Machtwechsel in Argentinien

Der Kandidat der Mitte-links-Opposition hat die Wahl gewonnen. Die Ex-Präsidentin Cristina Kirchner wird seine Stellvertreterin.

Kehrt an die Macht zurück: Cristina Kirchner (l.) mit dem Oppositionskandidaten Alberto Fernández. Foto: Agustin Marcarian (Reuters)

Kehrt an die Macht zurück: Cristina Kirchner (l.) mit dem Oppositionskandidaten Alberto Fernández. Foto: Agustin Marcarian (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Argentiniens nächster Staats- und Regierungschef heisst Alberto Fernández. Der 60-Jährige gewann die Präsidentenwahl am Sonntag nach Zahlen der Wahlbehörde mit rund 48 Prozent der Stimmen und besiegte damit den konservativen Amtsinhaber Mauricio Macri.

Dieser kam etwa auf 40 Prozent – der Rest verteilte sich auf die übrigen vier Bewerber. Bis Montag waren die Wahlzettel in gut 97 Prozent der Wahllokale ausgezählt. Das einst reiche Land steckt in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Inflationsrate liegt bei mehr als 50 Prozent.

Macri hatte Fernández noch am Sonntagabend (Ortszeit) gratuliert. Fernández erschien am Montag zu einem Frühstück mit Macri im Präsidentenpalast. Macri betonte die Wichtigkeit einer geordneten Machtübergabe.

Rückkehr zu Peronisten

Übergeben wird die Macht wieder einmal an die Peronisten, die dominierende politische Strömung in dem südamerikanischen Land seit der ersten Präsidentschaft von Juan Perón ab 1946 – wenn nicht gerade eine Militärdiktatur herrschte.

Argentinien hat sich immer mal wieder vom Peronismus abgewendet, ist in Krisenzeiten – etwa nach dem Staatsbankrott von 2001 – aber oft zu ihm zurückgekehrt. Der Peronismus vereint verschiedene ideologische Strömungen.

Fernández gilt als gemässigter Mitte-links-Politiker. Seine Vizepräsidentin Cristina Kirchner hingegen ist eine polarisierende Figur. Gegen die Ex-Staatschefin, die 2007 ihren inzwischen gestorbenen Ehemann Néstor Kirchner im Amt ablöste und bis 2015 regierte, laufen mehrere Verfahren wegen Korruptionsvorwürfen. Sie steht für eine protektionistische Wirtschaftspolitik und hat sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) angelegt.

Restriktionen beim Devisenkauf

Als Fernández und Kirchner im August die allgemeinen Vorwahlen deutlich gewannen, verlor die Landeswährung Peso zum wiederholten Male deutlich an Wert - wohl weil eine mögliche Rückkehr Kirchners an die Macht Anleger besorgte. Nach der Wahl entschied Argentiniens Zentralbank, von Montag an den Devisenankauf für Privatpersonen vorerst auf 200 US-Dollar im Monat zu beschränken - wie es hiess, um die Staatsreserven angesichts der «grossen Ungewissheit» zu bewahren.

Brasiliens rechter Präsident Jair Bolsonaro hatte mit einem Austritt aus dem südamerikanischen Staatenbündnis Mercosur im Falle eines Wahlsieges für Fernández im Nachbarland gedroht. «Argentinien hat eine schlechte Entscheidung getroffen», sagte Bolsonaro in der Nacht zum Montag. Er werde Fernández nicht gratulieren. Die EU und die Mercosur-Staaten hatten Ende Juni eine politische Einigung über den Aufbau der grössten Freihandelszone der Welt erzielt.

Sonntag war der neunte Todestag von Néstor Kirchner. «Ich hätte nie gedacht, dass ich an diesem Datum so glücklich sein würde», sagte seine 66 Jahre alte Witwe am späten Sonntagabend vor ihren Anhängern. «Néstor ist nicht gestorben, er lebt im Volke», sangen diese.

Hoffnung aus Sozialprogramme

Die Wähler der Peronisten hoffen nun auf niedigere Lebensmittelpreise und eine Rückkehr zu den Sozialprogrammen der Kirchners. «Das Geld reicht einfach nicht», sagte der 52 Jahre alte Arbeiter Clemente García auf der Siegesfeier in Buenos Aires. «Man bekommt ein Gehalt, kommt damit aber nicht bis zum Monatsende hin.»

Fernández, einst Néstor Kirchners Kabinettschef, soll am 10. Dezember vereidigt werden. Dem Land könnten bis dahin die Reserven ausgehen, warnte die Wirtschaftsberaterin Marina Dal Poggetto. «Wir stehen vor einer Währungs-, Banken- und Schuldenkrise.» Die scheidende Regierung und die neu gewählte müssten zusammenarbeiten, um die Lage schnell zu stabilisieren.

Der IWF hatte Argentinien im vergangenen Jahr einen Rekord-Bereitschaftskredit von 57 Milliarden Dollar gewährt, angesichts der Krise die zuletzt fällige Rate aber nicht ausgezahlt. Die neue IWF-Chefin Kristalina Georgiewa gratulierte Fernández am Montag auf Twitter zum Sieg. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit dessen Regierung. (ij/chk/sda)

Erstellt: 28.10.2019, 17:09 Uhr

Artikel zum Thema

Warum Lateinamerika brennt

Analyse Proteste in Chile und Ecuador, ein bevorstehender Sieg der Linksperonisten in Argentinien: Hinter all dem steht der Überdruss mit dem Wirtschaftssystem. Mehr...

Argentinien verzweifelt und hofft

Reportage Die Frage im argentinischen Wahlkampf. Wer ist wichtiger? Beobachtungen aus einem Land, das seine Mitte verloren hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...