Merkel überrascht mit ungewöhnlicher Rede in Harvard

Biografen könnten diesen Auftritt in den USA dereinst auch als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren. Spitzen gegen Trump fehlten dabei nicht.

Die Universität hatte sie in den Wochen, vor allem in den Tagen vor dem Auftritt am Donnerstag gefeiert wie einen Rockstar: Angela Merkel in Harvard. Youtube/Harvard

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Als US-Präsident Donald Trump am Freitagmorgen in Washington erwachte, war Bundeskanzlerin Angela Merkel schon wieder in Berlin. Kurz nur weilte sie in den Vereinigten Staaten, von Mittwochnachmittag bis Donnerstagnachmittag, und obwohl sie Trump nicht getroffen hat, dürfte sie einigen Eindruck in Washington hinterlassen haben. Vielleicht nicht bei Trump selbst, der weitenteils immun ist gegen die Zumutungen der Welt und sich von niemandem etwas sagen lässt, schon gar nicht von einer Frau. Aber womöglich doch bei den denkenden Kreisen des politischen Establishments in Amerikas Hauptstadt, ganz gleich, ob diese Kreise sich demokratisch oder republikanisch definieren.

Das liegt daran, dass Merkel am Donnerstag an der Universität Harvard in Boston eine Rede gehalten hat, die ihre Biografen vermutlich dereinst als eine Art politisches Vermächtnis interpretieren werden. Gut möglich, dass sie in den kommenden, den verbleibenden Jahren ihrer Amtszeit noch mehr solcher Reden hält. Aber vielleicht bleibt diese Rede auch die einzige ihrer Art, denn die Szenerie war einmalig, die Umstände unvergleichlich.

Merkel war von Harvard, einer der renommiertesten Universitäten der Welt, eingeladen worden, um eine Rede vor den Absolventen des Jahrgangs 2019 zu halten. Es gab allerlei Brimborium drumherum, zum Beispiel wurde ihr eine Ehrendoktorwürde verliehen, was sie sichtlich erfreute. Sie ist Naturwissenschaftlerin, sie hat den akademischen Betrieb immer gemocht und auf vielen ihrer Dienstreisen dafür Sorge getragen, dass sie auch die wichtigen Universitäten an ihren Reisezielen besuchte. Aber von Harvard ausgezeichnet zu werden, das ist eben noch einmal einen Tick wunderbarer. Merkel ist bekannt als Pragmatikerin, doch für das vermeintlich im – selten dämliches Wort – Elfenbeinturm wohnende akademische Milieu hatte sie und hat sie mehr als eine Schwäche. Sie glaubt, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, an die Kraft der Wissenschaft als eine Kraft der Weltverbesserung.

Video: Die ganze Rede von Angela Merkel
In der Präsentation war es eine typische Merkel-Rede, spröde vorgetragen, hier und da nicht vollkommen unwitzig, aber meist ernst und zur Sache. Inhaltlich aber war es eine ungewöhnliche Rede.

Eine Rede in Harvard. Die Universität hatte sie in den Wochen, vor allem in den Tagen vor dem Auftritt am Donnerstag gefeiert wie einen Rockstar. Angela Merkel, diesen Eindruck musste man zuletzt gewinnen, ist in Teilen der USA vielleicht doch ein noch etwas grösserer deutscher Export als der stoische Basketballer Dirk Nowitzki, dem in Amerika auf seiner Abschiedstournee die Hallen zujubelten, oder die, wertfrei gesagt, seltsame Band Rammstein, der in Amerika die Stadien zujubeln.

Aber gut. Harvard. Sie wissen dort, dass sie eines der intellektuellen Zentren der Welt sind, und sie wussten vermutlich, dass es für die in Ostdeutschland aufgewachsene Merkel eine besondere Freude sein würde, an diesem heiligen Ort der westlichen Wissenschaft zu sprechen.

Eine Rede in Harvard. Manche vermuteten, Merkel könnte eine transatlantische Grundsatzerklärung abgeben. Andere spekulierten, sie könnte, fernab von Washington, geschützt vom Kordon der Akademie, eine Abrechnung mit Trump präsentieren. Im Grunde war beides immer unwahrscheinlich. Ist Merkel nicht auch Merkel, weil sie berechenbar ist?

Was sie getan hat, war dann doch überraschend: Sie hielt eine Rede, in der sie über die Grundsätze allen politischen Handelns sprach, über das, was getan werden kann, was getan werden sollte und was getan werden muss. Das konnte man zum Teil als Spitzen gegen Trump interpretieren, und das wird nun auch allenthalben passieren. Man solle nicht immer nur aus dem Affekt heraus handeln, sondern auch einmal innehalten, sagte sie. Natürlich wird das als Spitze gegen den Präsidenten gewertet. Protektionismus und Handelskonflikte gefährdeten unseren Wohlstand, verkündete sie. Auch das ist als Aussage gegen Trump lesbar. Aber darum ging es in dieser Rede nicht. Sie auf Spitzen gegen Trump zu lesen, geht am Thema vorbei.

Etwas verknappt gesagt, hat Merkel eine Rede gehalten, die so grundsätzlich war, dass sie Trump zu verstehen gab: Sie, werter Herr Präsident, sind im grossen Lauf der Zeiten und der Dinge nicht wichtig genug, um Sie hier, in diesem Rahmen, an diesem schönen, nicht zu warmen und zum Glück regenfreien Tag zu erwähnen.

In der Präsentation, das schon, war es eine typische Merkel-Rede, spröde vorgetragen, hier und da nicht vollkommen unwitzig, aber meist ernst und zur Sache. Inhaltlich aber war es eine ungewöhnliche Rede, weil die Kanzlerin nicht nur über die intellektuellen Grundlagen ihres Handelns sprach, sondern auch über die biografischen, und zwar in einer Weise, die bisweilen ins Metaphysische reichte. Merkel wollte in ihrer Rede in Harvard über das wirklich Grosse und Ganze sprechen. Wenn man so will: über die letzten Dinge. Was einerseits passend erscheint für eine Politikerin, die auf die Zielgerade ihrer Karriere eingebogen ist, und andererseits doch überrascht. Weil es eben Merkel ist.

Man sollte wissen, um das Drumherum zu verstehen, dass Harvard dieses Spektakel jedes Jahr aufführt. Die Uni feiert sich selbst, sie ist berauscht von ihrer Bedeutung, ihrem Rang, ihrer Strahlkraft. Die deutsche Bundeskanzlerin als Sprecherin zu gewinnen für die aktuellen Absolventen – das wäre kaum einer, womöglich keiner anderen Uni auf der Welt gelungen. Es war jedoch ein Arrangement, das beiden Seiten diente. Merkel wird noch viele Ehrendoktorwürden erhalten, wenn sie einmal nicht mehr Politikerin ist. Die von Harvard noch während der aktiven Zeit einsammeln zu können, nicht als eine Art späte Gnade, das ist aus ihrer Sicht vermutlich schon einmal ganz erfreulich. Harvard wiederum fühlte sich über die Massen geschmückt vom Besuch Merkels. Grundsätzlich schienen die akademische Institution und die Kanzlerin der Meinung zu sein, am gleichen Strang zu ziehen.

Erstellt: 31.05.2019, 08:11 Uhr

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