eltern abzuschrecken, indem er ihre Kinder einem solchen «Missbrauch» aussetze, sei skrupellos, sagte Zeid am Montag bei einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf. Zeid sprach unter Berufung auf den Verband der Kinderärzte in den USA von einem «von der Regierung genehmigten Kindesmissbrauch», der «irreparable Schäden» und «lebenslange Konsequenzen» zur Folge haben könne.

«Sie hat vielleicht sogar Trumps Herz berührt»

Obwohl Mutter und Tochter an der Grenze nicht getrennt wurden, ist sich Valera bewusst, dass sein Kind zum Symbol der Trennung von Familien an der US-Grenze geworden ist. In einer Kehrtwende nach einer Welle der Empörung beschloss US-Präsident Donald Trump am Mittwoch per Dekret, dass illegal ins Land gelangten Migranten nicht mehr ihre Kinder weggenommen werden sollen. Er begründete diese Entscheidung mit «Mitgefühl». «Meine Tochter hat vielleicht sogar das Herz von Präsident Trump berührt», Nachrichtenagentur Reuters.

Das Foto verbreitete sich diese Woche weiter. Das Bild wurde für eine Spendenaktion auf Facebook verwendet, bei der fast eine halbe Million Menschen für das «Refugee and Immigrant Centre for Education and Legal Services» gespendet haben. Der in Texas ansässige gemeinnützige Verein leistet Rechtsschutz für Einwanderer und Flüchtlinge.

Nachdem letzte Woche die «New York Times» und die «New York Daily News» das Bild auf ihren Titelseiten abgedruckt hatten, schneidet nun das «Time»-Magazin die weinende Yanela aus und setzt sie vor rotem Hintergrund neben Donald Trump. Dazu titelt das Magazin: «Willkommen in Amerika.»

Zur erhofften Erweichung von Trumps Herz ist hinzuzufügen, dass der US-Präsident mit seinem Dekret keineswegs von seiner «Null Toleranz»-Politik gegenüber «Illegalen» abrückt. Die Eltern sollen wegen des unerlaubten Grenzübertritts weiterhin strafrechtlich verfolgt und die Kinder mit ihnen zusammen inhaftiert werden. Ein Gerichtsurteil von 1997, wonach Kinder nicht länger als 20 Tage in Haft gehalten werden dürfen, will die Regierung anfechten.

Völlig unklar war zudem, wie die bereits getrennten Familien wieder zusammengeführt werden sollen. Mehrere US-Bundesstaaten kündigten am Donnerstag an, die Trump-Regierung wegen der Familientrennungen zu verklagen. Trumps Dekret tue «nichts dafür, dass die bereits auseinandergerissenen Familien wieder zusammengeführt werden», hiess es vom Büro des Generalstaatsanwalts des Bundesstaates Washington, der die Klage anführt.

Allein seit Anfang Mai waren laut US-Heimatschutzministerium mehr als 2300 Migrantenkinder ihren Eltern weggenommen worden. Hinzu kommen die vielen unbegleiteten Minderjährigen, die von den Behörden aufgegriffen werden.

US-Armee soll Kinder unterbringen

Die US-Armee soll nun für die Unterbringung von 20'000 illegal ins Land gelangten Minderjährigen sorgen. Das US-Verteidigungsministerium bestätigte, dass es vom Sozialministerium um Kapazitäten von bis zu 20'000 Betten in seinen Militärbasen gebeten worden sei.

Laut Pentagon kommen vier Basen infrage. Diese sind für Minderjährige vorgesehen, die unbegleitet über die Grenze in die USA kamen. Es geht dabei nicht um die Immigrantenkinder, die von ihren Eltern getrennt wurden. Im Jahr 2014 wurden auch unter Präsident Barack Obama drei Militärbasen zeitlich befristet für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt.

Erstellt: 22.06.2018, 18:44 Uhr

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