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Mit Pfeil und Bogen gegen die Kettensägen

Brasiliens Indigene kämpfen im Schatten von Wirtschaftskrise und Korruptionsskandalen für den Erhalt ihrer Lebensräume. Denn seit dem Machtwechsel eskaliert der Landkonflikt im Regenwald.

Demonstrierende Ureinwohner: In Brasilien lieferten sich Indigene Scharmützel mit der Polizei. Video: Tamedia/AFP

Sheriff gegen Indianer, Pistole gegen Pfeil und Bogen – die Bilder sehen aus, als stammten sie von den Dreharbeiten eines klischeebeladenen Westerns. Sie wurden aber diese Woche vor dem Kongressgebäude in Brasiliens Hauptstadt Brasilia aufgenommen. Und sie zeigen keine Fiktion, sondern die Realität. Mehrere Tausend brasilianische Indigene demonstrieren derzeit gegen die Beschneidung ihrer Schutzgebiete.

Ein Protestzug, der sich dem Kongress näherte, wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Die Einsatzkräfte rückten in Schildkrötenformation an, wie man das von den Römern in den Asterix-Comics kennt. Sie setzten Tränengas und Gummigeschosse ein, mehrere Beamte zückten auch ihre Feuerwaffen. Die Demonstranten trugen bunten Federschmuck, auf ihren Gesichtern und nackten Oberkörpern: Kriegsbemalung. Dass die Wiese vor dem Kongressgebäude wie eine ausgetrocknete Prärie aussieht, verstärkte den Eindruck vom Western-Filmset noch.

Die Szene eskalierte, als die Demonstranten den Spiegelsee vor dem Parlament erreichten. Sie hatten auch Pappsärge dabei – nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden im vergangenen Jahr mindestens 13 brasilianische Indigene bei Landkonflikten ermordet. Als die Demonstranten begannen, diese Särge auf dem künstlichen See schwimmen zu lassen, schritt das Schockbataillon ein. Dann flogen aus der anderen Richtung Pfeile.

Schwer verletzt wurde offenbar niemand, vier Demonstranten wurden festgenommen. In einer Mitteilung der Polizei hiess es: «Die Ureinwohner sind der Vereinbarung nicht nachgekommen. Sie drohten damit, in den Kongress vorzudringen.» Ein Sprecher der Protestbewegung wies das zurück. Er machte die «brutale Kraft der Polizei» für die Ausschreitungen verantwortlich. «Es ist nur natürlich, dass dreitausend Indios darauf antworten», sagte er.

Die Politik hat andere Sorgen

Brasiliens grösster Tageszeitung «O Globo» war diese Geschichte bislang nur eine Randnotiz wert. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes haben gerade andere Sorgen. Im Zuge des beispiellosen Korruptionsskandals rund um den Baukonzern Odebrecht soll gegen Spitzenpolitiker aller wichtiger Parteien ermittelt werden, darunter mehrere aktuelle Minister. Der sehr unbeliebte Staatspräsident Michel Temer kämpft ausserdem um die Durchsetzung seiner umstrittenen Rentenreform. Die Gewerkschaften haben deshalb für diesen Freitag zu einem Generalstreik aufgerufen, der das gesamte Land lahmlegen könnte. Im Schatten dieser allgemeinen Aufregerthemen und fernab der grossen Ballungszentren spielt sich aber ein Landkonflikt ab, in dem es nicht selten blutig zugeht. Der Amazonas-Regenwald ist zunehmend bedroht und damit auch die Territorien und Jagdgründe der indigenen Bevölkerung.

Eher still und heimlich hat die Regierung Temer ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Rückstufung von fünf Schutzgebieten vorsieht. Es geht um mehr als eine Million Hektar Land entlang der sogenannten «Fronteira agrícola», der Agrargrenze. Dort, wo sich die Bundesstaaten Mato Grosso und Amazonas treffen. Das Gesetz ermöglicht der mächtigen Agrarwirtschaft, mit ihren Sojafeldern und Viehweiden weiter nach Norden vorzudringen, auf Kosten des Regenwaldes. Temers Vorgängerin Dilma Rousseff hatte diese Gebiete erst im vergangenen Jahr per Dekret unter Schutz gestellt, nur wenige Stunden vor ihrer rechtlich extrem fragwürdigen Absetzung. Die Naturschutzorganisation WWF sprach damals von einem «wichtigen Beitrag zum Schutz des grössten Regenwaldes der Erde».

Die zwischenzeitlich erstaunlichen Erfolge Brasiliens beim Waldschutz werden schon seit geraumer Zeit wieder für ökonomische Interessen zurückgefahren. Im zurückliegenden Jahr nahm die Abholzung um 29 Prozent zu. Mit dem Regierungswechsel in Brasilia hat nicht nur der skandalumtoste Temer die Macht übernommen, sondern auch die einflussreiche Agrarlobby. Damit begann der Vormarsch der Kettensägen.

Die Agrarindustrie ist einer der wenigen Exportzweige, der die schwer kriselnde brasilianische Volkswirtschaft derzeit am Laufen hält. Auch deshalb hat Temer wohl ein Kabinett der weissen, männlichen Grossgrundbesitzer um sich geschart. Sein Agrarminister Blairo Maggi ist der führende Sojaproduzent des Landes.

Per Präsidialdekret wurden zuletzt auch die Richtlinien für die zukünftige Einrichtung von indigenen Schutzgebieten revidiert. Bislang durfte die Indio-Stiftung Funai bei der Demarkierung der Territorien mitentscheiden. Künftig soll hier der vom Agrobusiness dominierte Kongress das alleinige Sagen haben. Der jüngste Pfeil-und-Bogen-Protest wirkt angesichts dieser mächtigen Gegnerschaft fast schon tragisch. Brasiliens Justizminister Osmar Serraglio hatte zuletzt lapidar erklärt, Land alleine mache die Indios auch nicht satt.

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