Hilferuf eines spendewilligen Milliardärs

Amazon-Chef Jeff Bezos ist der zweitreichste Mensch der Welt. Nun ist er auf der Suche nach einem wohltätigen Einsatzzweck für sein Vermögen – und hat dafür die Twitter-Community befragt.

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Amazon-Gründer und CEO Jeff Bezos ist auf dem besten Weg, den Reichtums-Krösus Bill Gates von der Spitze der Vermögensrangliste zu verdrängen. Seinem Online-Versandhandel geht es blendend, der Aktienkurs hat sich in den letzten drei Jahren von 300 auf 1000 US-Dollar mehr als verdreifacht. Das hat Bezos alleine 2016 einen Zuwachs seines Vermögens um knapp 22 Milliarden Dollar eingebracht, womit er bald an Bill Gates vorbeiziehen und der reichste Mensch der Welt werden könnte.

Sein Vermögen wird von der «New York Times» mittlerweile auf über 82 Milliarden Dollar geschätzt. Während Microsoft-Gründer Bill Gates sein Vermögen (rund 89 Milliarden Dollar) seit Jahren in diverse Stiftungen und gemeinnützige Projekte investiert, hat Bezos sein Geld bisher vor allem in zwei Firmen gesteckt.

Die erste ist sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin, das er im Jahr 2000 gegründet hat und in das er nun jährlich eine Milliarde Dollar investieren will. Ein vergleichsweise kleineres Investment war 2013 der Kauf der renommierten Zeitung «Washington Post» für 250 Millionen Dollar – in bar.

Video - 2013 kaufte Bezos kaufte die Washington Post

Der Kauf erfolgte als Privatmann. (Video: Reuters, 6.8.2013)

Per Twitter die Ideen der breiten Masse abholen

Nun will auch Bezos seinen Reichtum vermehrt gemeinnützig einsetzen. Wie der Amerikaner das machen will, ist ihm aber selber offenbar noch nicht klar. Hilfe erhofft sich Bezos nun von der Twitter-Gemeinde. Diese hat er um Ideen gefragt:

Normalerweise investiere er sein Geld in langfristige Projekte, schreibt der Amazon-Chef. Dazu nennt er seine drei Firmen Amazon, Blue Origin und «Washington Post», welche alle auf ihre Weise einen Beitrag für die Gesellschaft leisteten. Seine gemeinnützige Strategie soll sich aber an der Gegenwart ausrichten.

Als Beispiel erwähnt er «Mary’s Place» in Seattle, welches Notunterkünfte für Obdachlose zur Verfügung stellt. Seit kurzem setzt sich Amazon intensiv für die Organisation ein. Im Mai erhielt «Mary’s Place» einen Schlüssel zum neuen Amazon-Hauptsitz, wo auf einer Fläche von 4300 Quadratmetern Schlafstellen für über 200 obdachlose Frauen, Kinder und Familien entstehen sollen. Gleichzeitig startete ein Spendenaufruf, für den Amazon eine Million Dollar versprach, wenn mindestens so viel gespendet würde. Es kamen 1,3 Millionen zusammen, mit dem Zustupf von Amazon also 2,3 Millionen Dollar für «Mary’s Place».

16'000 Ideen innert 12 Stunden

Bezos ist nun auf der Suche nach neuen Ideen für Wohltätigkeit, beispielsweise andere Projekte und Organisationen, in welche er sein Geld investieren und sofort helfen kann. Auf Twitter liess er aber auch wissen, dass seine Follower ihm auch mitteilen sollen, wenn sie diesen Ansatz falsch fänden. Gestern Abend hat er den Tweet gepostet und innert zwölf Stunden bereits über 16'000 Antworten erhalten.

Neben Nutzern, welche gerne für sich selber einen Batzen hätten, gibt es darunter Ideen mit aktuellem internationalen Bezug (beispielsweise Unterkünfte für die Bewohner des abgebrannten Londoner Grenfell Tower) und einige Vorschläge für die Verbesserung der Amazon-Standortstadt Seattle (Öffentliche Toiletten für Obdachlose, Verbesserung des ÖV-Systems oder bezahlbare Wohnungen), aber auch Gedanken zur Wichtigkeit von geplanten Amazon-Dienstleistungen (Drohnen sollen medizinische Notfallprodukte liefern statt Amazon-Artikel).

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Wie Bezos sein Geld wohltätig ausgeben will, weiss er selber noch nicht, er wird dies aber immer öfter gefragt werden, wenn er Bill Gates geldmässig überholt hat. Dank seines Tweets dürfte er bis dahin einige gute Ideen ausgewertet haben. Viel Zeit bleibt ihm dafür aber nicht, denn gemäss der «New York Times» wird es nicht mehr lange gehen, bis der Amazon-Gründer der reichste Mann der Welt sein wird. Sein Vermögen ist dieses Jahr bereits um 17 Milliarden Dollar gewachsen, jenes von Bill Gates, der in 18 der letzten 23 Jahre der absolut Reichste der Welt war, «nur» um 7 Milliarden.

Von der Wallstreet zur eigenen Firma in der Garage

Seinen Reichtum erschuf sich Jeff Bezos mit seiner eigenen Version des «American Dream». Er schloss 1986 an der renommierten Princeton-Universität als Elektroingenieur und Informatiker ab.

