«Ihre Schönheit war ihr Verderben»

Jorge Zepeda Patterson hat einen Roman über eine Frau geschrieben, die zur Prostitution gezwungen wird. Dafür hat der mexikanische Autor jahrelang recherchiert.

Eine junge Prostituierte in Guatemala. Für seinen Roman fragte Patterson alle seine männlichen Freunde und Bekannten: «Warum kaufen Männer Sex?»
Foto: Keystone

Eine junge Prostituierte in Guatemala. Für seinen Roman fragte Patterson alle seine männlichen Freunde und Bekannten: «Warum kaufen Männer Sex?» Foto: Keystone

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Ihr Buch heisst «Milena oder der Schönste Oberschenkelknochen der Welt». Ein seltsamer Titel.
Die Heldin Milena geht als Teenager in ihrem kleinen kroatischen Dorf auf dem Schulweg jeweils am Friedhof vorbei. Sie beobachtet, wie Kinder Knochen aus alten Gräbern als Schwerter benutzen, um «Star Wars» oder die «Drei Musketiere» zu spielen. Sie denkt sich: «Ich muss raus aus diesem Dorf, sonst spielen die Kinder irgendwann mal mit meinem Oberschenkelknochen.» Und da Milena aussergewöhnlich schön ist, sind wahrscheinlich sogar ihre Oberschenkelknochen schön.

Auf ihrer Flucht wird sie sexuell versklavt und rächt sich irgendwann fürchterlich.
Ja, mehr als zehn Jahre lang zwingt eine internationale Organisation von Frauenhändlern Milena zur Prostitution. Dass sie irgendwann selbst zur Täterin wird, geschieht aus Rache. Es ist für sie aber auch die einzige Möglichkeit, dem Albtraum der sexuellen Sklaverei ein Ende zu setzen.

Ihren Roman kann man als «realistisch» bezeichnen. Wie viel Recherchearbeit steckt darin?
Die Schilderung der internationalen Mafia, die Frauen zur Prostitution zwingt und wie eine Ware verkauft, beruht auf journalistischer Recherche. Ich habe viele Heime aufgesucht, in denen ausgebeutete und misshandelte Frauen Zuflucht finden. Ich habe Reportagen und Berichte von internationalen Organisationen gelesen, und natürlich habe ich mit betroffenen Frauen und Aktivistinnen gegen den Frauenhandel gesprochen.

Gibt es ein reales Vorbild für Milena?
Ja, eine Frau aus Venezuela, der man in Mexiko einen normalen Job versprochen hatte und die dann gezwungen wurde, in Striptease-Clubs aufzutreten. Als sie zu fliehen versuchte, wurde sie von ihren Peinigern brutal zusammengeschlagen. Sie war aussergewöhnlich schön. Die Tragödie ihres Lebens bestand darin, dass die Natur sie mit dieser unglaublichen Attraktivität ausgestattet hatte und dies dazu beigetragen hatte, sie ins Elend zu treiben und zu zerstören. Ihre Schönheit war ihr Verderben.

Milena nennt die Aufzeichnungen, die sie heimlich über ihre grauenvollen Erfahrungen macht, «Geschichten des XY-Chromosoms». Das Männerbild, das dabei entsteht, ist vernichtend.
Konkret notiert sie, wie es die Männer vor sich selbst und während der Zigarette danach auch ihr gegenüber rechtfertigen, dass sie Sex kaufen. Ich habe diese Gründe während zweier Jahre zusammengetragen. Immer, wenn ich mit Freunden und Bekannten essen ging, fragte ich beim Nachtisch: «Hör mal, warum glaubst du, dass Männer zu Prostituierten gehen? In welchen Fällen würdest du das rechtfertigen?» Einige Begründungen waren grob, andere witzig, einfallsreich, und einige klangen auch nachvollziehbar.

In Schweden und Frankreich werden Freier gebüsst, und im Wiederholungsfall können sie auch strafrechtlich verfolgt werden. Sind Sie damit einverstanden?
Nein. Ich bin dafür, rigoros gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel vorzugehen. Darum geht es auch in meinem Roman, nicht um Prostitution an und für sich.

Ihr Roman ist realitätsnah, spannend, dialogreich, ironisch, voller alltäglicher Begebenheiten. Er mutet angelsächsisch an und hat nichts mit der surreal-farbigen Magie zu tun, die man oft mit lateinamerikanischen Autoren assoziiert.
Nachdem ich jahrelang als Journalist gearbeitet hatte, war es für mich nichts als natürlich, ein realistisches, auf Recherchen basierendes literarisches Werk zu schreiben. Im Übrigen haben viele lateinamerikanische Schriftsteller aufgehört, dem Stil und den Formen nachzueifern, mit denen die García Márquez’ des Kontinents ihre gloriose phantasmagorische Literatur geschaffen haben. Und dann ist mein Roman ein Krimi. Er gehört also einer Gattung an, die per Definition zum Realismus neigt.

