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Köppels Bannon-Show

Einst war er der Chefpopulist der Welt. Doch Steve Bannon redete sich um Kopf und Kragen. Nun darf er Zürich begeistern.

MeinungMartin Kilian, Washington
Demonstranten ziehen gegen Steve Bannons Auftritt durch Zürich-Oerlikon. (6. März 2018)
Demonstranten ziehen gegen Steve Bannons Auftritt durch Zürich-Oerlikon. (6. März 2018)
Melanie Duchene, Keystone
Bannon habe als Wahlkampfleiter von Donald Trump dafür gesorgt, dass dessen rassistische, sexistische und nationalistische Präsidentschaftskampagne erfolgreich war.
Bannon habe als Wahlkampfleiter von Donald Trump dafür gesorgt, dass dessen rassistische, sexistische und nationalistische Präsidentschaftskampagne erfolgreich war.
Melanie Duchene, Keystone
Und als Chefstratege der Trump-Administration sei er für die übelsten rassistischen Entgleisungen der US-Regierung mitverantwortlich gewesen.
Und als Chefstratege der Trump-Administration sei er für die übelsten rassistischen Entgleisungen der US-Regierung mitverantwortlich gewesen.
Melanie Duchene, Keystone
Polizisten waren zunächst keine vor Ort, auch wenn die Stadtpolizei Zürich über die Demonstration im Bild war.
Polizisten waren zunächst keine vor Ort, auch wenn die Stadtpolizei Zürich über die Demonstration im Bild war.
Melanie Duchene, Keystone
Der Auftritt von Steve Bannon in Zürich-Oerlikon hat wie erwartet auch für etwas Protest gesorgt. (6. März 2018)
Der Auftritt von Steve Bannon in Zürich-Oerlikon hat wie erwartet auch für etwas Protest gesorgt. (6. März 2018)
Melanie Duchene, Keystone
Rund 100 Personen versammelten sich am Dienstagabend zu einer unbewilligten Demonstration gegen den Besuch des Ex-Strategen von US-Präsident Donald Trump.
Rund 100 Personen versammelten sich am Dienstagabend zu einer unbewilligten Demonstration gegen den Besuch des Ex-Strategen von US-Präsident Donald Trump.
Melanie Duchene, Keystone
Protestierende halten in Zürich Plakate in die Luft.
Protestierende halten in Zürich Plakate in die Luft.
Melanie Duchene, Keystone
Zur Protestaktion hatte die Bewegung für den Sozialismus (BFS) aufgerufen.
Zur Protestaktion hatte die Bewegung für den Sozialismus (BFS) aufgerufen.
Melanie Duchene, Keystone
Trumps ehemaliger Chefstratege Steve Bannon referiert in der Halle 622 in Zürich vor über 1500 «Weltwoche»-Abonnenten.
Trumps ehemaliger Chefstratege Steve Bannon referiert in der Halle 622 in Zürich vor über 1500 «Weltwoche»-Abonnenten.
Ennio Leanza, Keystone
Er folgte einer Einladung der «Weltwoche» von SVP-Nationalrat Roger Köppel.
Er folgte einer Einladung der «Weltwoche» von SVP-Nationalrat Roger Köppel.
Ennio Leanza, Keystone
Bannon ist in Europa, um ein Netzwerk populistischer Bewegungen zu knüpfen. Er sieht Europa als neue Wiege dieser politischen Strömung. Sein Ziel ist letztlich die Zerstörung des Staates, wie er es nach seiner Ernennung zum Chef von Trumps Wahlkampfteam gesagt hatte.
Bannon ist in Europa, um ein Netzwerk populistischer Bewegungen zu knüpfen. Er sieht Europa als neue Wiege dieser politischen Strömung. Sein Ziel ist letztlich die Zerstörung des Staates, wie er es nach seiner Ernennung zum Chef von Trumps Wahlkampfteam gesagt hatte.
Ennio Leanza, Keystone
Die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, hat sich am Dienstag in Zürich zu einem Gedankenaustausch mit Steve Bannon getroffen. Aus Weidels Büro hiess es, für sie seien besonders Bannons Erfahrungen mit politischer Kommunikation und alternativen Medien interessant gewesen.
Die Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, hat sich am Dienstag in Zürich zu einem Gedankenaustausch mit Steve Bannon getroffen. Aus Weidels Büro hiess es, für sie seien besonders Bannons Erfahrungen mit politischer Kommunikation und alternativen Medien interessant gewesen.
Felipe Trueba/EPA, Keystone
Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso, ärgert sich über Bannons Besuch.
Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso, ärgert sich über Bannons Besuch.
Keystone
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Steve Bannon kommt nach Zürich! Die Einladung, ausgesprochen von Nationalrat Roger Köppel, kommt indes etwas spät. Denn Bannon ist ein Prophet, der zu Hause nichts mehr gilt, eine politische Leiche, die in Zürich ihren Auftritt hat.

