Nach Trump die Sintflut

Der US-Präsident gibt vor, sich mit seiner Klimapolitik um seine Wähler zu kümmern. Dabei benutzt er sie nur. Und das Klima? Ist ihm egal.

Donald Trump hat versprochen, der Kohle «neues Leben einzuhauchen»: Kraftwerk Jim Bridger in Wyoming.

Donald Trump hat versprochen, der Kohle «neues Leben einzuhauchen»: Kraftwerk Jim Bridger in Wyoming. Bild: Reuters

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Donald Trump geht es um die Symbolik. Als er Mitte Woche sein Dekret unterzeichnete, mit dem er Barack Obamas Pläne zur Reduktion der Treibhausemissionen stoppte, lud er ein Dutzend Kohlearbeiter ein, die ihn auf der Bühne umringten. «Ich liebe diese Menschen», sagte der Präsident. Und als er jeden einzelnen von ihnen mit festem Händedruck begrüsste, war es, als würde er allen Arbeitern in diesem Land die Hand reichen, kräftige Burschen aus ländlichen Gegenden, gute Amerikaner in dreckverspritzten Pick-ups. Sie sind Trumps politisches Rückgrat, und das weiss er.

Trumps Inszenierung erinnerte an die Kämpfe der Tabakindustrie, die Welt im Glauben zu lassen, dass ein Päckchen Zigaretten pro Tag keine gesundheitlichen Schäden verursacht. Tatsache ist, dass 97 Prozent der Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnen. Die Nasa bezeichnete Kohlendioxid als «Haupt­treiber» der Erderwärmung. Gemäss Experten ist Trumps Behauptung, sein Vorgänger Obama habe mit seiner Klimapolitik für Massenentlassungen im Energiesektor gesorgt, ebenso falsch wie Trumps Versprechen, er werde für eine Renaissance der Kohleindustrie sorgen.

Auf dem Rücken der Kohlekumpel

Die Nachfrage nach Kohle sinkt seit Jahren, das zeigt jede Statistik. Erdgas ist billiger und sauberer. Und auch wenn Trump dafür sorgen kann, dass einige der Kohlekraftwerke nicht schliessen müssen, werden kaum neue Kohlekumpel angestellt, da heutzutage viele der ehemals manuellen Jobs von Maschinen ausgeführt werden.

Das Bild der russverschmierten Arbeiter, das Trump in den Köpfen der Menschen kreieren will, um damit an die gute alte Zeit zu erinnern, täuscht. Denn in Wahrheit herrscht Schicht im Schacht. Er nimmt die Täuschung in Kauf, um an die Wähler zu gelangen. Er trägt seine Klima­politik auf dem Rücken der Kohlekumpel aus, die in ihren Latzhosen Mitte Woche etwas verdutzt in die Kameras blickten. Trump gibt vor, sich um sie zu kümmern. Stattdessen benutzt er sie für seine Zwecke.

Ein Problem verschwindet nicht, wenn man wegsieht

Den Klimawandel aber zu leugnen, ist eine Position, die auf lange Sicht hinaus wenig Erfolg verspricht. Ein Problem verschwindet nicht, nur weil man wegsieht. Das musste auch die milliardenschwere Tabakindustrie erfahren, die heute Bilder von Kehlkopfkrebs auf ihre Päckchen kleben muss.

Noch aber steht das Kartenhaus, an dem die Republikaner so verbissen festhalten. In keinem anderen Land der Welt ist eine Partei an der Macht, die den Klimawandel derart infrage stellt, deren Führer die Erderwärmung mal als «Scherz», mal als «Erfindung der Chinesen» bezeichnet.

Es ist ja nicht nur Donald Trump. Das «Who is Who» der Klimaverweigerer unter den Konser­vativen ist lang und schillernd: Scott Pruitt, immerhin Direktor der Umweltbehörde, behauptete im März, der Kohlendioxidausstoss sei nicht die Hauptursache der Erderwärmung. Mike Pence, Vizepräsident, sagte 2014 im Fernsehen: «Alle sprechen vom Temperatur­anstieg. Aber so warm war es in jüngster Zeit nun auch wieder nicht.» Und Lamar Smith, Abgeordneter aus Texas und Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Technologie. Für Smith, einen Juristen, führen «verschiedene Faktoren zur Veränderung des Klimas», dazu gehörten die ­Sonnenaktivität, natürliche Zyklen und menschliches Handeln. «Was Klima-Alarmisten allerdings behaupten», so Smith, sei «oft gelogen und völlig übertrieben».

Nirgends so viele Klimalügner wie im Capitol

Im Unterschied zur republikanischen Partei sind die Zweifel am Klimawandel in der amerikanischen Bevölkerung weniger verbreitet. Gemäss einer Studie der Yale-Universität glauben immerhin 70 Prozent der Befragten daran, dass künftige Generationen unter den Folgen der Erderwärmung leiden werden. Nirgends aber ist der prozentuale Anteil an Klimalügnern so hoch wie unter der Kuppel des US-Capitols, sagen Experten, weil viele nach der millionenschweren Pfeife der Ölindustrie tanzen.

Ob Präsident Trumps Skepsis von der Öllobby genährt wird, ist allerdings fraglich. Es ist nicht mal sicher, ob er tatsächlich an seine Worte glaubt, der Kohle «neues Leben einzuhauchen». Trump geht es um die Stimmen. Was mit dem Klima passiert, scheint für den Präsidenten Nebensache. Nach ihm die Sintflut. Trump hat erkannt, dass die Demokraten – und allgemein die Linken auch in Europa – in ihren Versuchen, alle möglichen Minderheiten anzusprechen, eine Gruppe von Menschen vergassen: die Arbeiter.

Umweltschutz gewinnt keine Wahlen

Und vielleicht stimmt es ja, was in diesem Land alle Menschen sagen, die ausserhalb der grossen Städte leben: dass Obama sich mehr um eine Handvoll Transgender-Menschen gekümmert habe, die mit ihrer Geschlechtsidentifikation hadern, als um die Kohlekumpel und perspektivlosen Stahlgiesser in Ohio, die Trump die Wahl sicherten.

Donald Trump verpasst in seinen Auftritten keinen Moment, sich an sie zu wenden, und – als hätte er Richard Sennetts Buch «Lob des Handwerks» verschlungen – die körperliche Tätigkeit zu preisen. In Amerika gewinnt man Wahlen mit der Aussicht auf neue Jobs – und mit Umweltschutz keinen Blechtopf. Die Grüne Partei ist inexistent.

Auf dünnem Eis

Doch in Trumps Klimapolitik wird sein Populismus am deutlichsten. Und so wird es ihn vielleicht gar nicht stören, wenn sein Dekret von Mitte Woche an Gerichtsurteilen und Blockaden der Demokraten hängen bleibt, wie es nun überall heisst. Seinen Wählern kann er sagen, er habe alles versucht, sei aber im Politsumpf Washingtons stecken geblieben, den er doch eigentlich austrocknen wollte.

Falls seine Anhänger allerdings merken, dass Trump seine Versprechen nicht halten kann und etwa die Renaissance der Kohle gar nicht eintritt, verliert er seinen letzten Rückhalt. Trump bewegt sich, um im Klimajargon zu bleiben, auf dünnem Eis.

Erstellt: 31.03.2017, 23:01 Uhr

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