Zum Hauptinhalt springen

Der amerikanische Waffenwahnsinn

Die Macht der Waffenlobby zu brechen und US-Waffengesetze zu reformieren, erforderte ein Umdenken in Washington und besonders innerhalb der Republikanischen Partei.

MeinungMartin Kilian, Washington
Über 50 Menschen wurden bei einer Schiesserei in Las Vegas getötet.

Was am Sonntagabend während eines Countrymusic-Konzerts in Las Vegas geschah, wird bis auf weiteres als schlimmste Schiesserei in die amerikanische Geschichte eingehen. Bis auf weiteres: In Anbetracht der barbarischen Weigerung der Politik, die US-Waffengesetze zu ändern und Waffenbesitz einer stärkeren Kontrolle zu unterziehen, werden unweigerlich irgendwann noch mehr Menschen Opfer eines oder mehrerer Todesschützen werden.

So wie 2007 an der Technischen Universität des Staats Virginia, als 32 Menschen erschossen wurden. Oder wie 2012 an der Elementarschule in Sandy Hook im Staat Connecticut, wo 26 Opfer zu beklagen waren, die meisten von ihnen Kinder. Oder wie in Orlando im Vorjahr, als ein Einzelgänger im Namen des Islamischen Staats 49 Menschen erschoss. Geboren war der Täter von Orlando in den USA, seine Tatwaffe hatte er in Amerika erstanden. «Freue mich über die Gratulationen dafür, dass ich recht habe mit dem radikalen islamischen Terror», twitterte Kandidat Trump damals.

