«Mami, töte mich nicht»

Wie Abtreibungsgegner in den USA den Weg zur Klinik für Schwangere in einen Spiessrutenlauf verwandeln.

Verfolgen die Frauen teilweise vom Auto bis zum Eingang: Abtreibungsgegner stehen vor einer Klinik in St. Louis, Missouri. Foto:  Michael Thomas/AFP

Verfolgen die Frauen teilweise vom Auto bis zum Eingang: Abtreibungsgegner stehen vor einer Klinik in St. Louis, Missouri. Foto: Michael Thomas/AFP

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Als morgens die erste Patientin über die von Schlaglöchern vernarbte Strasse fährt, warten bereits drei Dutzend Abtreibungsgegner vor dem Klinikeingang. Familien mit Babys stehen dort, Kleinkinder und Teenager laufen in Warnwesten herum. Sie warten darauf, dass sich ein Auto nähert. Ein Auto mit einer schwangeren Frau, die – so sehen es die Wartenden – plant, einen Mord zu begehen. Sie wollen die Schwangere zur Umkehr bewegen.

Eine junge Frau im dunkelroten Honda fährt in der Morgensonne an der Klinik vorbei, langsam, sie sucht einen Parkplatz. Zwei Mädchen laufen hinterher. Als das Auto am Strassenrand zum Stehen kommt, bauen sich die Teenager vor der Fahrertür auf und stemmen die Fäuste in die Hüften. Doch die Frau steigt nicht aus. Sie schaut die Mädchen an, mit ängstlichem Gesicht. «Sie werden gleich dein Kind töten», sagt eine der beiden.

Einige Minuten später, als die Frau dann doch aussteigt und zur Klinik geht, Handy und Portemonnaie an die Brust gedrückt wie auf der Flucht, sagt sie: «Ich habe mich von den Mädchen bedroht gefühlt.»

Spiessrutenlauf: Freiwillige in pinken Westen helfen den Patientinnen der Klinik Jackson Women's Health, an den Abtreibungsgegnern vorbei zu gehen. Foto: Nina Robinson/AFP

Wer in Jackson, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Mississippi, einen Tag an der Abtreibungsklinik Jackson Women's Health verbringt, kann sehen, wie erbittert die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche in den USA geführt wird. Mississippi ist etwa so gross wie Österreich und die Schweiz zusammen. Aber der pink gestrichene Bungalow ist seit 2004 die einzige Einrichtung im ganzen Staat, in der diese Eingriffe durchgeführt werden. Und das auch nur an zweieinhalb Tagen die Woche. Häufiger geht nicht: Ärztemangel.

In keinem Staat der USA ist es bisher so schwierig abzutreiben wie in Mississippi. Nicht bloss, weil Abtreibungsgegner den Weg zur Klinik für Schwangere in einen Spiessrutenlauf verwandeln. Wer hier einen Termin ergattert – schon das ist nicht einfach -, muss weitere Hürden überspringen: sich frei nehmen, teilweise stundenlang fahren, 600 Dollar auftreiben. So viel kostet eine Abtreibung hier mindestens.

Der Streit eskaliert in den USA: Abtreibungsgegner protestieren vor einer Klinik in St. Louis, Missouri. Foto: Michael Thomas/AFP

Gesetze des Bundesstaates schreiben Frauen zudem vor, den Weg gleich zweimal anzutreten: erst zur Beratung, und dann, mindestens 24 Stunden später, zur eigentlichen Abtreibung. Ärzte müssen die Frauen zudem warnen, dass ein Zusammenhang zwischen Schwangerschaftsabbrüchen und Brustkrebs besteht, auch wenn dieser nicht erwiesen ist.

Seit Donald Trump erklärte, für den Schutz ungeborenen Lebens einzutreten, eskaliert der Streit um Schwangerschaftsabbrüche in den USA: Bis Ende Juni wurden allein in diesem Jahr in 19 Bundesstaaten 58 Restriktionen für Abtreibungen erlassen. Darunter sind Gesetze, die Abtreibungen in zwölf Staaten fast unmöglich machen. In Mississippi hat Gouverneur Phil Bryant das sogenannte «Herzschlag-Gesetz» unterschrieben. Zwar ist es mittlerweile vom Bundesrichter gekippt worden, doch die Abtreibungsgegner wollen sich damit nicht zufrieden geben.

«My Body, my Choice»: Menschen demonstrieren gegen das sogenannte «Herzschlag-Gesetz» in Georgia. Foto: Elijah Nouvelage/AFP

Das Gesetz untersagt Schwangerschaftsabbrüche, sobald der Herzschlag des Embryos zu hören ist. Das ist meist in der sechsten Woche der Schwangerschaft der Fall. Nur wissen viele Frauen zu diesem Zeitpunkt nicht mal, dass sie schwanger sind. «Wenn man Abtreibungen ab diesem Zeitpunkt verbietet, verbietet man sie nahezu komplett», sagt die Politikexpertin Elizabeth Nash, die Abtreibungsrestriktionen für das Guttmacher-Institut in Washington, D. C., analysiert, eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation.

Eigentlich ist es in den USA legal abzutreiben – doch jeder Bundesstaat kann Zusatzregelungen erlassen. Das entschied der Oberste Gerichtshof im Jahr 1973. Immer wieder haben einzelne Staaten versucht, das Urteil zu brechen. Das könnte nun funktionieren. Mit der umstrittenen Ernennung des Richters Brett Kavanaugh ist der Supreme Court konservativ wie nie. Das wissen Abtreibungsgegner. «Sie hoffen, eines der scharfen Abtreibungsgesetze aus einem Bundesstaat bis in den Supreme Court zu tragen», sagt Nash. «Wenn das passiert, könnte die Legalisierung von Abtreibungen gekippt werden.»

Anhänger der Konservativen: Brett Kavanaugh wurde von Donald Trump zum Richter im Supreme Court ernannt. Foto: Chip Somodevilla/AFP

«Hoffentlich klappt das», sagt Coleman Boyd. Er schaut auf den Eingang der Klinik in Mississippi, schiebt seine rote Mütze mit dem zeigefingergrossen Kreuz die Stirn hoch und fragt: «Oder würden Sie etwa Ihr Kind umbringen?» Wie häufig Boyd schon hierhergefahren ist – 45 Minuten hin und 45 wieder zurück, im Van Megafon, Plakate so gross wie Küchentische, Bibel und zwölf Kinder, das jüngste drei Monate alt – das weiss er nicht mehr genau. Der Protest ist für ihn zum Job geworden, und an den sind Familienleben und Heimunterricht so angepasst, dass alle mitkommen können. Auch sein Bruder macht das so. Wenn sich die Boyds morgens auf dem Gehsteig vor der Klinik begrüssen, haben sie zwei Fussballmannschaften Protest dabei. Und die Liebe zu Jesus, mit der sie alles rechtfertigen.

Erstellt: 04.08.2019, 13:33 Uhr

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