Bildstrecke - Karriere in Bildern

Nach dem Studium arbeitete er acht Jahre an der Wallstreet. 1993 heiratete er seine Frau MacKenzie, mit der er heute vier Kinder hat. Aus der New Yorker Finanzwelt stieg er schliesslich freiwillig aus, um ein eigenes Geschäft zu gründen. Nachdem er über die erwarteten Wachstumsraten im Internet gelesen hatte, startete er im Juli 1994 den Amazon-Buchhandel in seiner Garage und brachte es damit zum Self-made-Milliardär.

Vermögen in Aktien von Amazon und Google

Das Vermögen von Bezos steckt praktisch vollständig in Amazon-Aktien. Er hält 17 Prozent am Unternehmen, das sind über 81 Millionen Aktien. Diese sind derzeit 964 Dollar wert, was Bezos ein virtuelles Vermögen von knapp 80 Milliarden Dollar beschert.

Rund 3 Milliarden Dollar hat Bezos zudem in Google-Aktien, da er bereits 1998 als einer der ersten Investoren 250'000 USD in die damals noch unbekannte Firma steckte. Gewinnfaktor: 12'000.

Spenden-Versprechen nicht unterzeichnet

In Sachen Gemeinnützigkeit steht der zweitreichste Mensch der Welt bisher aber etwas im Abseits. Die von Bill Gates und Warren Buffett initiierte «Giving Pledge» hat er nicht unterzeichnet. Mit dieser Erklärung versprechen die Unterzeichnenden, dass sie mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke ausgeben. Bekannte Namen wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Paypal- und Tesla-Entwickler Elon Musk haben ihr Versprechen abgegeben, Bezos’ Unterschrift fehlt bislang.

Er hat auch noch keine Stiftungen oder Wohltätigkeitsorganisationen gegründet. In der Stiftung seiner Familie ist er selber nicht aktiv, seine Eltern spenden dort aber immer wieder Millionenbeträge an Krankenhäuser und die Krebsforschung. Seit 2012 haben seine Frau MacKenzie und er ebenfalls einige Male Millionenbeträge an lokale Organisationen ihrer Heimatstadt gespendet, eine Strategie dahinter gibt es aber nicht.

Einsatz für die Pressefreiheit

Bezos selber sieht seine Investition in die renommierte «Washington Post» als gemeinnützigen Akt, da er damit den Erhalt einer kritischen und gut recherchierten Zeitung fördere. Im letzten Monat spendete er zudem eine Million Dollar für ein Komitee in den USA, das sich für die Pressefreiheit einsetzt.

Über die weiteren Pläne mit seinem Vermögen gab Bezos nie Auskunft. Auch nicht der «New York Times», welche ihn in den letzten Tagen mehrmals danach fragte. Die einzige Reaktion auf die Anfragen aus New York war sein gestern Abend platzierter Tweet mit der Bitte nach Ideen. Offenbar, so schlussfolgert die «Times», weiss der 53-Jährige selber noch nicht so genau, wohin mit seinem Geld. Der nun eingeschlagene Weg passe aber zu Bezos, der immer mit unkonventionellen Mitteln nach neuen, bisher nicht durchgedachten Ansätzen suche.

Gewinnorientierte statt wohltätige Organisationen

Bezos sage der traditionelle gemeinnützige Weg nicht zu, sagen Spendenberater. Er wolle nicht einfach Schecks für verschiedene Organisationen ausstellen, sondern soziale Probleme von Grund auf lösen. Wie das gehen soll, weiss er selber zwar noch nicht, er hat aber bereits mehrmals Andeutungen gemacht, dass gut aufgestellte gewinnorientierte Unternehmen die Welt eher verbessern könnten als wohltätige Modelle. Ein Wohltätigkeitsexperte traut ihm in der «New York Times» deshalb durchaus zu, dass er mit einem neuen Modell den gemeinnützigen Bereich genauso auf den Kopf stellen und neu erfinden wird, wie er das mit Amazon und dem traditionellen Handel gemacht hat.

Und vielleicht arbeitet er längst genau daran, wenn man seine Pläne für das Raumfahrtprogramm Blue Origin anschaut. Bereits 1982 sagte Bezos in einem Interview während seiner Highschool-Zeit, dass er im Weltraum Hotels, Freizeitparks und Kolonien für Millionen Menschen bauen möchte. Der damals 18-Jährige wollte die Menschen von der Erde evakuieren und den Planeten dadurch retten. Heute steht zwar vor allem der Freizeitaspekt seiner jugendlichen Pläne im Vordergrund: Bezos will den Weltraumtourismus billiger und sicherer machen. Seine Grundidee bleibt aber als Langzeitziel erhalten: In einigen hundert Jahren soll die Schwerindustrie ins Weltall ausgelagert werden, sodass die Erde für Wohnnutzung und leichte Industrie erhalten bleibe, sagte Bezos im März 2016.

Video - Erste wiederverwendbare Rakete von Blue Origin

Im November 2015 landete erstmals eine Blue Origin-Rakete nach erfolgreichem Flug wieder sicher auf der Erde. Dieselbe Rakete wurde innerhalb eines Jahres für vier weitere unbemannte Flüge benutzt. (Video: Reuters, 25.11.2015)

Diese Vision, wenn sie einmal wahr wird, kann der heute 53-Jährige nicht mehr erleben. Ein Grund mehr, wieso er sich nun verstärkt auf die Suche nach Projekten für die Gegenwart macht, mit denen er im Hier und Jetzt etwas verändern kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2017, 10:37 Uhr

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