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Monster, Medien, Mitläufer

Heute vor zehn Jahren begann George W. Bushs Krieg im Irak. Erinnerungen an die Monate vor und nach Kriegsbeginn und an einen kriegsbedingten Abschied von der «Weltwoche».

Martin Kilian, Washington
Tor zur Hölle: Ein US-Soldat steht vor dem Gefängnis von Abu Ghraib, in dem irakische Häftlinge gefoltert wurden. (10. Mai 2004)
Tor zur Hölle: Ein US-Soldat steht vor dem Gefängnis von Abu Ghraib, in dem irakische Häftlinge gefoltert wurden. (10. Mai 2004)
Knight Ridder, Reuters

An einem klaren Tag im Mai 2003 reichte ich meine Kündigung ein. Der Krieg im Irak war gerade zwei Monate alt, und George W. Bush erging sich in vorschnellem «Triumphalismus» auf dem Deck eines amerikanischen Flugzeugträgers vor San Diego. Ich hatte mit Freude elf Jahre lang für die «Weltwoche» aus Washington berichtet. Nun war Schluss.

Ich ging zu einer Fedex-Filiale an der New Hampshire Avenue und verpackte das Kündigungsschreiben an Roger Köppel. Der Chefredaktor hatte mich seit seinem Amtsantritt 2001 stets korrekt behandelt, unsere politischen Differenzen aber waren gewachsen. Und der Irakkrieg brachte den Bruch.

Als Köppel seine Arbeit aufnahm, zog ein frischer Wind durch die «Weltwoche». Worauf er hinauswollte, war nicht so klar zu Beginn. Einmal sah es danach aus, als werde Ringier die sieche «Weltwoche» übernehmen. Ich hatte ein Treffen mit Frank A. Meyer geplant und unterrichtete Köppel davon. Ich solle Meyer erklären, sagte Köppel, dass er die «Weltwoche» publizistisch nahe an Tony Blairs «Drittem Weg» ansiedeln wolle. Auch Elmar Ledergerber, der damalige Zürcher Stadtpräsident, befinde sich dort.

Die Suche nach dem Monster

Damit konnte ich leben. Nicht leben aber wollte ich mit der Haltung der «Weltwoche» zum heraufziehenden Konflikt mit dem Irak. Nie verpasste Köppel mir, seinem Washingtoner Korrespondenten, einen Maulkorb, weil ich anderer Meinung war als er bezüglich einer US-Intervention im Irak. Auch wurden andere Argumente als die seinigen durchaus abgedruckt. Die Vorgabe indes war klar: Roger Köppel und «Weltwoche»-Autoren wie Hanspeter Born begrüssten George W. Bushs Marsch in den Krieg. Ich wiederum hegte nicht nur Zweifel an der Existenz von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Mich plagten überdies grundsätzliche Bedenken gegen einen völkerrechtlich fragwürdigen Einmarsch.

Saddam war ein Monster. Aber Amerika, hatte Präsident John Quincy Adams einst seine Landsleute gewarnt, «sucht nicht im Ausland nach Monstern, um sie zu zerstören». Überdies wäre ein Krieg gegen Saddam aus humanitären Beweggründen oder zum Aufbau einer Demokratie im Irak zu Hause in den Vereinigten Staaten unverkäuflich gewesen; es brauchte deshalb die Angstmache mit Saddams angeblichen Massenvernichtungswaffen. Ausserdem brauchte es eine vermeintliche Verbindung zwischen dem irakischen Diktator und den Massenmördern von 9/11. Beides wurde von der Regierung Bush erfunden.

Krieg und Frieden in der «Weltwoche»

Nachdem ich mein Kündigungsschreiben abgeschickt hatte, ging ich schweren Herzens zurück in meine Wohnung. Nach Ablauf der Kündigungsfrist wäre ich vielleicht arbeitslos oder würde zumindest schlechter bezahlt. Und meine jüngere Tochter wollte 2004 ihr Studium in Montreal aufnehmen. Vielleicht hatten Köppel und Born recht: Vielleicht war vom Irak tatsächlich eine furchtbare Bedrohung ausgegangen, deren Ausmass die jetzt laufende Suche nach Saddams Waffen zeigen würde. Unter der Überschrift «Der gute Krieg» hatte Matthias Horx kurz vor Ausbruch des Konflikts noch einmal in der «Weltwoche» zusammengefasst: «Die Welt wird friedlicher. Nicht trotz, sondern wegen des geplanten Irak-Krieges», hiess es im Lead.

