Kosmischer Kitsch

Milliardäre wie Jeff Bezos wollen den Weltraum besiedeln. Ihre Pläne schaden der Erde.

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25 Jahre haben Jeff Bezos gereicht, um zum reichsten Mann der jüngeren Geschichte aufzusteigen. Aber Geld ist nicht genug, der Amazon-Gründer strebt nach Höherem. Den Weltraum möchte er erobern, um der Menschheit eine neue Heimat zu schaffen – eine Heimat, welche die Erde bald nicht mehr bieten könne.

Mit solchen Plänen ist Bezos nicht allein. Auch andere Superreiche wie Elon Musk oder Richard Branson zieht es zu den Sternen. Als Pioniere des Unendlichen wollen sie in die Geschichte eingehen.

Kürzlich hat Bezos seine Raummission «Blue Moon» vorgestellt. Futuristisch wirkte die Show (mit Live-Twitter-Schaltung), dabei reanimiert Bezos eine Zukunft von gestern. Die Idee, den Weltraum zu «kolonisieren», stammt aus einer Zeit, als noch niemand vom Internet (und von Amazon) gehört hatte. 1975 stellte der Physiker Gerard O’Neill gemeinsam mit der Nasa den Plan vor, erst den Mond zu besiedeln und von dort aus den Weltraum. In riesigen, schwebenden Zylindern sollten die Menschen der Zukunft wohnen.

Verlockung kollektiver Flucht

US-Medien haben aufgezeigt, dass Bezos die Ideen von O’Neill fast durchgängig übernommen hat. Kein Wunder. Als Student besuchte er Vorlesungen bei O’Neill. Und schon seit seiner Kindheit hatte er sich für die Raumfahrt begeistert. Als Highschool-Absolvent erzählte er einer Lokalzeitung, dass er «Weltraumhotels bauen möchte, Vergnügungsparks, Jachten und Kolonien im Erdorbit». Fast 40 Jahre später hat Bezos genug Geld verdient – rund 155 Milliarden Dollar –, um seine Kindheitsträume anzupacken.

Keine einfache Aufgabe. Eine ungelöste Frage bleibt, wie (und ob überhaupt) sich Ökosysteme nachbauen lassen, die für sich selber funktionieren. O’Neill wusste darauf keine Antwort. Bezos liefert ebenfalls keine.

Nicht so schlimm, wenn wir die Erde ruinieren. Das Universum, dieser neue Wilde Westen, bietet ja mehr als genug Platz. 

Auch an den politischen Problemen der Raumkolonien hat sich nichts verändert. Zu Beginn der 70er-Jahren wurde sich der Westen erstmals bewusst, dass sein Lebensstil die eigenen Existenzgrundlagen gefährdet. Diese Erkenntnis vermochte den damaligen Fortschrittsoptimismus nicht zu knicken. Gerard O’Neill hat seine Raumröhren als Ausweg gepriesen, um kaputten Ökosystemen und einer überbevölkerten Erde zu entkommen. Sein Nachfahre Jeff Bezos argumentiert ähnlich. Bald würden die Menschen alle irdischen Energiequellen geplündert haben. Daher müssen sie ausweichen ins Weltall.

Die Sorge um die Erde hat seit den 70er-Jahren an Dringlichkeit gewonnen. Wissenschaftler warnen vor der Klimakatastrophe und einem umfassenden Artensterben, wenn die Menschheit ihre Lebensweise nicht umstellt. Diese Bedrohung macht eine kollektive Flucht noch verlockender. Doch die retrofuturistische Verheissung ist gefährlich. Denn sie entschuldigt zerstörerisches Verhalten: nicht so schlimm, wenn wir die Erde ruinieren. Nicht nötig, sich einzuschränken. Das Universum, dieser neue Wilde Westen, bietet ja mehr als genug Platz. Weltraumkolonien würden es möglich machen, ungestört fortzufahren in der Logik des Industriekapitalismus: ewiges Wachstum dank nie versiegender Ressourcen.

Städte im Weltraum

Kolonie-Vordenker Gerard O’Neill versprach den Weltraum-Menschen ein «offeneres und freieres» Leben als auf der Erde. Daran lässt sich zweifeln. Die von Bezos präsentierten Weltall-Zylinder enthalten Städte, die an Florenz erinnern oder Singapur. Rundherum grünen idyllische Landschaften. Das sieht aus, als ob man ein Best-of irdischer Sehenswürdigkeiten in einen engen Raum gepackt hätte. Kosmischer Kitsch.

Wie sich das Leben in solchen Welten anfühlen könnte, hat zahlreiche Science-Fiction-Autoren beschäftigt. Wenige teilen O’Neills Optimismus. Philipp K. Dick zum Beispiel schildert Weltraumkolonien als lieblose Disneylands, deren Künstlichkeit die Sehnsucht nach der Erde verstärkt. Der Weltraum wird zum Albtraum. Offen bleibt auch, wer in den Raumröhren die Macht hätte.

Wenn sich Milliardäre wie Bezos als Wohltäter verewigen wollen, könnten sie die Umweltbilanz der eigenen Unternehmen verbessern. Sie könnten ihr Geld auch in Forschungsprojekte stecken, die ein naturverträgliches Wirtschaften fördern. Stattdessen geben sie Milliarden aus, um ihre weltfremden Kindheitsträume zu verwirklichen. Solch ausserirdische Nostalgie hilft mit, die Erde um ihre Zukunft zu bringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 20:39 Uhr

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