Naht die Stunde der Wahrheit?

Das Lügengebäude des Donald Trump ist vom Einsturz bedroht. Ab Januar werden die Aussagen seiner Entourage untersucht.

Michael Cohen sagte bei Sonderermittler Mueller aus, er habe gelogen, um Trump zu decken. Video: AFP

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Die Lüge ist ein integraler Bestandteil der Politik, auch wenn jede Lüge Augustinus zufolge eine Sünde ist. Also versündigen sich die Lenker der Welt permanent und leben damit. Aber es gibt Abstufungen. «Ich habe keine sexuelle Beziehung gehabt mit dieser Frau, Monica Lewinsky», log Bill Clinton 1998. Er trug nachfolgend eine lange Nase. George W. Bush und sein Team logen mit verheerenden Konsequenzen über die Massenvernichtungswaffen im Irak. Sie logen, bis sich die Balken im Weissen Haus bogen.

Mit Donald Trump und seiner Entourage von Lügnern aber wurde die Verbreitung der Unwahrheit zu einer alltäglichen Angelegenheit, so mutwillig und nachhaltig propagiert, dass das Weisse Haus längst eingestürzt wäre, wenn sich die Balken darin tatsächlich biegen würden.

30 Lügen pro Tag

Trump hatte versprochen, als Präsident werde er «nur die Besten» um sich scharen. Je weiter der Russland-Sonderermittler Robert Mueller indes in die Tiefe des Trump’schen Lügengebäudes und die dunklen Seelen der darin Hausenden eindringt, desto gewaltiger wird die Schutthalde der angehäuften Lügen. Ob Michael Cohen oder Michael Flynn, ob George Papadopoulos, Paul Manafort und Rick Gates oder die anderen Streuer diverser Lügen in Trumps Orbit: Wenn es um Donald Trump und Russland geht, wird gelogen.

Warum eigentlich? Es ist ja noch immer vorstellbar, dass 2016 im Kern nichts geschah, was wirklich justiziabel ist. Trotzdem ergiesst sich eine solche Kaskade der Unwahrheiten über die Amerikaner, dass ihnen die Köpfe schwirren. Der Hausherr geht mit schlechtem Beispiel voran. Er lügt in Serie, bislang seit einem Amtsantritt fast 6500-mal. In den Wochen vor den Kongresswahlen Anfang November verbreitete dieser amerikanische Pinocchio laut den Aufpassern der «Washington Post» im Schnitt 3o Lügen pro Tag.

Seine Untergebenen und Höflinge wollen da nicht nachstehen. Pressesprecherin Sarah Sanders betete die Lügen des Bosses so oft nach, dass ihre Glaubwürdigkeit inzwischen Richtung null tendiert. Ihre vormals nahezu täglichen Pressekonferenzen im Weissen Haus sind auf gelegentliche Termine zusammengeschmolzen. Lügt der Boss, muss Sanders die Lüge nachplappern. Dafür wird sie bezahlt.

Ihr Boss verhält sich tatsächlich wie der Don einer Mafia-Familie: Wer schweigt oder notfalls lügt, ist in seinen Augen ein Held.

Der ehemalige Staatsanwalt und Rechtsprofessor Harry Litman vergleicht diese Kultur der Lüge mit einem «Konsortium des organisierten Verbrechens»: Jeder lüge und verschleiere. Michael Cohen sagte bei Mueller aus, er habe gelogen, um Trump zu decken. Trump wirft seinem einstigen Anwalt jetzt vor, zuerst die Wahrheit gesagt und dann gelogen zu haben.

Wahrscheinlich muss Trump das behaupten: Falls Cohen im zweiten Anlauf auspackte, hat Trump womöglich unter Eid in seinen schriftlichen Antworten auf Robert Muellers Fragen gelogen. Aber Trump hat schon derart oft die Unwahrheit gesagt, dass es ein Wunder wäre, wenn ihm Mueller nicht mindestens einen Meineid anhängte.

«Wahrhaftigkeit in Aussagen, die man nicht umgehen kann, ist Pflicht des Menschen gegen jeden», erklärte der grosse Aufklärer Immanuel Kant. Trump und seine Kumpanen lachen darüber. Ihnen ist Wahrheit, was weiterhilft und zum Erfolg führt. Skrupel haben sie keine, Gewissensbisse sind ihnen fremd.

Ihr Boss verhält sich tatsächlich wie der Don einer Mafia-Familie: Wer schweigt oder notfalls lügt, ist in seinen Augen ein Held wie der Serientäter Paul Manafort. Trump sagte neulich, wenn die Wahrheit über Muellers «Hexenjagd» offenbar werde, werde es «Helden» geben. Er meinte damit Manafort, der seine Kronzeugenregelung mit Mueller torpedierte, indem er weiter log.

Bilder – Schuldsprüche in den Russland-Ermittlungen

Nun ist Schluss, und Manafort muss auf einen Gnadenerweis von Trump hoffen. Natürlich ist er in dessen Augen ein Held: Omertà ist alles, die Wahrheit nichts. Aber es wird zusehends brenzlig für alle an diesem System Beteiligten. Ab Januar werden die Protokolle der unter Eid geleisteten Aussagen der Trump-Truppe vor diversen Kongressausschüssen von den Demokraten auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Wer log, wird an Mueller weitergereicht.

Trumps Sohn Donald Junior drohte dann ebenso Ungemach wie dem Trump-Vertrauten Roger Stone und ähnlich krassen Gestalten, darunter der Verschwörungstheoretiker Jerome Corsi. Dessen historische Lüge, Barack Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren und deshalb als Präsident nicht legitim, hatte dank Donald Trump erstaunlich lange Beine.

Jetzt naht vielleicht die Stunde der Wahrheit, hoffentlich auch für jene, die Trumps Lügengebäude medial absichern helfen und die Leichtgläubigen einfangen. Für Kant war die Selbsttäuschung noch schlimmer als die Täuschung anderer. «Die Lüge kann eine äussere, oder auch eine innere sein. Durch jene macht er sich in Anderer, durch diese aber, was noch mehr ist, in seinen eigenen Augen zum Gegenstand der Verachtung und verletzt die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person», schrieb Kant. Hallo? Fox News und Konsorten?

Erstellt: 03.12.2018, 11:03 Uhr

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