Bildstrecke: Der Angriff in Las Vegas

Zehn Monate nach dem Massaker von Las Vegas mit 58 Toten hat die Polizei kein Motiv für die Tat gefunden: Sheriff Joe Lombardo präsentierte in Las Vegas den Abschlussbericht. (3. August 2018)
Zehn Monate nach dem Massaker von Las Vegas mit 58 Toten hat die Polizei kein Motiv für die Tat gefunden: Sheriff Joe Lombardo präsentierte in Las Vegas den Abschlussbericht. (3. August 2018)
John Locher, Keystone
Hatte Stephen Paddock kurz vor seiner Tat eine Prostituierte bestellt? Polizisten in der Lobby des Wynn-Hotels in Las Vegas. (4. Oktober 2017)
Hatte Stephen Paddock kurz vor seiner Tat eine Prostituierte bestellt? Polizisten in der Lobby des Wynn-Hotels in Las Vegas. (4. Oktober 2017)
Marcio Jose Sanchez/AP
Abgeschiedenheit und Privatsphäre bevorzugt: Das Haus des Todesschützen in Mesquite, Nevada.
Abgeschiedenheit und Privatsphäre bevorzugt: Das Haus des Todesschützen in Mesquite, Nevada.
AFP
Wettlauf gegen die Zeit: Bis die Polizei das Hotelzimmer des Schützen von Las Vegas erreichte, vergingen 75 Minuten.
Wettlauf gegen die Zeit: Bis die Polizei das Hotelzimmer des Schützen von Las Vegas erreichte, vergingen 75 Minuten.
AP Photo/John Locher, Keystone
Von hier aus hat der Schütze das Feuer eröffnet: Scheiben des Mandalay-Bay-Hotels gingen in die Brüche.
Von hier aus hat der Schütze das Feuer eröffnet: Scheiben des Mandalay-Bay-Hotels gingen in die Brüche.
Keystone
Trauernde an einer Mahnwache in Las Vegas.
Trauernde an einer Mahnwache in Las Vegas.
Eugene Garcia/EPA
Eine Woche vor dem Anschlag hatte Paddock hier ein Zimmer gemietet: Das Ogden-Hotel in Las Vegas (oben links im Bild).
Eine Woche vor dem Anschlag hatte Paddock hier ein Zimmer gemietet: Das Ogden-Hotel in Las Vegas (oben links im Bild).
Google Street View
Ermittler suchen auf dem verlassenen Festivalgelände nach Hinweisen.
Ermittler suchen auf dem verlassenen Festivalgelände nach Hinweisen.
Marcio Jose Sanchez/AP
In Gedenken an die Opfer von Las Vegas: Am Eiffelturm in Paris wurden die Lichter gelöscht. (2. Oktober 2017)
In Gedenken an die Opfer von Las Vegas: Am Eiffelturm in Paris wurden die Lichter gelöscht. (2. Oktober 2017)
Kamil Zihnioglu/AP, Keystone
In Mesquite, rund 120 Kilometer von Las Vegas entfernt, lebte Paddock mit seiner Freundin.
In Mesquite, rund 120 Kilometer von Las Vegas entfernt, lebte Paddock mit seiner Freundin.
Getty Images/Gabe Ginsberg
Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben: Eine Überlebende in Las Vegas.
Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben: Eine Überlebende in Las Vegas.
Keystone
Schüsse bei Open-Air-Konzert: Leute gehen in Deckung.
Schüsse bei Open-Air-Konzert: Leute gehen in Deckung.
AFP
Zwei der Tatwaffen waren mit Vorrichtungen, so genannten «Bump Stocks», versehen, mit denen eigentlich halbautomatische Waffen automatisch Schüsse abfeuern. So konnte Paddock gegen tausend Schüsse in nur wenigen Minuten abgeben.
Zwei der Tatwaffen waren mit Vorrichtungen, so genannten «Bump Stocks», versehen, mit denen eigentlich halbautomatische Waffen automatisch Schüsse abfeuern. So konnte Paddock gegen tausend Schüsse in nur wenigen Minuten abgeben.
Keystone
Der Schütze habe sich selbst getötet, sagt Sheriff Joe Lombardo.
Der Schütze habe sich selbst getötet, sagt Sheriff Joe Lombardo.
Keystone
Der Vater des Schützen war Bankräuber: Eine Aufnahme von Benjamin Hoskins Paddock aus dem Jahr 1979.
Der Vater des Schützen war Bankräuber: Eine Aufnahme von Benjamin Hoskins Paddock aus dem Jahr 1979.
Charlie Nye/The Register-Guard via AP
Er starb, als er das Leben seiner Frau rettete: Sonny Melton ist eines der Todesopfer.
Er starb, als er das Leben seiner Frau rettete: Sonny Melton ist eines der Todesopfer.
Facebook via AP
Adrian Murfitt aus Alaska ist ein weiteres Opfer.
Adrian Murfitt aus Alaska ist ein weiteres Opfer.
(Courtesy of Avonna Murfit via AP
Schweigeminute im Weissen Haus.
Schweigeminute im Weissen Haus.
AFP
«Akt des reinen Bösen»: US-Präsident Donald Trump gibt im Weissen Haus ein Statement ab.