Was im Artikel stand, deckte sich mit den Argumenten der Bush-Administration sowie den meisten US-Medien. Im Senat beklagte Robert Byrd, ein Demokrat aus West Virginia, die Kriegstreiberei: «Die Leidenschaft für den Krieg; die Kriegstrommeln; die Posaunen des Krieges; die Wolken des Krieges – diese Kriegshysterie ist wie ein Wirbelsturm über uns hereingebrochen», warnte der alte Senator bereits 2002. Zweifel aber waren in jenen Monaten vor Kriegsausbruch nicht erwünscht. «Wir haben wie eine Gruppe gedacht», sagte Jahre später Star-Reporter Bob Woodward über die Medien.

Argumente gegen den Waffengang wurden begraben

Selbst die «New York Times» infizierte sich: Die Berichterstattung über die Massenvernichtungswaffen sei «nicht so rigoros gewesen, wie sie hätte sein sollen», übte das Blatt 2004 Selbstkritik. Und entschuldigte sich bei den Lesern. In der «Washington Post» wurde ein Artikel des hervorragenden Militärkorrespondenten Thomas Ricks nicht gedruckt, weil darin unter Berufung auf militärische Quellen Bedenken an Legitimation wie Notwendigkeit eines Krieges angemeldet wurden. Argumente gegen den Waffengang seien in der Zeitung kurzerhand «begraben» worden, schrieb unlängst Howard Kurtz, damals Medienkritiker der «Washington Post».

Von meinen Bekannten und Freunden hatte sich lediglich der ehemals linke Essayist Christopher Hitchens, ein Enfant terrible des amerikanischen Journalismus und ein glänzender Polemiker, mit Haut und Haaren George W. Bushs geplantem Krieg verschrieben. Ich sprach mit ihm darüber. Mein Freund Seymour Hersh warnte hingegen: Seine Informanten waren nicht im Geringsten von der Stichhaltigkeit der Argumente für den Krieg überzeugt. Meine eigenen Kontakte reichten zu ehemaligen CIA-Mitarbeitern und Ex-Militärs. Sie sprachen mit weiterhin aktiven Bekannten und Freunden, die zu Vorsicht rieten.

Knight Ridder war die Ausnahme

Eine Ausnahme inmitten der selbstgewollten medialen Gleichschaltung war das Washingtoner Büro der Zeitungskette Knight Ridder. Es bestand aus einer Handvoll Reportern mit sehr guten Kontakten zur mittleren Führungsebene im Pentagon und den Diensten. Die Neokonservativen mochten für den Krieg trommeln, viele Obristen und Generäle indes misstrauten der Beweislage. Und Knight Ridder berichtete darüber, mutig und hartnäckig. Die «Weltwoche» hingegen wiederholte, was sich in neokonservativen Köpfen in Washington festgesetzt hatte: In einem Interview mit Hanspeter Born verwies die ehemalige UNO-Botschafterin Jeane Kirkpatrick unwidersprochen auf die vermeintlichen Kontakte des 9/11-Attentäters Mohammed Atta mit dem stellvertretenden Chef von Saddams Geheimdienst in Prag. Heute ist einwandfrei erwiesen, dass es ein derartiges Treffen niemals gegeben hat.

Nach dem Erhalt meines Kündigungsschreibens lud mich Roger Köppel zu einer Aussprache nach Zürich ein. Wir gingen zum Abendessen in die Kronenhalle, wo wir lange und ehrlich über unsere Differenzen sprachen und danach einvernehmlich schieden. Monate später bekam ich von Köppel das beste Arbeitszeugnis, das ich jemals erhalten habe.

Die Achse des Bösen und der grösste Fehler seit Vietnam

George W. Bushs erhoffter schneller Krieg hatte sich unterdessen in einen Albtraum verwandelt. Auch waren keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden. Stattdessen lag nun die Betonung auf Demokratie im Irak. «Die grossen Ansprüche hinsichtlich einer neuen, auf Demokratie basierenden Aussenpolitik kamen erst später – nachdem die nationale Sicherheit als Argument diskreditiert worden war», schreibt rückblickend Bushs damaliger Redenschreiber David Frum. Er hatte 2002 den Begriff «Achse des Bösen» erfunden. Roger Köppel schrieb 2005, die Intervention im Irak sei «aufs Ganze gesehen keine Erfolgsgeschichte» gewesen.

In den Vereinigten Staaten gilt der Krieg heute selbst bei einer Mehrheit von Republikanern als grösster Fehler der US-Aussenpolitik seit Vietnam. Mich hat seit jenen verrückten Tagen vor zehn Jahren stets bedrückt, wie einfach eine Nation von einer Regierung und ihren Verbündeten in den Medien in einen kriegerischen Erregungszustand versetzt werden kann.

Invasion im Irak: Das Vorrücken der US-Streitkräfte vom 20. März bis zum 15. April 2003. (Grafik: Wikimedia)

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