Kolonisten? Entwicklungshelfer!

Es ergibt wenig Sinn, von heutigen Staaten eine Entschuldigung für 500 Jahre altes Unrecht einzufordern. Das heisst nicht, dass alles gut war.

Erinnert Spanien an Schwert und Kreuz: Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador. Foto: Sashenka Gutierrez (EPA, Keystone)

Erinnert Spanien an Schwert und Kreuz: Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador. Foto: Sashenka Gutierrez (EPA, Keystone)

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Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador hat dem spanischen König geschrieben und eine Entschuldigung für die «Massaker» der spanischen Eroberer verlangt. Die Land­nahme sei «durch Schwert und Kreuz» erfolgt, sagte López Obrador vor den Maya-Ruinen von Comalcalco. Auch der Vatikan soll sich entschuldigen.

Die Forderung kommt überraschend. Es ist 500 Jahre her, seit der Spanier Hernán Cortés und seine Truppen im heutigen Mexiko einfielen. Kann man da noch eine Entschuldigung verlangen? «Sicher nicht», sagte Spaniens Aussenminister Josep Borrell. «Wir werden auch nicht die Französische Republik um eine Entschuldigung für Dinge angehen, die Napoleons Soldaten beim Einmarsch in Spanien anstellten.» Und das ist erst 200 Jahre her. 500 Jahre, das wäre, als würde Genf von der Innerschweiz eine Entschuldigung für den Saubannerzug während der Burgunderkriege fordern. Unrealistisch. Aufarbeitung und Wiedergutmachung lassen sich nicht endlos ernsthaft in die Vergangenheit zurücktreiben. Wer entschuldigt sich bei den Rechtsnachfolgern der Helvetier für Bibracte? Matteo Salvini?

Das Land trägt Narben

Und doch: Die Reaktionen aus Madrid zeigen, dass es nicht schlecht war, die koloniale Vergangenheit wieder einmal anzusprechen. Weite Teile des Polit-Establishments toben. Die linke Regierung lehnt den Brief ab, sieht Spanier und Mexikaner als «eng verwandte Völker» mit «geteilter Geschichte». Klingt friedlich. Weiter rechts tönt es gehässig. Mexikos Forderung sei «Geschichtsfälschung», eine «Beleidigung des spanischen Volkes», sagte Albert Rivera, Chef der Partei Ciudadanos. Der Präsident des Partido Popular, Pablo Casado, glaubt gar, die spanische Kolonialmacht habe in Mexiko vor allem Gutes getan: «Wir haben Stämme gestoppt, die ihre Nachbarn grausam ermordeten.» Dass er nicht den bekannten Spruch wiederholte, die Azteken seien eigentlich wie Nazis gewesen, ist ein Wunder.

Solange die ehemaligen Kolonialmächte Europas ihre wie auch immer weit zurückliegenden Ausbeutungs- und Vernichtungstaten als Zivilisationsmissionen und bewaffnete Pfadfinderlager verklären, darf ein mexikanischer Präsident ruhig ab und zu an Schwert und Kreuz erinnern. Dass sein eigener Grossvater noch in Spanien geboren war, er also nicht unbedingt ein Vorzeige-Azteke ist, macht López Obrador nicht unglaubwürdig. Man kann auch als weitgehend weisser Präsident anerkennen, dass das Land Unrecht erfahren hat, Narben trägt. Wer das nur indigenen Stimmen zugesteht, betreibt Ethnokitsch.

Idealisierung wäre ein Fehler

Europa sieht die Kolonialzeit heute milder als auch schon: Es war nicht alles schlecht. «Wir haben nicht kolonisiert. Wir haben Spanien vergrössert», sagte der spanische Konservative Pablo Casado. Solche Geschichtsvergessenheit mag der heutigen Schlaffheit Europas geschuldet sein. Der Gedanke an die «koloniale Kraft» Europas, schreibt die Zürcher Geschichtsprofessorin Gesine Krüger, könne manche «trösten», denn der Kolonialismus sei eine Epoche, in der Europa sich «als gemeinsamer, weltgeschichtlicher Akteur» definiert habe.

Doch wer das alte europäische Projekt idealisiert, weil das gegenwärtige stockt, begeht einen Fehler, wie Krüger schreibt. Der Brief aus Mexiko mahnt daran. Im Reigen der Jubiläen sollten wir nebst den Helden auch unsere Schurken nicht vergessen. Die Eroberung Lateinamerikas vor 500 Jahren war kein lobenswerter europäischer Effort, sondern eben: Schwert und Kreuz. Zugeben schadet nichts.

Erstellt: 31.03.2019, 21:18 Uhr

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