«Akt des reinen Bösen»: US-Präsident Donald Trump gibt im Weissen Haus ein Statement ab.
Keystone
Die Gewehre hatte Paddock an zwei Fenstern platziert. (2. Oktober 2017)
Die Gewehre hatte Paddock an zwei Fenstern platziert. (2. Oktober 2017)
John Locher, Keystone
Der Angreifer feuerte wahllos in die Menge: Helfer tragen eine verletzte Frau im nahe dem Tatort gelegenen Hotel Tropicana in Las Vegas.
Der Angreifer feuerte wahllos in die Menge: Helfer tragen eine verletzte Frau im nahe dem Tatort gelegenen Hotel Tropicana in Las Vegas.
Chase Stevens/Las Vegas Review-Journal, Keystone
Mehr als hundert Menschen wurden verletzt: Konzertbesucher rollen eine verletzte Person auf einem Bürostuhl zu Sanitätern.
Mehr als hundert Menschen wurden verletzt: Konzertbesucher rollen eine verletzte Person auf einem Bürostuhl zu Sanitätern.
Ethan Miller/Getty Images, AFP
Ein Mann versorgt Personen mit Wasser.
Ein Mann versorgt Personen mit Wasser.
AFP
Die Einsatzkräfte sperrten den Strip, die zentrale Strasse in der Glückspielstadt, ab.
Die Einsatzkräfte sperrten den Strip, die zentrale Strasse in der Glückspielstadt, ab.
Ethan Miller/Getty Images, Keystone
Zunächst ging die Polizei von mehreren Schützen aus, die Nervosität war gross: Polizisten stoppen einen Mann, der die Tropicana Avenue hinunterfuhr.
Zunächst ging die Polizei von mehreren Schützen aus, die Nervosität war gross: Polizisten stoppen einen Mann, der die Tropicana Avenue hinunterfuhr.
Ethan Miller/Getty Images, AFP
Polizisten in Aktion.
Polizisten in Aktion.
Ethan Miller/Getty Images, AFP
Viele Bilder zeigen Menschen, die offenbar geschockt sind vom gerade Erlebten.
Viele Bilder zeigen Menschen, die offenbar geschockt sind vom gerade Erlebten.
AP Photo/John Locher, Keystone
Schüsse auf Konzertbesucher: Menschen versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. (1. Oktober 2017)
Schüsse auf Konzertbesucher: Menschen versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. (1. Oktober 2017)
David Becker/Getty Images, AFP
Menschen tragen einen Verletzten vom Festivalgelände beim Mandalay Bay Resort weg.
Menschen tragen einen Verletzten vom Festivalgelände beim Mandalay Bay Resort weg.
David Becker/Getty Images, AFP
Eine verletzte Person wird in Sicherheit gebracht.
Eine verletzte Person wird in Sicherheit gebracht.
David Becker/Getty Images, AFP
Berichten zufolge schiessen zwei bis drei Schützen aus einem Hotelzimmer: Fliehende Festivalbesucher.
Berichten zufolge schiessen zwei bis drei Schützen aus einem Hotelzimmer: Fliehende Festivalbesucher.
David Becker/Getty Images, AFP
Die Polizei ist mit einem grossen Aufgebot vor Ort.
Die Polizei ist mit einem grossen Aufgebot vor Ort.
AP Photo/John Locher, Keystone
Die Einsatzkräfte durchkämmen das Gelände.
Die Einsatzkräfte durchkämmen das Gelände.
AP Photo/John Locher, Keystone
In den sozialen Medien berichten Leute, die den Polizeifunk mithören, zwei bis drei Schützen feuerten aus dem Fenster eines Hotelzimmers.
In den sozialen Medien berichten Leute, die den Polizeifunk mithören, zwei bis drei Schützen feuerten aus dem Fenster eines Hotelzimmers.
AP Photo/John Locher, Keystone
Eine Polizistin geht hinter einem Polizeiauto in Deckung.
Eine Polizistin geht hinter einem Polizeiauto in Deckung.
AP Photo/John Locher, Keystone
Am Route 91 Harvest Country Music Festival ist Panik ausgebrochen.
Am Route 91 Harvest Country Music Festival ist Panik ausgebrochen.
David Becker/Getty Images
Ersten Berichten zufolge muss mit vielen Opfern gerechnet werden.
Ersten Berichten zufolge muss mit vielen Opfern gerechnet werden.
David Becker/Getty Images
Ein Mann und eine Frau halten sich aneinander fest.
Ein Mann und eine Frau halten sich aneinander fest.
David Becker/Getty Images, AFP
Ein Mann im Rollstuhl versucht zu fliehen.
Ein Mann im Rollstuhl versucht zu fliehen.
David Becker/Getty Images, AFP
Ein Mann geht hinter einem Logo in Sicherheit.
Ein Mann geht hinter einem Logo in Sicherheit.
David Becker/Getty Images, AFP
1 / 42

