Nach Kuba für die Revolution

Bienvenido a Cuba! Wie US-Präsident Obama plötzlich zum Revolutionär wird.

«Bienvenidos a Cuba»: Mit Plakaten wird Obama in Kuba willkommen geheissen.

«Bienvenidos a Cuba»: Mit Plakaten wird Obama in Kuba willkommen geheissen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Zentrum Havannas hängt seit Donnerstag ein handgefertigtes Plakat mit den nebeneinander montierten Köpfen von Barack Obama und Raúl Castro. Über den Präsidenten der USA und Kubas wehen ihre jeweiligen Flaggen und prangt der Schriftzug: «Bienvenido a Cuba».

Offensichtlich gibt es Kubaner, die sich auf ersten Besuch eines amerikanischen Präsidenten auf ihrer Insel seit fast 90 Jahren freuen. Obama fliegt am Sonntag Abend seinen ganzen Hofstaat ein. Die Entourage umfasst seine Familie mit Gattin Michelle, den Töchtern Sasha und Malia sowie Schwiegermutter Marian Robinson. Ferner sind mehrere Kabinettsminister dabei, Dutzende Kongressmitglieder und Führungspersonen aus der Wirtschaft.

Auf dem Programm der historischen Visite steht ein Treffen mit Kardinal Jaime Ortega, ein Gala-Dinner, ein Baseballspiel, eine Zusammenkunft mit Dissidenten und, vor der Weiterreise am Dienstag, eine grosse Obama-Rede.

«Das kubanische Volk ermächtigte sich selbst»

Der Präsident werde zwar die Menschenrechte ansprechen, kündigte Vizeberater Ben Rhodes an, der Initiant der politischen Wende gegenüber der kommunistischen Regierung Kubas. Doch Obama werde klarstellen, «dass die Vereinigten Staaten keine feindliche Nation sind, die einen Regimewechsel anstrebt.»

Die Castro-Brüder dürfen mit dem amerikanischen Entgegenkommen zufrieden sein. Mehr Touristen, Handel und Investitionen verschaffen dem Regime zusätzliche Dollars, ohne dass diesem im Gegenzug Reformen abverlangt werden. Aussenminister Bruno Rodriguez erwähnte am Donnerstag, dass laut amerikanischen Offiziellen Obamas Massnahmen das Ziel verfolgten, das kubanische Volk zu ermächtigen. «Das kubanische Volk», fügte er höhnisch hinzu, «ermächtigte sich vor Jahrzehnten selbst.»

Die Anspielung auf die Revolution von 1959 lässt nicht erwarten, dass die Castros von ihrem harten Kurs bald abrücken werden. Doch eine feindselige Regierung war weder in Kuba eine Bremse für Obama, noch im Iran. Die Mullahs in Teheran verfolgen seit dem Abschluss des Nuklearabkommens eine ähnlich unbeugsame Linie wie die Diktatoren in Havanna.

Obama, der Pionier

Genauer besehen, enthält die einseitige Détente mit Kuba alle charakteristischen Elemente von Obamas Aussenpolitik. Der US-Präsident sieht sich als Pionier, der vom bisherigen Weg abweicht. Er hat nichts übrig für den Konsens der aussenpolitischen Vordenker; er ignoriert den Widerstand der Volksvertreter im Kongress. Und Rückschläge bringen ihn nicht von der Überzeugung ab, dass «die Geschichte sich in seiner Richtung bewegt.»

Dieser Satz stammt aus den Magazin «Atlantic», wo Jeffrey Goldberg aufgrund ausführlicher Interviews ein faszinierendes Bild von Obamas aussenpolitischem Denken zeichnet. Amerikas Präsident kommt darin als intellektueller Einzelgänger daher, der immer die grosse Perspektive im Auge behält. Von der Idee, dass die USA die Geschicke der Welt steuern könnten, hat er Abschied genommen.

Obamas rote Linie

Obama verteidigt selbst die umstrittenste Entscheidung seiner Amtszeit. Am 30. August 2013 beschloss er unvermittelt, nach dem Chemiewaffeneinsatz in Syrien seiner eigenen «roten Linie» nicht nachzuleben. Anstatt das Regime mit einer Militäraktion zu bestrafen, willigte er in den russischen Vorschlag ein, Assads chemische Munition zu vernichten.

Die grosse Perspektive ist hier das Ziel der Eliminierung chemischer Waffen, so wie die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen im Fall Irans. «Ich bin sehr stolz auf diesen Moment», sagte der Präsident zu Goldberg, der dieses Datum als Obamas «Tag der Befreiung» bezeichnet. Dass die Gewalt im Bürgerkrieg seither explodierte, inzwischen über 470’000 Tote forderte und mit Millionen Flüchtlingen Europa destabilisiert, nimmt er in Kauf.

Kritiker, auch ausserhalb des Nahen Ostens, beklagen Obamas Rückzug aus der Region als strategisch fatal und moralisch verantwortungslos. Die Obama-Doktrin sei eine «vollständige Revolution in der amerikanischen Aussenpolitik», sagt der britische Historiker Niall Ferguson. Die Revolution könne so zusammengefasst werden: «Die Feinde werden Freunde, und die Freunde Feinde.»

Im Vergleich zu den grossen Krisenherden ist Kuba Nebensache. Doch auf der Zuckerinsel erwartet Obamas Strategie denselben Test: Befördert sie die Kräfte des Bösen, oder führt sie am Ende vielleicht doch zu einer besseren Welt?

Erstellt: 21.03.2016, 08:50 Uhr

Artikel zum Thema

Das Imperium kehrt zurück

Ein amerikanischer Präsident zu Besuch im Kuba der Castros, das ist eigentlich unvorstellbar. Doch Fidel und Raúl werden auch das überstehen. Mehr...

Satisfaction für Kuba

Die Rolling Stones geben ein Gratiskonzert auf Kuba. Der Auftritt vom 25. März in Havanna ist das erste Open Air Konzert einer britischen Band in Kuba und das grösste. Mehr...

Historisch – Obama besucht im März Kuba

Schritt für Schritt arbeiten die USA und Kuba an einer Annäherung der beiden Länder. US-Präsident Barack Obama ist um schnelle Fortschritte bemüht, solange er noch im Amt ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Geldblog Wohin mit dem Freizügigkeitsgeld?
Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!
Sweet Home Ferien im Chalet

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...