Der amerikanische Waffenwahnsinn

Die Macht der Waffenlobby zu brechen und US-Waffengesetze zu reformieren, erforderte ein Umdenken in Washington und besonders innerhalb der Republikanischen Partei.

Über 50 Menschen wurden bei einer Schiesserei in Las Vegas getötet.

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Was am Sonntagabend während eines Countrymusic-Konzerts in Las Vegas geschah, wird bis auf weiteres als schlimmste Schiesserei in die amerikanische Geschichte eingehen. Bis auf weiteres: In Anbetracht der barbarischen Weigerung der Politik, die US-Waffengesetze zu ändern und Waffenbesitz einer stärkeren Kontrolle zu unterziehen, werden unweigerlich irgendwann noch mehr Menschen Opfer eines oder mehrerer Todesschützen werden.

So wie 2007 an der Technischen Universität des Staats Virginia, als 32 Menschen erschossen wurden. Oder wie 2012 an der Elementarschule in Sandy Hook im Staat Connecticut, wo 26 Opfer zu beklagen waren, die meisten von ihnen Kinder. Oder wie in Orlando im Vorjahr, als ein Einzelgänger im Namen des Islamischen Staats 49 Menschen erschoss. Geboren war der Täter von Orlando in den USA, seine Tatwaffe hatte er in Amerika erstanden. «Freue mich über die Gratulationen dafür, dass ich recht habe mit dem radikalen islamischen Terror», twitterte Kandidat Trump damals.

Bildstrecke: Der Angriff in Las Vegas

Zum hausgemachten Schusswaffenterror wie in Las Vegas, wo ein nicht islamischer Einzeltäter Dutzende Menschen erschoss und Hunderte teils schwer verletzte, wird Donald Trump nicht viel zu sagen haben. Kein Einreiseverbot für Muslime hätte die schreckliche Tat verhindern können. Schon eher hätten striktere Waffengesetze geholfen.

Damit aber rechnet niemand, weshalb der tägliche amerikanische Wahnsinn auch nach Las Vegas seine Opfer fordern wird: 273 Schiessereien, bei denen mehr als 4 Menschen entweder verletzt oder getötet worden sind, haben sich 2017 bislang ereignet, der Massenmord in Las Vegas mitgezählt. 11 652 durch Schusswaffen Getötete, 23 512 durch Schusswaffen Verletzte, darunter 545 Kinder: Dies ist die vorläufige Bilanz 2017, Stand Montagmorgen. Besser wird es nicht werden. Dafür sorgt eine unheilvolle Allianz von Waffenfanatikern, der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) sowie der Republikanischen Partei, die bei jeder Wahl von der NRA geschmiert wird, zuletzt 2016 mit Wahlkampfspenden von über 30 Millionen Dollar.

Ausserdem gibt es Donald Trump, den Schusswaffenpräsidenten. «Das sind sehr, sehr gute Leute», pries Trump im Wahlkampf 2016 die NRA. Die Waffenlobby wiederum war entzückt von Trump und erwartete nach dem Wahlsieg ihres Lieblingskandidaten einige Gefälligkeiten. Vor allem die leidlichen Restriktionen beim Waffenkauf, die Barack Obama per Dekret im Dezember 2016 verfügt hatte, sollten rückgängig gemacht werden.

Obama wollte endlich verhindern, dass Waffenkäufer auf Waffenmessen und im Internet Gewehre und Handfeuerwaffen ohne vorherige Überprüfung kaufen konnten – sogar wenn sie vorbestraft oder geisteskrank waren. Unter anderem bestimmte die neue Verordnung, dass Menschen, die aufgrund ihrer geistigen Krankheit finanzielle Unterstützung vom Staat erhielten, keine Waffen erwerben konnten. Als «verfassungswidriges Abgreifen von Waffen» beschimpfte die NRA diese Verordnung.

Je nach Staat sind Schusswaffen in Bars und Flughäfen, in Kirchen und an den Universitäten erlaubt.

Kaum im Amt, ging Trump gegen sie vor, worauf das Dekret Ende Februar mit den Stimmen der republikanischen Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses kassiert wurde. Auch anderweitig war der neue Präsident der NRA zu Diensten: Von den Einzelstaaten erteilte Genehmigungen zum Tragen verdeckter Waffen sollten im gesamten Land gelten, sogenannte schusswaffenfreie Zonen, etwa in Schulen, abgeschafft werden. «Ich werde schusswaffenfreie Zonen am ersten Amtstag abschaffen», gelobte Kandidat Trump.

Inzwischen und nach Jahrzehnten legislativer NRA-Erfolge im Kongress und den Parlamenten vieler Bundesstaaten macht der Waffenwahnsinn vor nichts mehr halt: Je nach Staat sind Schusswaffen in Bars und Flughäfen, in Kirchen und an den Universitäten erlaubt. Sogar der Erwerb von Schalldämpfern soll einfacher werden. Der «Hearing Protection Act» – eine Gesetzesvorlage «zum Schutz des Gehörs» – möchte Schalldämpfer jedermann billig zugänglich machen.

Das 1994 verfügte Verbot von Sturmgewehren wie der AK-47 ist überdies längst abgelaufen. Versuche, den Bann zu erneuern, scheiterten im Kongress. Kandidat Trump bezeichnete das ausgelaufene Verbot als «totalen Misserfolg». Jetzt wird das übliche Ritual beginnen: Trauer und Abscheu über die Tat, die Suche nach dem Warum, eine nationale Debatte über den barbarischen täglichen Blutzoll. Wirksame Massnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit hingegen werden ausbleiben. Unter Verweis auf den zweiten Verfassungszusatz, der amerikanischen Bürgern nach Ansicht der Schusswaffenlobby uneingeschränkten Besitz von Gewehren, Revolvern und Pistolen garantiert, werden neue Gesetze blockiert und Massnahmen zur Eindämmung der Schusswaffengewalt verhindert werden.

Untätiger Trump

Die Zahl amerikanischer Schusswaffen, rund 320 Millionen, wird weiter steigen, auch wird die NRA wie immer verkünden, nicht Schusswaffen töteten, sondern Menschen. Donald Trump wird sich hüten, die NRA zu kritisieren: Sie repräsentiert einen wichtigen Bestandteil seiner politischen Basis und ist ein unverzichtbarer Verbündeter bei kommenden Wahlkämpfen. Die Macht der Waffenlobby zu brechen und US-Waffengesetze mit gesundem Menschenverstand zu reformieren, erforderte ein Umdenken in Washington und besonders innerhalb der Republikanischen Partei.

Davon ist bislang nichts zu spüren. Der amerikanische Wahnsinn geht unterdessen weiter, natürlich endete er nicht am Sonntagabend in Las Vegas: In den frühen Morgenstunden des Montags wurden in der kleinen Universitätsstadt Lawrence im Staat Kansas drei junge Menschen erschossen und zwei verletzt.

Erstellt: 03.10.2017, 06:44 Uhr

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