Sie folgen der Spur der Knochen

Hunderte sterben jedes Jahr beim Versuch, illegal in die USA zu kommen. Eine Geschichte von Menschen, die Überresten von Vermissten suchen.

Ausgebleichte menschliche Knochen sind in der Wüste leicht zu finden, sie stechen heraus aus dem Braun, Beige und Ocker. Fotos: Megan Jelinger

Ausgebleichte menschliche Knochen sind in der Wüste leicht zu finden, sie stechen heraus aus dem Braun, Beige und Ocker. Fotos: Megan Jelinger

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Die Knochen, sagt Gerardo Campos Moreno, finde man in der Wüste leicht. Wenn die Geier und Kojoten das Fleisch abgenagt haben, wenn Wind und Sand sie blank und sauber geschliffen haben, wenn die Sonne sie getrocknet und gebleicht hat, dann liegen sie da und schimmern weiss zwischen all dem Braun, Beige und Ocker und dem wenigen staubigen Grün. «Die Knochen leuchten», sagt Campos Moreno.

Viel schwieriger ist es, eine halbwegs frische Leiche in der Wüste zu finden. «Ein Körper, der erst seit zwei oder drei Wochen hier draussen im Busch liegt, sieht aus wie der Busch», sagt Campos Moreno. Ein Mensch, der einmal kräftige Muskeln hatte, ist dann nur noch ein ausgedörrtes, graubraunes Bündel, zusammengehalten von ledriger Haut und dem brüchigen Stoff seiner Kleider. Oft ist es dann der Gestank, der Campos Moreno und seine Leute zu einem Toten führt.

Auch er war einst Einwanderer: Gerardo Campos Moreno.

Gerardo Campos Moreno ist ein drahtiger, nicht sehr grosser Mann. Er wurde 1960 in Mexiko geboren. Heute lebt er in Kali­fornien, ein Stück nördlich von San Diego. Er ist Florist. Sein Geschäft läuft gut. Doch einmal im Monat fährt Gerardo Campos Moreno hinaus in die Wüste, um nach Toten zu suchen.

Campos Moreno gehört zu einer Organisation, die sich «Adler der Wüste» nennt. Die Gruppe wurde vor zehn Jahren in San Diego von mexikanischen Einwanderern gegründet. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Leichen jener Migranten zu suchen, die bei dem Versuch ums Leben kommen, heimlich von Mexiko aus die amerikanische Grenze zu überqueren.

Weg durch die Wüste

Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ist 3145 Kilometer lang. An manchen Abschnitten ist sie deutlich sichtbar – eine massive Barriere aus Stahl oder Beton. An manchen Abschnitten ist sie dagegen kaum mehr als ein wackeliger Weidezaun. Aber fast überall führt die Grenze durch karges, steiniges, trockenes Land. Wer von Mexiko in die USA will, ohne entdeckt zu werden, muss durch die Wüste.

Wie viele illegale Einwanderer jedes Jahr an der mexikanisch-amerikanischen Grenze sterben, ist nicht bekannt. Die US-Grenzpolizei veröffentlicht einmal im Jahr die Zahl der Toten, die sie selbst gefunden hat. 2018 waren es rund 300 Opfer, etwas mehr als in den Jahren zuvor. Andere Organisationen kommen für das vergangene Jahr auf etwa 400 Tote, weil sie auch die Leichen mitzählen, die von lokalen Polizeibehörden entlang der Grenze entdeckt wurden.

Doch auch diese Zahl dürfte deutlich zu niedrig sein. Denn es kommt oft vor, dass Migranten auf ihrem Weg über die Grenze einfach verschwinden. Sie wandern irgendwo in Mexiko los, kommen aber nie dort in den USA an, wo sie erwartet werden. Diese Vermissten zählt niemand. Wenn Gerardo Campos Moreno von so einem Fall hört, zieht er los.

Die Suche nach Jesús beginnt sehr früh an einem Sonntagmorgen Ende März. Es ist noch dunkel und kalt. Auf einem Parkplatz in San Diego sammeln sich drei Dutzend Freiwillige. Die meisten sind Einwanderer aus Lateinamerika; Arbeiter, Gärtner und Handwerker. Das Gebiet, in dem sie die Leiche von Jesús vermuten, haben sie grob eingegrenzt.

Ein anderer Mann war mit ihm unterwegs. Er ist durchgekommen.

Der 35-jährige Jesús Guzmán Rezendis hatte sich von Zentralmexiko aus auf den Weg in die USA gemacht. Anfang März verschwand er im Anza-Borrego Desert State Park, einem Naturschutzgebiet östlich von San Diego. Viele Migranten nutzen den Anza-Borrego und den angrenzenden Cleveland National Forest, um an San Diego vorbei nach Norden zu gelangen. Sie kommen von Süden, überqueren die Interstate 8, eine wichtige ­Ost-West-Autobahn, die von der Grenzpolizei überwacht wird, und verschwinden dann wieder im Dickicht der Naturschutzgebiete. Manchmal für immer.

Die Adler wollen an diesem Tag einen kleinen Canyon absuchen. Sie haben alle Informa­tionen zusammengefügt, die sie über den letzten Aufenthaltsort von Jesús Guzmán Rezendis sammeln konnten. Ein anderer Mann war mit ihm unterwegs, der durchgekommen ist. Er hat den Adlern von dem Canyon erzählt. Einige Verwandte von Jesús, die in Kalifornien leben, sind mitgekommen.