In Washington redete sich der Mann von «Breitbart News» in Grund und Boden, ein Grossmannssüchtiger, der die Republikanische Partei zertrümmern wollte und dabei scheiterte. Ausserdem war er «Chefstratege» eines Präsidenten, der ihn hinauswarf und ihm später eine Erkrankung des Gehirns attestierte.

Demütig auf dem Abstellgleis

In der politischen Wüste, wohin es ihn verschlagen hat, versucht Bannon jetzt, neuerlich die Gunst des einstigen Brotherrn zu erlangen. «Meine Unterstützung für den Präsidenten und seine Agenda ist ungebrochen – wie ich es täglich in meinen Radiosendungen gezeigt habe, auf den Seiten von ‹Breitbart› News und in Reden und Auftritten von Tokio bis Hongkong, von Arizona bis Alabama», schwor Bannon, als er bei Trump bereits in Ungnade gefallen war.

Gewiss wird er den undankbaren Boss in Zürich preisen, ein Demütiger auf dem steinigen Pfad zum erhofften Comeback, das sich bislang partout nicht einstellen will. Denn der «Chefstratege» war vor allem ein begnadeter Selbstverwerter, der sich an den Rockschössen von Trumps Sensationssieg als Medienstar etablierte. Ein Lautsprecher mit erheblichem Frequenzumfang war er, der den Zorn seines Vorgesetzten im Weissen Haus erregte, weil er sich und nicht Trump zum Vater des Sieges erhob und es jedem sagte, der an seine Tür klopfte.

Bannon der Barbar

Steve Bannon war die Plaudertasche schlechthin am Hofe des Donald Trump. Er leckte wie ein rostiges Sieb, legte sich mit Trumps Clan an und sass zeitweilig sogar im Nationalen Sicherheitsrat – bis der Boss den Stecker zog, weil er genug hatte vom Denkmal, das sich der Untergebene frech erstellt hatte.

Im August flog Bannon aus dem Weissen Haus, noch grössere Grösse aber wartete auf ihn. «Ich habe meine Hände an meinen Waffen, hier kommt Bannon der Barbar!», blies er ins Horn – und kündigte dem republikanischen Establishment ob dessen fehlenden revolutionären Eifers den Kampf an, den er, Steve Bannon, mithilfe von «Breitbart News» heroisch zu führen gedachte.

Die verfeindeten Feldherren hätten unterschiedlicher nicht sein können: Hier der rabiate Populist, stets im unrasierten Revo-Look und gekleidet in zwei Oberhemden übereinander, dort Mitch McConnell, der Häuptling der Senatsrepublikaner und ein Mann mit dezenten Krawatten unterhalb seines Dreifachkinns.

Die Megapleite in Alabama war so, als ob die Kommunistische Partei der Schweiz den Kanton Uri aufgerollt hätte.

Bannon verlor den historischen Match: An einem bitteren Dezemberabend in Alabama lief er im Club der Loser ein, nachdem sein Kandidat, der mutmassliche Kinderbelästiger und homophobe Freak Roy Moore, im Senatsrennen einem Demokraten sensationell unterlegen war. Moore implodierte, wenngleich Bannon für ihn durch Alabamas Provinz getingelt war und wilde Parolen gegen McConnell und die republikanischen Weicheier in Washington ausgestossen hatte.

