In den USA zählt nicht Begabung, sondern Geld

Der Skandal um Schummeleien beim Zugang zu Elite-Unis weist auf ein viel breiteres Problem.

Hier bleibt die Oberschicht unter sich: Harvard Business School in Massachusetts. Foto: Getty Images

Hier bleibt die Oberschicht unter sich: Harvard Business School in Massachusetts. Foto: Getty Images

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Ehepaare in den USA haben laut derin den letzten Tagen bekannt gewordenen Anklage umgerechnet 6,5 Millionen Franken an Bestechungsgeldern bezahlt, um ihr Kind an einer Elite-Universität unterzubringen. Das ist mehr, als die meisten Ameri­kaner in ihrem Leben verdienen.

Wegen dieser wahnwitzigen Summen verursacht die Affäre um Uni-Schummeleien weltweit Aufsehen – und auch deshalb, weil Prominente darin verwickelt sind. Die aus «Desperate Housewives» bekannte Schauspielerin Felicity Huffman zum Beispiel, die sich nun schuldig bekannt hat und der eine Haftstrafe droht.

Der Skandal lenkt den Blick vor allem aber auf das zutiefst ungerechte Bildungssystem in den Vereinigten Staaten, das Reiche bevorzugt und Arme bisweilen ganz ausschliesst. Dieses System wird ermöglicht und sogar gefördert von einer tief verwurzelten Lebenshaltung in diesem Land. Sie lässt sich in dem Motto zusammenfassen: me first – ich zuerst!

Egoismus und Ungerechtigkeit gibt es überall auf der Welt, gewiss. Doch nirgendwo sonst wird derart zelebriert, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich sei und ein möglichst freier Markt aus Angebot und Nachfrage schon alles regeln werde.

Universitäten als Bildungs-Kastensystem

Die berühmten und begehrten Universitäten in den USA sind private Institutionen, die nicht nur mit dem Versprechen einer qualitativ hochwertigen Ausbildung locken, sondern auch mit dem Zugang zu einem einzigartigen Netzwerk aus gegenwärtigen und ehemaligen Studenten.

Viele knüpfen dort erste bedeutsame Kontakte, sie gründen Unternehmen wie Facebook (Mark Zuckerberg und vier Kommilitonen 2004 in Harvard), Google (Larry Page und Sergey Brin 1998 in Stanford) oder Yahoo (Jerry Yang und David Filo 1995 in Stanford), die später Abermilliarden Dollar wert werden.

Das Studium an einer amerikanischen Elite-Universität ist kein Privileg für Begabte, sondern oftmals eine Investition der Erfolgreichen in eine erfolgreiche Zukunft ihrer Kinder – und damit ein Bildungs-Kastensystem.

Kurzum: Es gibt in der Welt der höheren akademischen Ausbildungin den USA keine Leistungs-, sondern eine Geld-Elite.

Gefangen im Egoismus

Das beginnt schon mit Kindergärten, die mehr als 45'000 Dollar kosten; es geht weiter mit Schulen, die mehr als 50'000 Dollar verlangen; und es endet bei Universitäten wie Harvard, die ein Studienjahr mit derzeit knapp 70'000 Dollar veranschlagen. Hinzu kommen Privatlehrer für die Vorbe­reitung auf die standardisierten Aufnahmetests, das fünf Jahre dauernde Rundum-sorglos-Paket der Firma Ivy Coach zum Beispiel kostet umgerechnet 1,5 Millionen Franken.

Und es gibt immer die – legale und vor allem von den privaten Universi­täten aktiv geförderte – Möglichkeit, über eine grosszügige Spende nach­zuhelfen. Bei aller Aufregung über den Skandal, die auch in den USA herrscht: Gar nicht so wenige Eltern investieren auch ohne Bestechung und Betrug siebenstellige Beträge in die Ausbildung ihrer Kinder.

Das US-Bildungssystem gleicht einer Pyramide, bei der sich Kinder ärmerer Familien an der ersten Stufe abrackern, während vermögende Eltern ihrem Nachwuchs eine Treppe aus Geld bis ganz nach oben bauen. Das Erstaunliche ist, wie leise und lau die Proteste dagegen sind.

Es brauchte gravierende Veränderungen, um die Ungerechtigkeit einzudämmen, eine stärkere Beteiligung des Staates etwa und eine Deckelung oder Abschaffung der Studiengebühren. Solche für Europäer normalen Gedanken gelten in den Vereinigten Staaten als radikale Versuche, den Sozialismus einzuführen. Jeder weiss, wie ungerecht dieses System ist, und doch wird sich nichts ändern.

Die Amerikaner sind – nicht nur bei der Bildung – gefangen in ihrem Egoismus.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.04.2019, 21:22 Uhr

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