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Machtlos in Shorts und Flip-Flops

Edward Snowdens kinoreife Flucht schürt den Zorn der politischen Klasse in Washington. Ihr Ohnmachtsgefühl kollidiert mit dem amerikanischen Allmachtsanspruch.

Martin Kilian, Washington
«Keiner fürchtet sich vor diesem Kerl»: Ein Ex-Berater von George W. Bush über Barack Obama.
«Keiner fürchtet sich vor diesem Kerl»: Ein Ex-Berater von George W. Bush über Barack Obama.
Steven Senne, Keystone

Die Kontrahenten keilten wie weiland im Kalten Krieg: Washington erging sich in Drohgebärden und stellte lautstark Forderungen auf, Moskau verwahrte sich dagegen und motzte seinerseits. Und alles nur, weil ein 30-jähriger NSA-Abtrünniger namens Edward Snowden in einem Hotel im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo sass und auf die Weiterreise ins Asyl wartete.

Die Regierung Obama betrachtet Snowden als einen gefährlichen und bereits angeklagten Verräter, der ausgewiesen und in die USA überstellt werden soll. Der russische Präsident Wladimir Putin sah hingegen eine Chance, den alten Gegner öffentlich abzuwatschen und in die Schranken zu weisen. Ausgeliefert werde nicht, gab der starke Mann im Kreml während eines gestrigen Besuchs in Finnland bekannt. Schliesslich habe sich Snowden, «Gott sei Dank», auf russischem Territorium nichts zuschulden kommen lassen, und je schneller er Moskau verlasse, «desto besser für ihn und uns», sagte Putin.

McCain und «der alte KGB-Oberst»

Die ganze Angelegenheit sei «wie das Scheren eines Schweins – viel Gequietsche und wenig Wolle», befand der Russe, derweil die politische Klasse in Washington schäumte: Hier komme «der alte KGB-Oberst und Apparatschik Putin zum Vorschein», entrüstete sich der republikanische Senator John McCain. Dass Aussenminister John Kerry versicherte, keineswegs wolle man des leidigen Snowden wegen «eine Konfrontation», mochte wahr sein. Andererseits treibt die Vorstellung, der entwischte Geheimnisträger werde den KGB-Nachfolgern beim russischen Geheimdienst FSB womöglich die Kronjuwelen der NSA aushändigen, amerikanischen Politikern und Geheimdienstlern den Angstschweiss auf die kollektive Stirn.

Schon wird im Kongress befürchtet, Snowden habe bereits während seines Aufenthalts in Hongkong allerlei Bonbons an seine chinesischen Gastgeber verteilt, um sie bei Laune zu halten. Zumal sich die Angabe der demokratischen Senatorin Dianne Feinstein vom Samstag, wonach der Flüchtige nur im Besitz von etwa 200 Dokumenten sei, inzwischen als Wunschdenken erweist: Snowdens journalistischer Vertrauter Glenn Greenwald vom britischen «Guardian» erhielt eigenem Bekunden zufolge Tausende Dokumente, ist sich freilich aber nicht sicher, ob Snowden «mehr hat als das, was er mir gegeben hat». Wahrscheinlich, so Greenwald, habe Snowden mehr.

Snowdens Festplatten und seine Freunde

Weil sie mittlerweile nicht ausschliessen können, dass Snowden seinen Insider-Coup von langer Hand geplant hat, versuchen die Computerfahnder der NSA jetzt nachzuvollziehen, wie und zu welchen Unterlagen er sich Zugang verschaffte. Snowden, so mutmassen sie, habe Kopien digitaler «Schlüssel» hergestellt und damit die geheimsten NSA-Programme einsehen können. Ein Ex-Mitarbeiter eines US-Dienstes ist nach Gesprächen mit ehemaligen Kollegen überzeugt, dass Snowden grosse Mengen an Dokumenten auf die Hard Drives seiner diversen Laptops geladen hat – weshalb NSA-Experten unter anderem herausfinden möchten, welche Speicherkapazitäten diese Computer haben.

Es macht die Sache in amerikanischen Augen nicht besser, dass Greenwald in einem Interview behauptete, sein Gewährsmann, weil um Leben und Freiheit fürchtend, habe sich vorsorglich abgesichert: Die digitalen Akten in seinem Besitz seien in verschlüsselter Form an mehrere Vertraute übermittelt worden. Werde Snowden bedroht oder gar aus dem Verkehr gezogen, erhielten die Empfänger ein entsprechendes Passwort und könnten die NSA-Geheimnisse sodann breit streuen, so Greenwald.

Obama und die Flucht auf den Golfplatz

Solche Drohungen verstärken das Gefühl der Machtlosigkeit, das den Zorn der Washingtoner Eliten erst recht schürt und besonders die republikanische Opposition rotsehen lässt: Während Snowden am Samstag in Hongkong vielleicht allerlei ausgeplaudert habe, sei Barack Obama in Shorts und Flip-Flops zum Golfspiel enteilt, lästert sie. Der Präsident, befand der neokonservative Eliot Cohen, ehemals Berater von George W. Bush, sei durch Snowdens Flucht «gedemütigt» worden, ja schlimmer noch: «Keiner fürchtet sich vor diesem Kerl.»

Dahinter kommt die Überzeugung zum Vorschein, niemand, auch Wladimir Putin nicht, dürfe sich einem amerikanischem Ansinnen widersetzen. Besonders wenn es vom Präsidenten persönlich in markigen Worten vorgetragen werde.

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