Ihr Roman handelt auch von Korruption, von politischen Verstrickungen und Gewalt. Als Mexikos linker Präsident Andrés Manuel López Obrador vor einem halben Jahr sein Amt antrat, war die Hoffnung gross, all dies würde besser werden. Haben sich die Hoffnungen erfüllt?
Das wäre nach so kurzer Zeit etwas viel verlangt. Aber zumindest herrscht in Mexiko noch Zuversicht, dass die neue Regierung im Kampf gegen Kriminalität und Korruption erfolgreicher sein wird als die vorherigen Regierungen. Aber genauso wichtig ist etwas anderes.

Nämlich?
López Obradors Vorgänger hatten ein Weltbild, in dessen Zentrum globalisierte, urbane, wirtschaftsliberale Schichten standen, deren ökonomisch erfolgreiche Mitglieder sich auf internationalen Märkten bewegen und fast ausschliesslich weiss sind. Was sie vernachlässigten, war das sogenannte tiefe Mexiko: die Armen, die Indigenen, die Ungebildeten, die Vergessenen in den abgehängten Landesteilen – all jene, die mit diesem ökonomischen Modell nicht mithalten können und auswandern, sich Drogenkartellen anschliessen oder im informellen Sektor eine prekäre Beschäftigung suchen. Das ist in Mexiko etwa die Hälfte der Bevölkerung. López Obrador hat erkannt, dass es so nicht weitergeht, dass sich die Regierung endlich auch diesen Schichten zuwenden muss.

Das hat man seinerzeit auch von Hugo Chávez gesagt. Hat López Obrador konkrete Pläne, die nicht in Demagogie und Populismus münden?
Er hat damit begonnen, die öffentlichen Ausgaben vermehrt zugunsten dieses vergessenen Mexikos einzusetzen. Er hat ein drakonisches Programm zur Korruptionsbekämpfung durchgesetzt und sich selbst und den hochrangigen Bürokraten ein hartes Sparprogramm auferlegt. Das ist für Mexikos pharaonische politische Kaste völlig ungewohnt. Und schliesslich versucht López Obrador, eine grosse, schlagkräftige neue Ordnungskraft zu schaffen, um gegen das organisierte Verbrechen vorzugehen. Wie effizient und erfolgreich er sein wird, bleibt abzuwarten.

Bevor er gewählt wurde, hatte López Obrador versprochen, das Militär im Kampf gegen die Drogenkartelle abzuziehen. Er wollte ganz darauf vertrauen, dass die Verringerung der Armut das Problem des organisierten Verbrechens löse.
Ja, und als er an die Macht kam, musste er erkennen, dass das eine Illusion war. Er will nun eine neue Einheit von bis zu 200’000 Uniformierten schaffen, die aber im Unterschied zu den Militärs der zivilen Gerichtsbarkeit unterstehen. Und er verspricht, Folter und Hinrichtungen von Verdächtigen, wie sie bisher häufig vorkamen, in diesem neuen Polizeikorps nicht mehr zu akzeptieren. Es ist noch zu früh, um über Erfolg oder Misserfolg dieser Massnahme zu diskutieren, aber es scheint mir zumindest ein vielversprechender Versuch.

Welches sind López Obradors dunkle Seiten?
Er ist sehr streitlustig und benimmt sich manchmal nicht wie der Präsident aller Mexikanerinnen und Mexikaner, sondern so, als ob er noch immer im Wahlkampf wäre. Er beleidigt seine Gegner und stellt sie kollektiv als korrupt hin. Er versucht, seine Entscheide politisch zu legitimieren, indem er schlecht organisierte und dürftig legitimierte Volksabstimmungen durchführen lässt, an denen vor allem seine Anhänger teilnehmen und bei denen von Anfang an klar ist, dass er überwältigende Erfolge erzielt. López Obrador hat populistische Züge, die mich beunruhigen. Und doch ist er in politischer und moralischer Hinsicht viel besser als seine Vorgänger.

Erstellt: 30.05.2019, 12:59 Uhr

Zum Autor

Jorge Zepeda Patterson gehört zu den profiliertesten Autoren Mexikos. Er ist Journalist, Schriftsteller und politischer Analyst, unter anderem für die spanische Zeitung «El País». Für seinen Roman «Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt» erhielt er 2014 den «Premio Planeta», der im spanischen Sprachraum zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen gehört. Das Werk ist Teil einer international erfolgreichen Trilogie. Es ist Zepedas erstes Buch, das in deutscher Übersetzung erschienen ist. (ben)
Foto: Blanca Charolet

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Jorge Zepeda Patterson:
«Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt».

Roman. Aus dem mexikanischen Spanisch von Nadine Mutz. Gebunden, 528 Seiten, Elster-Verlag Zürich.

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