Nach welchem Skript spielt Trump?

Die neusten Russland-Enthüllungen lassen zwei unterschiedliche Interpretationen zu: Entweder ist der US-Präsident ein Werkzeug Putins oder Opfer seiner eigenen Geheimdienste.

In Washington haben sich zwei ganz unterschiedliche Denkweisen für Trumps Verhältnis zu Russland und zu seiner eigenen Regierung verfestigt. Bild: Reuters

In Washington haben sich zwei ganz unterschiedliche Denkweisen für Trumps Verhältnis zu Russland und zu seiner eigenen Regierung verfestigt. Bild: Reuters

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Donald Trumps liebstes Format für Gespräche mit Journalisten besteht aus halb spontanen Pressekonferenzen vor dem Südrasen des Weissen Hauses. Der Ablauf ist immer etwa derselbe: Die Journalisten stehen vor dem Eingang herum, bis der Präsident auf dem Weg zum bereitstehenden Helikopter kurz anhält. Sie rufen ihm durch den Lärm der Rotoren etwas zu, Trump versteht bestenfalls die Hälfte, und nach ein paar Minuten Hin und Her ist die Unklarheit oft grösser als zuvor. Am Montag aber war einer von Trumps Sätzen so deutlich wie skurril. «Ich habe nie für Russland gearbeitet», sagte der Präsident der Vereinigten Staaten.

Trump reagierte mit der Aussage auf zwei mediale Enthüllungen vom Wochenende. Zuerst hatte die «New York Times» berichtet, dass die Bundespolizei FBI 2017 eine Untersuchung gestartet hatte, um herauszufinden, ob Trump als wissentlicher oder unwissentlicher Agent Russlands arbeitet – was an sich schon eine Schlagzeile für die Geschichtsbücher hergab. Kurz darauf doppelte die «Washington Post» mit einem Artikel nach, in dem sie nachzeichnete, dass Trump viel unternommen hat, um den Inhalt seiner Gespräche mit Wladimir Putin vor seinen eigenen Beratern geheimzuhalten – etwa, indem er eine Übersetzerin anwies, ihm ihre Notizen auszuhändigen.

Aus Sicht der US-Geheimdienste gab es wohl früh genügend Gründe, um misstrauisch zu werden.

Seither haben sich in Washington zwei ganz unterschiedliche Denkweisen für Trumps Verhältnis zu Russland und zu seiner eigenen Regierung verfestigt. Am einfachsten lassen sie sich mit zwei Filmen des amerikanischen Kinos beschreiben. Die eine, von Trumps Gegnern verbreitete Erzählung, erinnert an «The Manchurian Candidate», den Streifen, der zum Synonym geworden ist für Politiker, die von einer fremden Macht gesteuert werden. Man brauche nicht auf den Abschluss der Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller zu warten, um zu erkennen, dass Trumps Beziehung zu Putin «pervers und seltsam» sei, schrieb die Historikerin Anne Applebaum: «Aber ja, bringt uns gern noch mehr Beweise, die nur bestätigen, was wir ohnehin schon wissen.»

Bekannt ist über Trumps Verhältnis zu Russland tatsächlich schon viel, und aus Sicht der US-Geheimdienste gab es wohl früh genügend Gründe, um misstrauisch zu werden. Da waren, um nur einige Dinge zu nennen, die zahlreichen Verbindungen von Leuten in Trumps Präsidentschaftskampagne zu russischen Kreisen, über die der Präsident und sein Umfeld stets gelogen haben. Da war der öffentliche Aufruf Trumps an Putin im Wahlkampf, die Computer der Demokratischen Partei zu hacken. Da war der servile Auftritt an der Seite Putins in Helsinki, dem die Demokraten nun dadurch auf den Grund gehen wollen, indem sie womöglich die anwesende Übersetzerin im Kongress vorladen. Und da war die russische Propaganda, die Trump immer mal wieder ventilierte, zuletzt etwa, als er ungefragt die sowjetische Invasion in Afghanistan verteidigte, was viele zur Frage trieb: Woher hat er das bloss?

Trump handelte nicht in Putins Interesse

Es sei alles so, wie sie es schon im Wahlkampf gesagt habe, twitterte Hillary Clinton: Trump sei Putins «Marionette». Nicht nur der Präsident findet das grotesk, sondern auch seine Unterstützer. Wenn man Trump schon behandle wie eine Figur aus einem Film, dann gebe es einen treffenderen Vergleich als «The Manchurian Candidate», schrieb der konservative Kommentator Hugh Hewitt: «Sieben Tage im Mai», ein Thriller über einen US-Präsidenten, der von einer Gruppe von Verschwörern des Militärs gestürzt werden soll.

Laut diesem Lager macht die These vom Handlanger Putins allein deshalb keinen Sinn, weil die USA unter Trump den Militäretat aufgestockt, die Nato-Mitglieder zu einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben gebracht hätten und Deutschland wegen der geplanten Gaspipeline aus Russland unter Druck setzten. All dies sei nicht im Interesse Putins. In der Untersuchung des FBI gegen Trump sehen seine Verteidiger den Versuch un­kontrollierter, selbstherrlicher Agenten, einen gewählten Präsidenten aus dem Amt zu jagen. Und sie weisen darauf hin, dass die Linke, die den Geheimdiensten noch vor kurzem kritisch gegenüberstand, solche eigenmächtigen Aktionen auch noch begrüsse – was bei jedem anderen Präsidenten anders wäre.

Zumindest im letzten Punkt haben sie recht. Aber Trump ist eben kein Präsident wie jeder andere. Welcher Filmvorlage die Realität eher entspricht, wird sich vielleicht zeigen, wenn Muellers Schlussbericht da ist – doch sicher ist nicht einmal das.

Erstellt: 15.01.2019, 20:12 Uhr

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