Die Gewalt ist politischer geworden

In El Paso und in Ohio haben Bewaffnete ein Massaker angerichtet. Für die Opfer ist es letztlich egal, ob der Täter verwirrt ist oder rechtsradikal. Für das Land nicht.

20 Tote in einem Walmart in Texas - eine traurige Statistik. (

20 Tote in einem Walmart in Texas - eine traurige Statistik. ( Bild: Reuters

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In vier Wochen ist Labor Day in Amerika, dann ist der Sommer vorbei. Dann machen die Schwimmbäder zu, die Schule fängt wieder an, und bei vielen Eltern auch wieder die Angst. Ob sie ihr Kind, das sie am Morgen in einen der gelben Schulbusse gesetzt haben, am Nachmittag auch heil und lebend zurückbekommen. Ob nicht irgendein Irrer sein Gewehr eingepackt hat und ausgerechnet zu der Schule gefahren ist, auf die die eigene Tochter oder der eigene Sohn geht, um dort Kinder zu ermorden. Und wenn es dann, wie im vergangenen Jahr gleich zwei Mal, irgendwo in diesem Land passiert, in Parkland, Florida, oder in Santa Fe, Texas, dann mischt sich in das Entsetzen und das Grauen immer auch ein bisschen Erleichterung. Glück gehabt, weit weg.

Es sagt also schon etwas über den Gefühlszustand der amerikanischen Gesellschaft aus, dass in diesem Jahr zur Einschulung angeblich ein Geschenk ganz besonders beliebt ist: ein kugelsicherer Rucksack. Es gibt etliche Modelle auf dem Markt, die Firma Guard Dog Security zum Beispiel hat fast ein halbes Dutzend im Angebot. Vom Proshield II für 174 Dollar, den es für kleine Mädchen auch in Rosa gibt, bis zum Proshield Flex für 299 Dollar. Das ist nicht billig.

Aber für diesen Preis verspricht Guard Dog, dass der Rucksack Kugeln aller gängigen Kalibergrössen verlässlich abfängt. 9 Millimeter, 7,62 Millimeter, .45 Magnum, .38 Special und natürlich die kleinen, schnellen, fiesen 5,56-Millimeter-Geschosse, die aus den bei Amerikas Amokläufern so beliebten Sturmgewehren vom Typ AR-15 verfeuert werden und die einen menschlichen Körper in blutigen Matsch verwandeln. Ob eine Siebenjährige dann im Ernstfall, wenn um sie herum ihre Mitschüler sterben, weiss, wie sie sich hinter ihrem pinken Rucksäckchen verkriechen muss, um keine Kugel abzukriegen, ist natürlich eine ganz andere Frage.

Hier geht es zum Nachrichtenticker zu den Anschlägen in den USA.

So wie es ja eigentlich auch eine Illusion ist, die Amerikaner könnten sich wirklich davor schützen, Opfer einer Schiesserei zu werden. Es gibt Organisationen wie das Gun Violence Archive, die all die grossen und kleinen Massaker, die jedes Jahr in den USA passieren, einige mit nur einem oder zwei, andere mit 20 oder 50 Toten, sorgfältig registrieren und katalogisieren. Das bringt ein bisschen Ordnung in den Waffenwahnsinn. Aber wenn man sich diese Statistiken anschaut, dann bleibt unter dem Strich eigentlich nur eine sehr hilflose Erkenntnis: Kein Ort ist sicher.

In den vergangenen Jahren wurden in Amerika wehrlose Menschen in Schulen und Kinos ermordet, in Kirchen und Synagogen, in Einkaufszentren, Restaurants und Tanzclubs, auf einem Freiluftkonzert in Las Vegas und einem Knoblauch-Festival in Kalifornien. Es traf Junge und Alte, Frauen und Männer, Christen und Juden, Schwarze und Weisse, Homo- und Heterosexuelle. Auch der eigene Arbeitsplatz ist längst nicht mehr ungefährlich, es kommt nicht selten vor, dass ein verbitterter, entlassener Kollege zur Waffe greift und Rache an seinen früheren Mitarbeitern nimmt.

