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Mit Brandbomben gegen Bibelwitze

Komiker witzeln über Jesus. Dann wird ihr Büro angezündet. Eine Eskalation im Kulturkampf mit der Regierung Bolsonaro.

Will mit seiner Kulturpolitik eine ultrakonservative Weltsicht verbreiten: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Foto: Eraldo Peres (AP)
Will mit seiner Kulturpolitik eine ultrakonservative Weltsicht verbreiten: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Foto: Eraldo Peres (AP)

Es war früh am Morgen des 24. Dezember, als die erste Brandbombe flog. Kurz darauf loderten die Flammen hoch auf an den Büros der Produktionsfirma Porta dos Fundos in Rio de Janeiro. Nur das beherzte Eingreifen eines Wachmanns konnte wohl Schlimmeres verhindern. Er löschte den Brand, niemand wurde verletzt. Der Rauch hat sich längst verzogen, der Schock sitzt noch tief. Denn viele brasilianische Kulturschaffende sehen in dem Anschlag eine weitere Eskalationsstufe in einer Auseinandersetzung, die man am besten mit dem Wort «Kulturkampf» beschreiben kann: Fundamentalisten gegen Fortschrittliche, Konservative gegen Künstler, rechts gegen links.

Man muss dazu wissen: Porta dos Fundos ist nicht irgendeine kleine Produktionsfirma. Gegründet 2012 von ein paar brasilianischen Komikern, stellt das Unternehmen Witzvideos her, die es dann über das Netz ausspielt. Im internetverrückten Brasilien werden die Filmchen aber millionenfach gesehen.

Weihnachtssendung von Porta dos Fundos. Foto: Netflix
Weihnachtssendung von Porta dos Fundos. Foto: Netflix

Weil die Komiker sich in ihren Clips mit so ziemlich allem anlegen, was Brasilianern lieb und teuer ist, kommt es dabei immer wieder auch zu kleinen, durchaus einkalkulierten Skandälchen. Vor allem die Weihnachtssendungen von Porta dos Fundos sind berühmt-berüchtigt: Mal zeigen sie einen rassistischen Moses, ein anderes Mal packt Maria in einer fiktiven Talkshow über ihr Leben als Gottesmutter aus. 2018 sicherte sich das Streamingportal Netflix die Rechte an den Vorweihnachtsvideos.

Die Erwartungen waren dementsprechend hoch, als Anfang Dezember «Die erste Versuchung Christi» erschien, die diesjährige Weihnachtskomödie der Komiker. Sie handelt von einem homosexuellen Jesus, der für seinen 30. Geburtstag nach Hause kommt, im Schlepptau seinen neuen Freund Orlando. Kaum angekommen, werden die beiden von einer Überraschungsparty überrumpelt, organisiert von Maria und Joseph, die in einer amourösen Dreiecksbeziehung mit einem manipulativen Allmächtigen leben.

Geistliche gegen Netflix

Es folgen 46 Minuten Brachial-Klamauk, man kann das lustig finden oder auch nicht, das Video wurde jedenfalls zu einem Erfolg, gleichzeitig löste es auch wieder einen Aufschrei aus. Katholische Geistliche riefen ihre Schäfchen dazu auf, ihr Netflix-Abo zu kündigen, es gab Unterschriftenlisten im Netz, so weit, so normal.

Brandanschläge allerdings, wie es sie nun gegen die Produktionsfirma gegeben hat, sind neu. Und neu ist eben auch das Umfeld, in dem die Kritik an der Weihnachtssatire stattfindet.

Seit 1. Januar 2019 ist mit Jair Bolsonaro ein fundamental-christlicher Präsident an der Macht, der sich selbst als homophob bezeichnet und in enger Verbindung zu evangelikalen Gruppen steht. Bolsonaro hat als eine seiner ersten Amtshandlungen das Kulturministerium abschaffen lassen, nicht, weil ihm Kultur unwichtig ist, im Gegenteil: Er und seine Regierung nutzen sie, um sich bei ihrer Wählerschaft zu profilieren. Gleichzeitig verbreiten sie so ihre ultrakonservative Weltsicht.

So stänkert Brasiliens Präsident, wo immer es geht, gegen progressive Künstler. Manchmal sind das nur Kleinigkeiten: So gewann dieses Jahr Chico Buarque den Premio Camoes. Er gilt als wichtigster Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt und Buarque wiederum als einer der berühmtesten Sänger und Schriftsteller des Landes. Unter der Militärdiktatur sang er gegen die Generäle an, nun aber weigerte sich Präsident Bolsonaro, die Urkunde für den Preisträger zu unterschreiben.

Nur wer spurt, erhält Geld

Man könnte das als politische Eitelkeit abtun, doch die Kulturpolitik Bolsonaros hat auch ganz praktische Folgen: Ein Gesetz zur Förderung kleiner Produktionen wurde so geändert, dass die Gelder fast versiegt sind. Und die Mittel der staatlichen Filmförderung wurden für nächstes Jahr um fast die Hälfte gekürzt. Dazu fordert der Präsident einen «ideologischen Filter» für die Vergabe von Geldern und wünscht sich für die nationale Filmagentur Ancine einen Direktor mit «evangelikalem Profil».

Die Situation ist also prekär. Wer an Geld für Produktionen kommen will, die nicht auf Regierungslinie liegen, dem bleibt nur der Weg ins Ausland. Auch deshalb wiegt der Anschlag gegen Porta dos Fundos so schwer: Er trifft eine Produktionsfirma, die dank Netflix unabhängig von staatlichen Fördermitteln war – und die nun mundtot gemacht werden sollte.

Schon im September war es dazu in Rio zu einem Aufschrei gekommen. Marcelo Crivella, ein evangelikaler Prediger und seit 2017 Bürgermeister der Stadt, hatte versucht, einen Comic mit homosexuellen Superhelden von einer Buchmesse entfernen zu lassen. Richter schritten ein, schon damals aber war von staatlicher Zensur die Rede. Ein Vorwurf, der in Brasilien schwer wiegt, waren staatliche Eingriffe doch allgegenwärtig in den bleiernen Jahren von 1964 bis 1985. Damals herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur. Einer ihrer grössten Bewunderer ist Brasiliens heutiger Präsident: Jair Bolsonaro.

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