Die fehlgeleiteten News-Algorithmen

Falsche Informationen über den Täter, wenig Einsicht: Einflussreiche Newsplattformen stehen nach dem Massaker in der Casino-Stadt am Pranger.

Nicht wissen, was wirklich geschah, erzählen, was man gesehen hat: Betroffene des Massakers von Las Vegas telefonieren. (2. Oktober 2017)

Nicht wissen, was wirklich geschah, erzählen, was man gesehen hat: Betroffene des Massakers von Las Vegas telefonieren. (2. Oktober 2017) Bild: Keystone

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Als die ersten schockierenden Nachrichten aus Las Vegas kamen, wurde die «Crisis Response»-Seite von Facebook zur Anlaufstelle für besorgte Bürger. Ihre Freunde und Angehörige, die in der Casinostadt leben oder sich dort aufhielten, konnten so angeben, ob sie in Sicherheit sind. Zudem liefert Facebook auf der extra eingerichteten Seite laufend News zum Angriff auf das Open-Air-Konzert. Gebündelte Nachrichten in Zeiten der Informationsflut – ein Dienst, den viele schätzen.

Doch bei einem Teil der vermeintlichen News handelte es sich – wieder einmal – um Desinformation. Facebook bewarb auf seiner «Crisis Response page» mehrere dubiose Websites, die Falschinformationen verbreiteten, darunter «The Gateway Pundit». Die rechtsextreme Homepage veröffentlichte eine Story über den angeblichen Täter, der Demokrat und linksradikal sei sowie mit einer «Anti-Trump-Armee» in Verbindung stehe. Als die Polizei später mehr Informationen über den wahren Täter herausgab, löschte «The Gateway Pundit» die Story wieder. Doch die falsche Behauptung hatte sich bereits rasant im Internet verbreitet.

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Weitere Websites mit zweifelhaftem Ruf hatten die Story aufgegriffen oder verbreiteten andere unwahre Behauptungen. Wer in den wichtigen ersten Stunden nach der Attacke auf Google nach dem Angreifer suchte, stiess auf zahlreiche Links mit Falschnachrichten. Das Forum «4chan», das für Rassismus, Verschwörungstheorien und absichtliche Desinformation bekannt ist, war mit einer Story über den falschen Täter zeitweise zuoberst in der Google-Suche.

Facebook hat die entsprechenden Einträge inzwischen entfernt, gab gegenüber CNN aber zu, dass die Beseitigung «verspätet» geschehen sei, weshalb die Posts hätten «online zirkulieren» können. «Wir arbeiten daran, das Problem zu lösen, das dies ermöglicht hat», sagte ein Facebook-Sprecher.

Video: Und plötzlich fielen Hunderte Schüsse

Ein Open-Air-Konzert in Las Vegas wird innert Sekunden zum Horror.

Google verwies auf den riesigen Algorithmus seiner Suchmaschine. Dieser habe die inakkurate «4chan»-Webseite schon «nach wenigen Stunden» automatisch durch relevante Suchresultate ersetzt. «Wir arbeiten weiter an Verbesserungen unseres Algorithmus, um solche Vorfälle künftig zu verhindern», schrieb Google in einem Statement.

«Google und Facebook weigern sich, Verantwortung für ihre aktive Rolle zu übernehmen.»«The Atlantic»

Bei verschiedenen Beobachtern stossen diese Aussagen auf Unverständnis. Verschwörungstheorien, komplett unbestätigte Gerüchte und bare Lügen würden sich nicht von alleine im Internet verbreiten, meint das Magazin «The Atlantic». Die entsprechenden Websites nutzten dafür die Infrastruktur von Google, Facebook und Youtube, welche diese für ihre möglichst grosse Verbreitung aufgebaut hätten. «Diese Firmen sind die mächtigsten Informationsfilter, die die Welt je gekannt hat, und sie weigern sich, Verantwortung für ihre aktive Rolle bei der Verbreitung von Falschinformationen zu übernehmen», schreibt «The Atlantic». Es reiche nicht mehr, einfach dem Algorithmus die Schuld zu geben.

Auch das Wirtschaftsmagazin «Fortune» kritisiert das «fortwährende Versagen» der grössten Newsplattformen im Umgang mit Desinformation. Entgegen immer wiederkehrender Beteuerungen hätten sie es nicht geschafft, ihre Systeme ausreichend zu schützen. «Google und Facebook verlassen sich in erster Linie immer noch auf Algorithmen, die Nachrichten für ihre Leser filtern. Die wachsende Menge an digitalen News verlangt aber nach menschlichen Moderatoren», glaubt «Fortune», zumindest solange, bis die Technologie noch nicht so weit sei.

Video: Eine Stadt trauert

Las Vegas am Tag 1 nach der Horrornacht.

Die Kritik an den Internetgiganten kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Google und Facebook ohnehin schon unter stärkerer Beobachtung stehen. Momentan wird untersucht, welche (ungewollte) Rolle sie bei der russischen Kampagne zur Beeinflussung der amerikanischen Präsidentschaftswahlen gespielt haben könnten. Google führt derzeit eine interne Untersuchung zur möglichen russischen Einmischung auf seiner Seite. Facebook überreichte dem US-Kongress am Montag 3000 Werbeanzeigen einer sogenannten russischen Troll-Farm, die im Auftrag des Staates Manipulationen im Internet betreiben soll. Zudem kündigte die Social-Media-Plattform an, 1000 Personen mehr anzustellen, die Anzeigen kontrollieren. Kritiker fordern, das solche Bemühungen noch verstärkt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 12:27 Uhr

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