Erst vor einigen Wochen gab es so einen Fall in Virginia Beach. 13 Tote. Und das sind nur die besonders opferreichen Vorfälle, die aus dem normalen Schiessen und Sterben herausragen. Knapp 110 Menschen sterben jeden Tag in den Vereinigten Staaten durch Schusswaffen, mindestens ebenso viele werden zusätzlich täglich verletzt. Manchmal berichten die Medien über die Opfer, so wie über die sieben Jugendlichen, die am Wochenende in Chicago von einem vorbeifahrenden Auto aus angeschossen wurden. Meistens sind die Toten aber kaum eine Meldung wert, so wie der junge Mann, der am Wochenende in Washington durch Kugeln starb.

Die Gewalt ist politischer geworden.

Insofern war der vergangene Samstag, man muss das vielleicht so zynisch sagen, kein wirklich aussergewöhnlicher Tag in Amerika. 20 Tote in einem Walmart in Texas, neun Tote bei einem Amoklauf in Ohio – das ist natürlich sehr brutal. Aber nichts an den Nachrichten und Bildern aus El Paso und Dayton war wirklich neu. Die Menschen, die um ihr Leben rennen oder sich weinend in den Armen liegen, die Polizisten mit Helmen und Gewehren, die in Häuser stürmen, die Sanitäter, die die Opfer auf Bahren laden und abtransportieren, all das haben die Amerikaner schon Dutzende Male gesehen. Die Fernsehbilder von den Tatorten unterscheiden sich allenfalls beim Hintergrund. Wenn da Palmen zu sehen sind, weiss man, es ist irgendwo im Süden passiert.

Andererseits – ganz präzise ist diese Diagnose wohl nicht. In den vergangenen Jahren hat der amerikanische Waffenwahn eine neue, finstere Facette bekommen, die Böses erahnen lässt für das Land: Die Gewalt ist politischer geworden. Und das ist eine zutiefst verstörende Entwicklung. Kriminelle, die einander erschiessen, geistig gestörte Amokläufer, die um sich ballern, emotional gebrochene junge Männer, die an ihrer Schule ein Blutbad anrichten, das ist erschreckend. Aber es ist auch hinreichend weit weg vom Alltagsleben der meisten Normalbürger und ausserdem irrational genug, dass man es sich als etwas Unnormales erklären kann.

Doch einige der Schiessereien, die Amerika in den vergangenen Jahren und Monaten getroffen haben, passen nicht mehr in dieses Muster vom durchgedrehten Verrückten, der sich halt leider wegen der laxen US-Waffengesetze mit unbegrenzter Feuerkraft ausrüsten kann. Stattdessen sind diese Attentate offenbar Teil eines neuen, internationalen, rechtsradikalen Terrorismus, in dem sich Rassismus und Antiislamismus zu einem mörderischen Gebräu vermengen und der 2011 in Norwegen mit dem Massaker begann, das Anders Breivik unter linken Jugendlichen in einem Ferienlager auf der Insel Utøya angerichtet hat.

Von dort führt eine direkte Linie zu dem Attentäter, der im vergangenen März im neuseeländischen Christchurch zwei Moscheen angriff und 51 betende Muslime ermordete. Er berief sich in einem im Internet veröffentlichten Manifest auf Breivik, seine Anschläge sah er als Fortsetzung jenes angeblichen Feldzuges zur Rettung der weisse Rasse, den der Norweger, wie er vor Gericht prahlte, führte und für den es seiner Ansicht nach erforderlich war, 69 Kinder zu töten.

Für die Opfer ist es letztlich egal, ob der Täter verwirrt ist oder rechtsradikal. Für das Land nicht.

In den USA gab es in jüngster Zeit gleich zwei grössere Schiessereien, die eher den politischen Attentaten in Utøya und Christchurch glichen als den persönlich motivierten Angriffen früherer Jahre: Im Oktober 2018 stürmte ein bewaffneter Rechtsradikaler in Pittsburgh in die Tree-of-Life-Synagoge und erschoss elf Menschen. Zuvor hatte er im Internet gegen die Arbeit eines jüdischen Flüchtlingshilfswerks gehetzt, das auch von der Tree-of-Life-Gemeinde unterstützt worden war. Flüchtlinge und Einwanderer seien «Invasoren», schrieb der Attentäter, dagegen müsse er sich mit Waffengewalt zur Wehr setzen. «Scheiss drauf, wie es aussieht – ich gehe rein», lautete sein letzter Eintrag bei einem rechtslastigen Forum, bevor er seine AR-15 nahm und zur Synagoge fuhr.