Die Megapleite in Alabama war so, als ob die Kommunistische Partei der Schweiz den Kanton Uri aufgerollt hätte. In Washington wurde der Verlierer samt seinem Kandidaten als Idiot verhöhnt, der die Partei um einen todsicheren Senatssitz gebracht hatte. McConnell putzte ihn süffisant herunter, die Demolierung des «Chefstrategen» nahm ihren Lauf.

Sein Geplauder landete in «Fire and Fury»

Grosse Töne schlug Steve Bannon danach keine mehr an – es war zu peinlich –, doch die Vergangenheit, als er noch grosse Töne gespuckt hatte, holte ihn jetzt ein. Der Urheber seines neuen Problems war ein seifiger Journalist namens Michael Wolff, der Bannon im Enthüllungsbuch «Fire and Fury» über die Wirrnis des Trump’schen Universums eine hell erleuchtete Bühne zur Selbstdarstellung geboten hatte.

Solange Bannon im Weissen Haus wirkte, schaute Wolff, ein Pirat in feindlichen Gewässern, vorzugsweise bei ihm vorbei und animierte den stets gesprächigen «Chefstrategen» dabei zu allerlei brisanten Erkenntnissen. Vielleicht schmeichelte ihm Wolff, vielleicht liefen Bannons Synapsen auf Autopilot. Jedenfalls liess er alle Vorsicht fahren. Unter anderem zog Bannon bei Wolff gnadenlos über die Familie des Bosses her und erweckte überhaupt den Eindruck, Trumps Washingtoner Bude sei ein Tollhaus mit einem Deppen an der Spitze.

Rauswurf bei «Breitbart»

Sohn Donald Junior sei ein Verräter und verhalte sich «unpatriotisch» in der Russlandaffäre, weshalb ihn Sonderermittler Mueller «im nationalen Fernsehen wie ein Ei» aufschlagen werde, sagte Bannon. Als das Skandalbuch erschien, explodierte der Boss: «Steve Bannon hat nichts mit mir und meiner Präsidentschaft zu tun; als er gefeuert wurde, hat er nicht nur seinen Job verloren, sondern auch seinen Verstand», schäumte Trump. «Ich hätte es nicht besser sagen können», pflichtete Mitch McConnell dem Präsidenten bescheiden bei.

In einer Presseerklärung sagte der US-Präsident, Steve Bannon habe nichts mit ihm oder seiner Präsidentschaft zu tun. (Video: Tamedia/Reuters)

Der Leidensweg des laut Trump mental Angeschlagenen aber war noch immer nicht vorbei: Kaum hatte ihn der Boss aus dem Paradies verstossen, entzog ihm die Milliardärin Rebekah Mercer seine publizistische Waffe und verfügte, dass Bannon künftig nichts mehr bei «Breitbart News» zu suchen hatte.

Der revolutionäre Vordenker macht nicht mehr mit intellektuellen Molotowcocktails von sich reden, sondern mit seinem Sitzfleisch.

Der Abstieg des Revoluzzers war damit besiegelt, Bannons Revolution ein Opfer seines losen Mundwerks und seines beträchtlichen Egos geworden. «Er sieht aus wie ein ungepflegter Besoffener, der auf die politische Bühne gestolpert ist ... das ist nicht die Art Person, die wir in der Politik brauchen», bescheinigte der republikanische Kongressabgeordnete Peter King dem Abservierten, ohne Vergeltung befürchten zu müssen.

Bannon wiederum warf sich in den Staub: Donald Junior sei super, Trump sowieso, er habe es nicht so gemeint, schwor er. Es war vergebliche Liebesmühe: Das Tor zum Paradies bleibt verschlossen, der revolutionäre Vordenker macht nicht mehr mit intellektuellen Molotowcocktails von sich reden, sondern mit seinem Sitzfleisch. Insgesamt 20 Stunden verbrachte er neulich bei Sonderermittler Mueller.

Und nun wird er als Leihgabe der populistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten in Zürich auftreten. Man darf gespannt sein, was er sagt und wer die Pausenunterhaltung bietet.

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