Sie erfrieren, sie ertrinken, sie verdursten

Es gibt viele Möglichkeiten, in einem Canyon in der Wüste zu sterben. Selbst in einer Wüste, die nur eineinhalb Autostunden von einer Grossstadt wie San Diego entfernt ist. Und selbst in einem Canyon, von dem aus es nur ein, zwei Meilen bis zum nächsten Park- oder Campingplatz sind, auf dem die Amerikaner ihre Autos abstellen, wenn sie rausfahren, um im Naturschutzgebiet wandern zu gehen.

Doch die Amerikaner haben alles dabei, was man in der Wüste braucht. Fleecejacken gegen die Kälte am Morgen und Funktionshosen, bei denen man den unteren Teil des Hosenbeins abnehmen kann, wenn es am Mittag heiss wird. Sie haben Stiefel. Sie haben Energieriegel dabei. Vor allem aber haben sie Wasser.

Die Migranten, die sich durch den Anza-Borrego schlagen, haben nichts davon. Sie tragen alte Jeans und Schuhe, die aus braunem Teppich gemacht sind und von ein paar Bändern am Fuss gehalten werden. Sie stürzen und bleiben dann verletzt liegen. Sie erfrieren, wenn im Winter ein Schneesturm über die Wüste fegt. Sie ertrinken, wenn sie in einem trockenen Bachbett von einem Sturzregen überrascht werden. Sie werden krank, weil sie einen Hitzschlag bekommen oder dreckiges Wasser trinken. Oder sie verdursten einfach. Sie kriechen in den Schatten unter einen Busch und sterben.

Dort finden Gerardo Campos Moreno und seine Leute dann die Überreste. Sie bestimmen mit einem GPS-Gerät die Koordinaten und melden den Fund der Grenzpolizei. Die übernimmt die Bergung und schafft die Toten ins nächstgelegene Leichenschauhaus zur Identifizierung. «Für manche Menschen geht es hier draussen darum, Spass zu haben», sagt Moreno. «Aber für andere geht es hier nur ums nackte Überleben.»

Kreisende Geier

Die Adler arbeiten sich zu dem Canyon vor, in dem sie die Leiche von Jesús Guzmán Rezendis suchen wollen. Ein Park-Ranger hat vor einigen Tagen Geier beobachtet, die dort kreisten und sich vom Himmel fallen liessen. Gut möglich, dass dort etwas ­Totes liegt.

Man sieht, dass hier Menschen unterwegs waren. Im Sand sind Fussspuren. Im ­Gebüsch liegen Wasserkanister. Und irgendjemand hat bunte Plastikbänder an Zweige geknotet und so einen Pfad durch das Dickicht markiert. «Coyotes», sagt Gerardo Campos Moreno. So werden die kriminellen Schlepper genannt, die Menschen in die USA schmuggeln.

Eigentlich wäre es die Aufgabe der US-Behörden, die Leichen in der Wüste zu finden. «Aber die Grenzer sind zu faul dafür. Die sitzen den ganzen Tag nur in ihren klimatisierten Autos», sagt Campos Moreno. «Die jagen allenfalls lebende Migranten, aber suchen keine toten.»

«Ein oder zwei Tage zu Fuss in der Wüste können selbst einen starken Mann umbringen.»

Viele von den Adlern der Wüste sind selbst vor Jahren illegal über die Grenze gekommen. ­Früher war es leichter. «Man fuhr einfach mit dem Auto rüber und sagte, man sei ein US-Staatsbürger», sagt Campos Moreno, der 1984 in die Vereinigten Staaten gegangen ist und inzwischen ­legal hier lebt. Dass die Zahl der Toten steigt, hat auch damit zu tun, dass die Grenze heute schärfer bewacht wird und die US-­Regierung immer höhere und längere Grenzzäune errichtet. Das drängt die Migranten in immer entlegenere Gegenden ab.

Sollte Präsident Donald Trump die offiziellen Grenzübergänge, an denen derzeit viele ­Migranten legal Asyl beantragen, tatsächlich schliessen, wie er es angedroht hat, werden wohl noch mehr Menschen den Weg durch die Wüste wagen. Und noch mehr werden sterben. «Die Coyotes erzählen den Leuten: Kein Problem, ihr müsst nur ein bisschen laufen», sagt Campos Moreno. «Aber das ist eine Lüge. Ein oder zwei Tage zu Fuss in der Wüste können selbst einen starken Mann umbringen.»

Die Adler finden Jesús Guzmán Rezendis an diesem Sonntag nicht. Seine Verwandten gehen mit gesenkten Köpfen zurück zu ihren Autos. Vielleicht habe er ja Glück gehabt, sagt Campos Moreno. Es sei schon vorgekommen, dass Migranten, die vermisst wurden, in Wahrheit von der Grenzpolizei aufgegriffen wurden und unter falschem Namen irgendwo in Abschiebehaft sässen. Doch eigentlich glaubt Campos Moreno nicht, dass der Mann hier draussen überlebt hat.

Erstellt: 04.04.2019, 18:17 Uhr

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