Im April dieses Jahres attackierte dann ein weisser Rechtsextremist eine Synagoge in der kalifornischen Stadt Poway. Eine 60 Jahre alte Frau wurde dabei getötet, drei Gottesdienstbesucher wurden verwundet. Dass nicht noch mehr Menschen starben, lag nur daran, dass die Waffe des Attentäters klemmte. Auch dieser Angreifer hatte, bevor er loszog, im Internet auf einer einschlägigen Seite allerlei Hetze gegen Einwanderer und Muslime verbreitet und behauptet, es sei ein Plan der Juden, die Weissen in den USA und Europa durch Zuwanderer aus Lateinamerika und Afrika zu ersetzen. In rechten Kreisen ist dieser vermeintliche durch Migration verursachte «Genozid» eine weit verbreitete Mär. Als im August 2017 Hunderte Neonazis, Ku-Klux-Klan-Leute und andere Rassisten in dem Städtchen Charlottesville in Virginia aufmarschierten, lautete eine der Parolen, die sie brüllten: «Juden werden uns nicht verdrängen.»

Nach allem, was man bisher über den Attentäter von El Paso weiss, kann man zumindest nicht ausschliessen, dass auch er eine Art rechtsradikales Manifest veröffentlicht hat, bevor er zu schiessen begann. Im Internet tauchte ein entsprechendes Schriftstück auf, das die Ermittler offenbar dem 21 Jahre alten Schützen zurechnen, der sich einige Stunden nach der Tat widerstandslos festnehmen liess. Der Autor des Manifests lobt darin den Anschlag von Christchurch und klagt über eine «Invasion» von Migranten aus Lateinamerika, die die Weissen verdrängten.

«Wenn wir genug Leute loswerden, können wir unsere Lebensart erhalten», heisst es nach einem Bericht der «New York Times» in dem Pamphlet. Und so, wie es aussieht, war es am Samstag das Ziel des Attentäters, möglichst viele Menschen loszuwerden, die seiner Meinung nach nicht in die USA gehören. «Dieser Angriff ist eine Antwort auf den hispanischen Einmarsch in Texas», schrieb der Autor. Einen passenden Tatort zu finden, war nicht schwer. Ein Walmart in einer texanischen Grenzstadt bietet sich dafür geradezu an, viele Mexikaner kommen am Wochenende in die USA, um dort einzukaufen.

Die Amerikaner müssten sich fragen, was eigentlich bei ihnen schiefgelaufen ist.

Sollte der Verdacht sich bestätigen, dass der Attentäter von El Paso ein radikaler Rechter ist, dann wäre das der dritte neonazistische Anschlag in den Vereinigten Staaten binnen eines Jahres. Für die Toten mag es keinen Unterschied machen, welche Motive der Schütze nun genau hatte, der ihr Leben beendet hat. Für Amerika als Land jedoch ist es ein ganz erheblicher Unterschied, ob die Angriffe von psychisch kranken Einzeltätern verübt werden oder von Rechtsterroristen, die vielleicht alleine handeln, die aber zumindest ideell zu einem weltweiten Netz gehören, die sich im Internet radikalisieren und denen dort zugejubelt wird. Die Amerikaner müssten sich dann fragen, was eigentlich bei ihnen schiefgelaufen ist in den vergangenen Jahren, dass jetzt plötzlich einheimische, weisse Rechte das tun, was man bisher vor allem von jungen, frustrierten, muslimischen Männern in Europa kannte: losgehen und Menschen ermorden.

Und vermutlich wird man nicht umhinkommen, als eines der Dinge, die schiefgelaufen sind, den Präsidenten des Landes zu nennen. Man kann Donald Trump sicher nicht für die Attentate in Pittsburgh, Poway oder El Paso verantwortlich machen. Trump ist weder ein Antisemit, noch ist er ein zu Gewalttaten bereiter Faschist, auch wenn er mit beidem gelegentlich kokettiert, sofern es ihm politisch nützt.