Zum hausgemachten Schusswaffenterror wie in Las Vegas, wo ein nicht islamischer Einzeltäter Dutzende Menschen erschoss und Hunderte teils schwer verletzte, wird Donald Trump nicht viel zu sagen haben. Kein Einreiseverbot für Muslime hätte die schreckliche Tat verhindern können. Schon eher hätten striktere Waffengesetze geholfen.

Damit aber rechnet niemand, weshalb der tägliche amerikanische Wahnsinn auch nach Las Vegas seine Opfer fordern wird: 273 Schiessereien, bei denen mehr als 4 Menschen entweder verletzt oder getötet worden sind, haben sich 2017 bislang ereignet, der Massenmord in Las Vegas mitgezählt. 11 652 durch Schusswaffen Getötete, 23 512 durch Schusswaffen Verletzte, darunter 545 Kinder: Dies ist die vorläufige Bilanz 2017, Stand Montagmorgen. Besser wird es nicht werden. Dafür sorgt eine unheilvolle Allianz von Waffenfanatikern, der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) sowie der Republikanischen Partei, die bei jeder Wahl von der NRA geschmiert wird, zuletzt 2016 mit Wahlkampfspenden von über 30 Millionen Dollar.

Ausserdem gibt es Donald Trump, den Schusswaffenpräsidenten. «Das sind sehr, sehr gute Leute», pries Trump im Wahlkampf 2016 die NRA. Die Waffenlobby wiederum war entzückt von Trump und erwartete nach dem Wahlsieg ihres Lieblingskandidaten einige Gefälligkeiten. Vor allem die leidlichen Restriktionen beim Waffenkauf, die Barack Obama per Dekret im Dezember 2016 verfügt hatte, sollten rückgängig gemacht werden.

Obama wollte endlich verhindern, dass Waffenkäufer auf Waffenmessen und im Internet Gewehre und Handfeuerwaffen ohne vorherige Überprüfung kaufen konnten – sogar wenn sie vorbestraft oder geisteskrank waren. Unter anderem bestimmte die neue Verordnung, dass Menschen, die aufgrund ihrer geistigen Krankheit finanzielle Unterstützung vom Staat erhielten, keine Waffen erwerben konnten. Als «verfassungswidriges Abgreifen von Waffen» beschimpfte die NRA diese Verordnung.

Je nach Staat sind Schusswaffen in Bars und Flughäfen, in Kirchen und an den Universitäten erlaubt.

Kaum im Amt, ging Trump gegen sie vor, worauf das Dekret Ende Februar mit den Stimmen der republikanischen Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses kassiert wurde. Auch anderweitig war der neue Präsident der NRA zu Diensten: Von den Einzelstaaten erteilte Genehmigungen zum Tragen verdeckter Waffen sollten im gesamten Land gelten, sogenannte schusswaffenfreie Zonen, etwa in Schulen, abgeschafft werden. «Ich werde schusswaffenfreie Zonen am ersten Amtstag abschaffen», gelobte Kandidat Trump.

Inzwischen und nach Jahrzehnten legislativer NRA-Erfolge im Kongress und den Parlamenten vieler Bundesstaaten macht der Waffenwahnsinn vor nichts mehr halt: Je nach Staat sind Schusswaffen in Bars und Flughäfen, in Kirchen und an den Universitäten erlaubt. Sogar der Erwerb von Schalldämpfern soll einfacher werden. Der «Hearing Protection Act» – eine Gesetzesvorlage «zum Schutz des Gehörs» – möchte Schalldämpfer jedermann billig zugänglich machen.

Das 1994 verfügte Verbot von Sturmgewehren wie der AK-47 ist überdies längst abgelaufen. Versuche, den Bann zu erneuern, scheiterten im Kongress. Kandidat Trump bezeichnete das ausgelaufene Verbot als «totalen Misserfolg». Jetzt wird das übliche Ritual beginnen: Trauer und Abscheu über die Tat, die Suche nach dem Warum, eine nationale Debatte über den barbarischen täglichen Blutzoll. Wirksame Massnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit hingegen werden ausbleiben. Unter Verweis auf den zweiten Verfassungszusatz, der amerikanischen Bürgern nach Ansicht der Schusswaffenlobby uneingeschränkten Besitz von Gewehren, Revolvern und Pistolen garantiert, werden neue Gesetze blockiert und Massnahmen zur Eindämmung der Schusswaffengewalt verhindert werden.

Untätiger Trump

Die Zahl amerikanischer Schusswaffen, rund 320 Millionen, wird weiter steigen, auch wird die NRA wie immer verkünden, nicht Schusswaffen töteten, sondern Menschen. Donald Trump wird sich hüten, die NRA zu kritisieren: Sie repräsentiert einen wichtigen Bestandteil seiner politischen Basis und ist ein unverzichtbarer Verbündeter bei kommenden Wahlkämpfen. Die Macht der Waffenlobby zu brechen und US-Waffengesetze mit gesundem Menschenverstand zu reformieren, erforderte ein Umdenken in Washington und besonders innerhalb der Republikanischen Partei.

Davon ist bislang nichts zu spüren. Der amerikanische Wahnsinn geht unterdessen weiter, natürlich endete er nicht am Sonntagabend in Las Vegas: In den frühen Morgenstunden des Montags wurden in der kleinen Universitätsstadt Lawrence im Staat Kansas drei junge Menschen erschossen und zwei verletzt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch