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Mexiko am Rand des Schwarzen Lochs

Fast täglich wird in Mexiko gemordet, gemetzelt und geköpft. Ist der Staat dem organisierten Verbrechen überhaupt noch gewachsen?

Alltag im Drogenkrieg in Mexiko:Soldaten am 23. März nach einem Anschlag in Ciudad Juárez, bei dem vier Menschen starben.
Alltag im Drogenkrieg in Mexiko:Soldaten am 23. März nach einem Anschlag in Ciudad Juárez, bei dem vier Menschen starben.
Reuters
Eins von hunderten Todesopfern: Die Leiche eines erschossenen Dealers in Tijuana an der Grenze zu den USA.
Eins von hunderten Todesopfern: Die Leiche eines erschossenen Dealers in Tijuana an der Grenze zu den USA.
Keystone
Ein mexikanischer Soldat durchforstet ein Mohnfeld in der Nähe der Stadt Chilpancingo - doch trotz der Armee-Einsätze  nimmt der Anbau von Mohn zu.
Ein mexikanischer Soldat durchforstet ein Mohnfeld in der Nähe der Stadt Chilpancingo - doch trotz der Armee-Einsätze nimmt der Anbau von Mohn zu.
Keystone
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In der mexikanischen Stadt Cuernavaca, 80 Kilometer von Mexico City gelegen, spielte sich in einem Tante-Emma-Laden kürzlich folgende Szene ab: Ein Mann, der mit seinem etwa zehnjährigen Sohn eingekauft hat, steht an der Kasse. Plötzlich stösst der Junge einen gellenden Schrei aus, seine Beine geben nach, er bleibt regungslos und mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen auf dem Boden liegen. Grund für die Schockstarre ist ein grosses Bild auf der Titelseite des lokalen Revolverblattes «Metro», das zwischen Schokoriegeln und Hustenbonbons aufliegt. Es zeigt einen nackten Rumpf mit ausgestreckten Armen. Der Fotograf hat die enthauptete Leiche von vorne aufgenommen, aus ihrem Hals quillt eine rotbraune Mischung aus Blut und Gewebe. «Guillotiniert», lautet die Schlagzeile. Der Vater hebt den Knaben auf und stürzt wortlos aus dem Laden. Doch um das kindliche Bewusstsein vor dem grässlichen Zeugnis des mexikanischen Drogenkriegs zu bewahren, ist es zu spät.

Neun Ermordete pro Tag

Das Bild zeigte eine der zwölf Leichen, die im südmexikanischen Bundesstaat Yucatán an einem Tag Ende August gefunden worden waren: Kleindealer, geköpft vom Killerkommando eines gegnerischen Drogenkartells. Der Krieg, den die mexikanischen Verbrechersyndikate seit Jahren untereinander und gegen die staatlichen Ordnungskräfte führen, ist zu einer Gewaltorgie ausgeartet. Die Protagonisten schrecken selbst vor Terrorakten nicht zurück. In der Nacht zum 16. September, während der Feiern zum nationalen Unabhängigkeitstag, explodierten auf dem Hauptplatz der Stadt Morelia zwei Bomben, die acht Menschen in den Tod rissen und Dutzende verstümmelten. Und vergangene Woche wurden in der Grenzstadt Tijuana mehr als fünfzig Leichen gefunden, wobei zwölf in unmittelbarer Nähe einer Primarschule und drei in einem Becken mit zersetzender Säure lagen.

Fast 5000 Menschen sind in Mexiko im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre ermordet worden, durchschnittlich neun pro Tag. Viele Opfer trugen Folterspuren, manche waren - mit zusammengebundenen Armen auf dem Rücken - mit Lederriemen erwürgt oder mit Plastiksäcken erstickt worden. Niedergemetzelt werden neben Mitgliedern verfeindeter Kartelle auch Polizisten, Ermittlungsbeamte, Richter und Lokalpolitiker.

Wiederholt haben ganze Polizeikorps aus Angst, in die Mordmaschinerie des organisierten Verbrechens zu geraten, gekündigt. Obwohl Normalbürger oder Touristen selten direkt mit dem Drogenkrieg konfrontiert sind, herrscht in der Bevölkerung der Eindruck, die Entwicklung sei ausser Kontrolle. Ein mexikanischer Publizist hat in Anlehnung an den deutschen Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger unlängst von einem «molekularen Bürgerkrieg» gesprochen, einer gewalttätigen sozialen Auseinandersetzung ohne ideologischen Hintergrund.

Riesiges Kokaingeschäft in den USA

Die alltägliche Schlächterei ist primär auf den Erfolg der sieben grossen Drogenkartelle zurückzuführen. Nachdem es der kolumbianischen Regierung in den Neunzigerjahren gelungen war, die mächtigen Syndikate von Medellín und Cali zu zerschlagen, haben mexikanische Verbrecherbanden den Drogenschmuggel von Lateinamerika in die USA fast vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Sie beherrschen laut der amerikanischen Drogenbehörde DEA 90 Prozent des Kokainhandels in den USA und nehmen jährlich rund 20 Milliarden Dollar ein - doppelt so viel, wie Mexiko für die öffentliche Sicherheit ausgibt.

Der Reichtum hat einen gnadenlosen Verdrängungskampf entfacht, ein ständiges Ringen um die Kontrolle von Transportrouten und ganzen Regionen, einen unbändigen Hass auf sämtliche Konkurrenten, die am grossen Geschäft mitverdienen wollen. Die Kartelle verfügen über modernste Technologien, furchteinflössende Waffenarsenale und vor allem über eine schier unbegrenzte Korruptionsmacht. Mehr als 10 Prozent der Ordnungskräfte arbeiten laut offiziellen Schätzungen mit ihnen zusammen. Als sich Mitte Mai verfeindete Verbrecherbanden im nordmexikanischen Städtchen Nombre de Dios ein Feuergefecht lieferten, fragten Bewohner telefonisch beim Bürgermeister nach, weshalb die Polizei nicht eingreife. Zur Antwort erhielten sie: «Die Polizei vermag leider nicht gegen Dutzende von Männern zu kämpfen, die mit Maschinengewehren und Granatwerfern um sich schiessen.»

Drogenbosse als Volkshelden

Die surreal anmutenden Gewaltexzesse sind sowohl Schrecken als auch Faszinosum. Die mexikanischen Buchhandlungen werden überschwemmt mit Sachbüchern und sogenannten Narco-Romanen, welche Titel wie «Das schwarze Loch» tragen. Ausserdem hat der Drogenkrieg einer musikalischen Subkultur zur Blüte verholfen: dem Narcocorrido. Die von Polka und Walzer beeinflussten, mit Akkordeon und Gitarren orchestrierten Lieder sind im Norden des Landes das beliebteste volksmusikalische Genre überhaupt. Sie zelebrieren die Heldentaten der Drogenbosse und verhöhnen die Schwäche des Staates.

Der Narcocorrido ist offiziell verboten, was seine Popularität noch steigert. «Die Kartellchefs repräsentieren für viele Angehörige der Unterschicht ein soziales Erfolgsmodell. Sie haben die Armut bezwungen, werden respektiert und lassen die Dörfer und Städte, aus denen sie stammen, an ihrem Reichtum teilhaben», sagt der Hochschuldozent und Buchautor Guillermo Benares. Narcocorrido-Interpreten leben jedoch gefährlich. Mehrere von ihnen wurden in jüngster Zeit ermordet, weil sie ihre Gesangskunst in den Dienst des falschen Kartells gestellt hatten.

Wäre der mexikanische Drogenkrieg nicht blutige Realität, könnte man viele seiner Figuren für Ausgeburten einer irrlichternden Fantasie halten - zum Beispiel Joaquín Guzmán Loera, genannt «Chapo Guzmán». Der 1,60 Meter kleine Boss des mächtigen Sinaloa-Kartells sass sechs Jahre lang in einem Hochsicherheitsgefängnis. Seinen immensen Reichtum nutzte er, um die Wärter zu bestechen und Fressgelage und Sexorgien abzuhalten. Am 19. Januar 2001 gelang ihm die Flucht, angeblich indem er sich in einem Wäschewagen versteckte. 70 Aufseher wurden wegen Komplizenschaft angeklagt.

Der Stoff, aus dem Legenden sind

Chapo Guzmán ist seither der meistgesuchte Mann Mexikos - ein unfassbares Phantom, umgeben von einer Aura, die sich mit jener des einstigen kolumbianischen Kokainbarons Pablo Escobar vergleichen lässt. Seine grossen Gegner sind die Gebrüder Beltrán Leyva, die einst für ihn arbeiteten. Im vergangenen Januar aber bezichtigten sie ihren Chef des Verrats, sagten sich vom Sinaloa-Kartell los und spannten mit «Los Zetas» zusammen, einer Gruppe ehemaliger Elitesoldaten, die - mitunter nach einer Spezialausbildung in den USA - die Seite gewechselt haben. Strategien und Methoden der Ordnungskräfte kennen sie aus eigener Erfahrung. Ihre Brutalität ist legendär.

Im Bundesstaat Michoacán wütet derweil eine Bande, die sich «die Familie» nennt. Sie präsentiert sich der Öffentlichkeit als eine Art gemeinnützige Organisation. Ihr Ziel bestehe darin, das organisierte Verbrechen mit dessen eigenen Mitteln zu bekämpfen, behauptet sie. In Wirklichkeit beteiligen sich die Mitglieder der «Familie» jedoch genauso am Drogengeschäft wie ihre Gegner.

Eine weitere schillernde Gestalt ist Sandra Ávila, auch «Königin des Pazifiks» genannt. Zweimal war die heute 48-Jährige mit Polizisten verheiratet, die sich von Drogenkartellen anheuern liessen und später erschossen wurden. Ihren Liebschaften mit zahlreichen Bossen, unter ihnen Gerüchten zufolge auch Chapo Guzmán, verdankte Ávila den Aufstieg zur mächtigen Dealerin. Im September 2007 wurde sie beim Kaffetrinken in einem Einkaufszentrum von Mexico City verhaftet. Auf den kurz darauf erschienenen Polizeifotos blickte die attraktive Drogenchefin mit aufreizender Gelassenheit in die Kamera, als würde sie als Model für ein Shooting posieren. Vor den Aufnahmen soll sie darum gebeten haben, sich schminken zu dürfen. Und als ihr die Justizbeamten vorlesen wollten, welcher Verbrechen sie beschuldigt wird, habe sie gelangweilt abgewinkt und gesagt: «Ersparen Sie mir das. Ich kenne die Vorwürfe auswendig.»

Die Situation ist ausser Kontrolle

Die mexikanischen Syndikate gefährden die Autorität und das Gewaltmonopol des Staates, sie unterwandern seine Institutionen und setzen sich in ganzen Landstrichen als Parallelmacht fest. Die Regierung unter dem liberalkonservativen Präsidenten Felipe Calderón versuchte, die Lage zu entschärfen, indem sie die regulären Polizeikräfte durch 45 000 Soldaten verstärkte. Die Bilanz ist zwiespältig. Zwar sind in letzter Zeit mehrere Drogenbosse verhaftet und in einigen Fällen sogar an die USA ausgeliefert worden - doch das Morden geht unvermindert weiter.

Zur Beschwichtigung der Bevölkerung vertritt Präsident Calderón die umstrittene These, wonach das Gemetzel eine unvermeidliche Konsequenz staatlicher Erfolge sei: Je stärker sich die Kriminellen in die Enge gedrängt fühlten, desto rabiater schlügen sie um sich. «Wir müssen diese Verräter am Vaterland aus unseren Reihen vertreiben», sagte der Präsident kürzlich - und meinte damit seine eigene Partei.

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