Doch der Präsident hat in den vergangenen Jahren einen hetzerischen Ton in die öffentliche Debatte gebracht, dem die Worthülsen, mit denen die Attentäter ihre Morde rechtfertigen, verblüffend ähnlich sind. Das Gerede von einer «Invasion», von kriminellen Migranten aus dem Süden, die in Karawanen nach Norden ziehen und die USA angreifen und überrennen wollen, findet man nicht nur in den Manifesten der Schützen, sondern genauso in Trumps Tweets. Ähnliches gilt für die rassistischen Ausfälle Trumps.

Leute, die ihn kennen, sagen, Trump sei völlig egal, welche Hautfarbe eine Person habe – solange diese Person ihm gegenüber loyal und ihm in der Politik oder bei einem Geschäft nützlich sei. Bei Gegnern wie den jungen linken Abgeordneten, denen Trump vor einigen Wochen beschied, sie könnten ja wieder «nach Hause» in ihre vergammelten Heimatländer gehen, wenn ihnen sein Amerika nicht passe, hat der Präsident allerdings keinerlei Skrupel, rassistische Ressentiments aufzustacheln. Es war natürlich kein Zufall, dass diese Attacke des Präsidenten sich gegen vier Demokratinnen richtete – amerikanische Staatsbürgerinnen allesamt –, deren Aussehen und Namen sofort verraten, woher die Eltern einst in die USA gekommen sind; nicht, wie sich das in Trumps Kreisen gehört, aus Westeuropa, sondern aus Puerto Rico, aus Palästina und aus Afrika.

Waffenbesitz ist ein Grundrecht, das in der Verfassung steht. Lebend nach Hause kommen nicht.

Insofern konnte man die bitteren Sätze, die Richard Wiles, der Sheriff von El Paso, am Samstagabend bei Facebook veröffentlichte, nachdem er den Attentäter in seinem Gefängnis eingesperrt hatte, auch als Botschaft an den Präsidenten des Landes lesen. «Ich bin wütend, und ihr alle solltet es auch sein. Die ganze Nation sollte wütend sein», schrieb Wiles. «In dieser Zeit, in der wir schwerwiegende Probleme haben, haben wir es immer noch mit Menschen zu tun, die andere Menschen aus einem einzigen Grund töten – wegen ihrer Hautfarbe.»

Wenn man das Wort «töten» durch «beleidigen» ersetzt, ist man bei Trump.

Wird das alles nun Folgen haben? Werden Amerikas Politiker jetzt endlich einmal nicht nur wieder mit der Phrase von den «thoughts and prayers», den Gedanken und Gebeten für die Opfer der Schiessereien, um sich werfen? Werden sie sich ernsthaft daranmachen, den Waffenirrsinn einzudämmen? Wird der Präsident künftig vorsichtiger sein, wenn er seine Tweets schreibt? Wird er seine rassistische Hetze gegen Einwanderer, selbst wenn sie illegal ins Land kommen, und Leute, die anderer Meinung sind, dämpfen? Und sei es nur, um ganz sicher zu sein, dass niemand ihn falsch versteht, und damit aus harten Worten keine mörderischen Taten werden?

Natürlich nicht. Trump will die Wahl im nächsten Jahr gewinnen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, was soll da das Gewese um ein bisschen Rassismus. Auch die Waffenlobby wird nicht zurückweichen. Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber haben, wie es die Parteibasis erwartet, empörte Erklärungen über die ebenso sture wie mächtige National Rifle Association (NRA) abgegeben und schärfere Waffengesetze gefordert. Aber auch das ist weitgehend ein Ritual. Waffen zu besitzen ist in den USA ein Grundrecht, das in der Verfassung steht, basta. Davon, dass es möglich sein sollte, lebend vom Einkauf bei Walmart, aus der Schule oder der Synagoge heimzukommen, steht dort dummerweise nichts.

Amerika ist wie ein Kind, das von seinen Eltern zur Einschulung einen kugelsicheren Rucksack geschenkt bekommen hat. Irgendwie hofft es, das kleine rosa Ding, hinter dem es sich versteckt, werde die Kugeln schon abhalten.

Erstellt: 04.08.2019, 20:36 Uhr

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