Naiver Umgang mit Big Data

Selbst auf den ersten Blick unverfängliche Informationen, die im Internet gesammelt werden, können missbraucht werden.

Militärstützpunkte im Irak leuchten hell auf: Karte mit den Bewegungen der Strava-App-Nutzer. (Archivbild) Bild: Eric Baradat/AFP

Militärstützpunkte im Irak leuchten hell auf: Karte mit den Bewegungen der Strava-App-Nutzer. (Archivbild) Bild: Eric Baradat/AFP

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Ein australischer Student kam als Erster drauf: Die globale «Wärmekarte» der Fitness-App Strava ist ein Sicherheitsrisiko für die US-Armee. Statt dem Tour-de-France-Sieger Chris Froome beim Höhentraining in Johannesburg zu folgen oder nach einer beliebten Laufstrecke in San Francisco, Hongkong oder Berlin zu suchen, sah sich Nathan Ruser in Syrien um. Und wurde fündig. Umgeben vom Dunkel der dünn besiedelten, unvernetzten Wüste, stachen Leuchtstreifen hervor: Sie markieren die Wege, die Soldaten zurückgelegt haben. Was auf keiner öffentlich zugänglichen Karte verzeichnet ist, sticht bei Strava ins Auge: Position, Grösse und Layout geheimer Stützpunkte in Syrien, Afghanistan, Mali, dem Jemen, Somalia.

Sicherheitsexperten schlugen Alarm. Schnell war klar, dass die Strava-Daten noch viel mehr preisgeben: Sie sind ein Schatz für Geheimdienste. Jeffrey Lewis, US-Experte für Nuklearwaffen, nutzte sie, um Sicherheitslücken beim Raketenprogramm von Taiwan nachzuweisen. Andere Analysten zeigten, wie einfach es ist, die Leuchtspuren mit den Profilen einzelner Soldaten zu verbinden und so Mitglieder von Spezialeinheiten zu identifizieren. Wer ihnen langfristig folgt, wird automatisch zu weiteren vertraulichen Einsatzorten geführt – oder kann sich im Privatleben der Soldaten umsehen.

Strava hatte bei der Veröffentlichung seiner neuen Karte Ende 2017 vor allem damit geprahlt, wie viele Milliarden GPS-Punkte, wie viele Millionen Teilnehmer das «soziale Netzwerk für Sportler» gesammelt hatte. Diese Woche meldete sich Strava-Chef James Quarles mit einer beschwichtigenden Stellungnahme in typischem Social-Media-Sprech zu Wort. Man wolle sich um «potenziell sensible Daten» kümmern. Die Nutzer sollten ihre «Privatsphäre-Einstellungen» und damit die «gewünschte Nutzererfahrung» anpassen. Das Wort «Fehler» kam nicht vor.

«Situationsbezogenes Bewusstsein»

Auch das US-Verteidigungsministerium blieb zurückhaltend – obwohl es selbst Tausende Fitnesstracker an Soldaten verteilt hatte, um sie zum Sport zu ermutigen. Das Problem liege vor allem bei den Soldaten selbst, implizierten die Sprecher. Man müsse den Leuten ein besseres «situationsbezogenes Bewusstsein» beibringen.

Tatsächlich zeigt der Fall vor allem, wie naiv noch immer auf allen Ebenen mit Daten umgegangen wird – ob bei den Chefs eines Internetkonzerns, den Strategen im Pentagon oder den Nutzern einer Fitness-App. Trotz aller Diskussionen der letzten Jahre um Datensicherheit, Big-Data-Analysen und die Geschäftsmodelle von Datensammlern wie Facebook und Google. Trotz der Enthüllungen über die Sammelwut des US-Geheimdienstes NSA (der stellvertretend für alle Geheimdienste steht).

Sticht ins Auge: Fitnessstrecken von US-Soldaten auf einer Basis im Irak. Screenshot: Strava Labs

Für Unternehmen wie Strava sind die Nutzerdaten viel Geld wert. Sie erlauben es, Werbung gezielt auf bestimmte Käufergruppen auszurichten und damit teurer zu verkaufen. Das gilt für alle Firmen, die im Internet mit Kunden zu tun haben. Sie wollen mehr von unserer Zeit, mehr von unserem Geld. Die meisten machen es uns möglichst schwer, unsere Privatsphäre zu schützen. Strava wurde schon mehrfach kritisiert, weil private Daten standardmässig gesammelt werden. Selbst wer «erhöhten Schutz» gewählt hatte, wurde wohl noch anonym erfasst. Es ist also durchaus denkbar, dass einige der Soldaten im Einsatz sich zu schützen versuchten – und ihre GPS-Daten dennoch in die Strava-Karte einflossen.

Dabei zeigt sich, dass es keine «unschuldigen» Daten gibt. Alles, was über uns gespeichert wird, kann vermarktet oder – wer weiss – sogar militärisch genutzt werden. Auch anonym gesammelte GPS-Punkte können «waffenfähig» gemacht werden. Das zu kontrollieren, ist Aufgabe des Staates. Aber bisher haben die Gesetzgeber mit dem Tempo der Entwicklung nicht mithalten können. Umso wichtiger ist es, dass jeder sich selbst möglichst gut schützt. So wie wir im Strassenverkehr schon als Kinder ein «situationsbezogenes Bewusstsein» entwickeln, müssen wir auch im Internetverkehr genau überlegen, welche Daten wir zu welchen Zwecken preisgeben.

Erstellt: 01.02.2018, 20:03 Uhr

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