Jetzt muss auch er noch fallen

Im Strudel der Missbrauchsvorwürfe taucht ein alter Bekannter auf: Bill Clinton. Die Demokraten kritisieren ihren Ex-Präsidenten aber auch aus Eigeninteresse.

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Die Nation erlebt eine Katharsis, immer weiter wird das Netz ausgeworfen, um sexuelle Nötiger und Attackierer an Land zu ziehen. Seit Wochen stehen prominente Amerikaner wegen ihres erbärmlichen und teils sogar justiziablen Verhaltens vorwiegend gegenüber Frauen am Pranger. Von Hollywood bis nach New York, von Alabama bis nach Washington reichen die Vorwürfe.

Unter den Beschuldigten befinden sich Top-Journalisten wie Mark Halperin, berühmte Publizisten wie Leon Wieseltier sowie der Hollywoodmogul Harvey Weinstein, dessen zahlreiche sexuelle Übergriffe die derzeitige Lawine von Anschuldigungen ausgelöst hatten. Nun hat diese Lawine auch Politiker wie Alabamas republikanischen Senatskandidaten Roy Moore und Minnesotas demokratischen Senator Al Franken erfasst.

Video: «Er hat mich begrapscht.»

Eine weitere Frau wirft dem republikanischen Politiker Roy Moore sexuellen Missbrauch vor. Video: TA/AFP

Am Montag klagte eine zweite Frau den Senator an, sie begrapscht zu haben;, schon zuvor war Franken beschuldigt worden, eine Frau ohne deren Einwilligung geküsst und angefasst zu haben. Und am Abend des Montags wurde bekannt, dass mindestens acht Frauen dem TV-Moderator Charlie Rose, einem der bekanntesten Interviewer des Landes, sexuelle Belästigung vorwerfen.

Über allem schwebt ein amerikanischer Präsident, der in einem Video sogar damit angab, er könne Frauen «einfach so an die Möse fassen» – weil er «ein Star» sei. Sexuelle Gewalt, vom Grapschen bis zur Vergewaltigung, kennt plötzlich keine Parteien mehr, und je mehr sie in einem historischen amerikanischen Moment ins kollektive Blickfeld rückt, desto fragwürdiger erscheint die Absolution Bill Clintons vor zwei Jahrzehnten: Wer Kevin Spacey, Harvey Weinstein, Roy Moore, Donald Trump und Al Franken verurteile, müsse notgedrungen mit Clinton ins Gericht gehen, verlangen vor allem progressive Demokraten.

1998 beteuerte der damalige US-Präsident Bill Clinton, keine Affäre mit Monica Lewinsky, Praktikantin im Weissen Haus, gehabt zu haben. Foto: Win McNamee (Reuters)

Schliesslich sei der Ex-Präsident in den Neunzigerjahren von mehreren Frauen sexueller Attacken bis hin zur Vergewaltigung bezichtigt worden, so das Argument der Clinton-Kritiker. Vor allem die Vorwürfe Juanita Broaddricks seien seinerzeit zu leicht genommen worden. Broaddrick hatte Clinton beschuldigt, sie in einem Hotelzimmer brutal vergewaltigt zu haben. Schon weil sie sich unmittelbar danach mehreren Freundinnen offenbart habe, hätte der Vergewaltigungsvorwurf gegen Clinton ernst genommen werden müssen.

Kaum jemand aber glaubte Broaddrick, ihre Vorwürfe wurden überwiegend abgetan als Teil des republikanischen Kriegs gegen einen demokratischen Präsidenten, den die Opposition mit allen Mitteln demontieren und aus dem Amt befördern wollte. Wie Paula Jones, auch sie eine Anschuldigerin Clintons, galt Broaddrick als Werkzeug der Republikaner und des Sonderanklägers Ken Starr, der Clinton wegen dessen Affäre mit Monica Lewinsky zu Fall bringen wollte.

Rücktritt «wäre angebracht gewesen»

Angesichts der gegenwärtigen Vorwürfe und Skandale aber hat der Wind gedreht – und bläst Bill Clinton ins Gesicht. In einem Tweet meldete sich zuerst der progressive und angesehene Moderator Chris Hayes vom liberalen TV-Sender MSNBC zu Wort: Egal, wie «zynisch und heuchlerisch» die amerikanische Rechte das Fehlverhalten Clintons für politische Zwecke ausschlachte, so sei doch «eine Abrechnung der Demokraten und der linken Mitte mit den Anschuldigungen gegen Clinton längst überfällig».

Andere liberale Kommentatoren meldeten sich ebenfalls kritisch zu Wort, darunter die «New York Times»-Kolumnistinnen Michelle Goldberg und Maureen Dowd. Die wuchtigste Bombe aber zündete die demokratische Senatorin Kirsten Gillibrand (New York) vergangene Woche in einem Interview. «Ja, ich glaube, es wäre angebracht gewesen», antwortete sie auf die Frage, ob Clinton 1998 wegen seiner Sexskandale hätte zurücktreten sollen.

Eine Abrechnung mit Clinton scheint vielen Demokraten unabdingbar. Nur so könne man sich vor dem Vorwurf der Heuchelei schützen.

Zwar wandten die Freunde Clintons erneut ein, es dürfe nicht übersehen werden, dass Ken Starr eine 70 Millionen Dollar teure Hexenjagd gegen den Präsidenten veranstaltet habe. Eine Abrechnung mit Clinton und anderen Demokraten wie Senator Franken aber scheint inzwischen vielen Demokraten unabdingbar. Denn nur so könne man sich vor dem Vorwurf der Heuchelei schützen.

Genau damit hat der jetzige Präsident keine Probleme: Kaum war die sexuelle Anschuldigung gegen Senator Franken ergangen und mit einem Foto belegt worden, das Frankens Hände auf oder nahe den Brüsten seiner schlafenden Beschuldigerin zeigte, meldete sich Trump triumphierend. Das «Al-Frankenstein-Foto sieht wirklich übel aus», twitterte er. Zu den Vorwürfen gegen Roy Moore hat Trump bislang geschwiegen. Er wisse zu wenig darüber, weil er nicht viel fernsehe, log der Präsident.

Erstellt: 21.11.2017, 12:02 Uhr

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