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Küsse, aber keine Kompromisse

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte, US-Präsident Donald Trump im Handelsstreit zu Zugeständnissen zu bewegen.

Neue Körperlichkeit: Donald Trump küsste Kanzlerin Angela Merkel zur Begrüssung im Weissen Haus auf die Wange. Foto: Keystone
Neue Körperlichkeit: Donald Trump küsste Kanzlerin Angela Merkel zur Begrüssung im Weissen Haus auf die Wange. Foto: Keystone

In Washington zählten sie gestern Körperkontakte. Vier Handschläge! Zwei Küsschen! Ein getätschelter Handrücken! Angela Merkel war zu Besuch bei Donald Trump, es war das zweite Treffen im Weissen Haus nach der eher missglückten Premiere vom März 2017, und im Vergleich zum letzten Mal sah alles ein wenig entspannter aus. Unterkühlt war es damals gewesen zwischen der deutschen Kanzlerin und dem US-Präsidenten, und noch lange sprach man über den peinlichen Moment, als Trump sich nach Zurufen von Journalisten weigerte, Merkel die Hand zu geben.

Nun aber: neue Körperlichkeit. Bei der Begrüssung, als Trump Merkel zu ihrem Wahlsieg gratulierte. Und bei der Pressekonferenz, die auf ein 20-minütiges Gespräch und ein Arbeitsessen folgte. Inhaltlich brachte der Auftritt wenig Neues – zumindest, was den drohenden Handelskrieg zwischen den USA und der EU sowie das Nuk­learabkommen mit dem Iran betrifft. «Die Entscheidung liegt beim Präsidenten», sagte Merkel auf eine Journalistenfrage, ob sie Trump davon überzeugt habe, der EU weiterhin Ausnahmen bei Zöllen auf Stahl und Aluminium zuzugestehen. Die bestehenden Ausnahmen laufen am 1. Mai aus, und die US-Regierung drängt darauf, dass die EU Zugeständnisse bei Zöllen auf andere Handelsgüter mache, namentlich auf Autos – nur dann würde die Europäische Union auch künftig verschont.

Am 12. Mai muss Trump entscheiden, ob er das Abkommen weiter einhalten will oder neue Sanktionen verhängt.

Wie sich Trump entscheiden wird, liess sich aus seinen Aussagen nicht ablesen. Er wiederholte lediglich sein Mantra, wonach Handelsbeziehungen wechselseitig ausgestaltet sein müssten, «re-ci-pro-cal», wie er unter Betonung jeder Silbe sagte. Nichts deutete darauf hin, dass er seine kritische Haltung zum Atomabkommen mit dem Iran geändert hat, bei dem ebenfalls eine Deadline ansteht: Am 12. Mai muss Trump entscheiden, ob er das Abkommen weiter einhalten will oder neue Sanktionen verhängt.

Merkel räumte ein, dass der derzeitige Deal nicht ausreiche. «Deshalb muss mehr dazukommen», sagte die Kanzlerin. Das ballistische Raketenprogramm sowie die Einflussnahme des Iran in Syrien und im Libanon seien «Gegenstand grösster Besorgnis». Trump hatte mehrfach angekündigt, aus dem Abkommen aussteigen zu wollen. Gestern bezeichnete er den Iran abermals als «mörderisches Regime», der im Nahen und Mittleren Ost Gewalt schüre. Man müsse und werde verhindern, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen komme.

Cheeseburger und Pinot grigio

Dazwischen gab es mehrfach Momente, in denen der Präsident für längere Zeit abschweifte und über seine innenpolitischen Gegner herzog. Merkel schaute dabei sichtlich angestrengt auf den Boden. Sie verzog das Gesicht, als Trump darüber witzelte, dass man in Deutschland Leute sehr schnell feuern könne. Worauf er sich dabei bezog, war nicht wirklich klar. Die Kanzlerin bemühte sich aber an anderer Stelle, Trump zu loben, vor allem für dessen Rolle bei den Friedensbemühungen zwischen Nord- und Südkorea. Und Trump schien sich dafür zu bedanken, indem er die «grossartige Beziehung» pries, die er zu Merkel habe.

Bei aller Entspannung: Das Treffen zwischen Merkel und Trump stand im starken Kontrast zu dem, was sich in Washington Mitte Woche abgespielt hatte. Drei Tage lang hatte die Welt zugeschaut, wie sich Emmanuel Macron und Trump in Washington umgarnten und abklatschten, wie sie sich bei den Händen fassten und sich Luftküsse zuhauchten. Die Präsidenten Frankreichs und der USA, in Männerfreundschaft vereint – einer Freundschaft, die offenbar auch Übergriffe erträgt wie den Moment, als Trump Macron vor laufender Kamera Schuppen von der Schulter schnippte.

Keine drei Stunden dauerte dagegen der Besuch von Merkel im Weissen Haus, und statt zum Abendessen mit Trump war Merkel nach ihrer Landung am Vorabend kurzerhand in ein Restaurant in der Nähe ihres Hotels gegangen, wo sie mit ihrer Entourage Cheeseburger ass und Pinot grigio trank. Natürlich hatte dieser Kontrast in erster Linie mit dem unterschiedlichen Rahmen zu tun: Mac­ron war zum lange geplanten Staatsbesuch hier, da gehören militärischer Pomp und Bankette dazu. Merkels Visite war ein Arbeitstreffen, das erst vereinbart wurde, als in Berlin nach gefühlt ewigen Verhandlungen endlich eine neue Regierung stand.

Macron und Merkel haben nicht den gleichen persönlichen Zugang zum Präsidenten.

Doch bei einem Präsidenten wie Trump, der persönliche Beziehungen zu anderen Staatschefs zum Leitstern seiner Aussenpolitik gemacht hat, spielen eben auch die menschlichen Zwischentöne eine Rolle. Und da zeigte sich diese Woche, dass Macron und Merkel nicht den gleichen persönlichen Zugang zum Präsidenten haben. Und doch schien das gestrige Treffen von Merkel und Trump zumindest als Fortschritt gegenüber ihrem ersten Besuch in Washington.

Das hatte auch mit der Kanzlerin zu tun, die sich – trotz der Blicke auf den Boden, trotz der hochgezogenen Augenbrauen – bemühte, den Wert der transatlantischen Beziehung zu unterstreichen. Es sei eine Beziehung, die nicht nur aus politischen und wirtschaftlichen Banden bestehe, sondern auch aus kulturellen und wissenschaftlichen – und aus militärischen. Deutschland wisse, dass es sich dazu verpflichtet habe, seine Verteidigungsausgaben zu erhöhen, sagte Angela Merkel an der Pressekonferenz. «Dazu stehen wir.» Donald Trump hörte es gerne. Und bevor er die Kanzlerin hinausbegleitete, drückte er ihr lange die Hand.

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