Der Präsident, die Harley und die Geschichte eines Verrats

Präsident Trump wollte Ärger. Jetzt hat er ihn. Ausgerechnet mit Harley-Davidson. Ein Besuch in einem Werk, wo die Ikonen zusammengebaut werden.

Harley-Davidson-Werk in York, Pennsylvania: 900 Arbeiter schrauben hier jeden Tag in zwei Acht-Stunden-Schichten 450 Maschinen zusammen. Foto: Bloomberg/Getty Images

Harley-Davidson-Werk in York, Pennsylvania: 900 Arbeiter schrauben hier jeden Tag in zwei Acht-Stunden-Schichten 450 Maschinen zusammen. Foto: Bloomberg/Getty Images

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Als Präsident Donald Trump und Harley-Davidson noch Freunde waren, da hat Trump ein paar Anzugmenschen aus den höheren Etagen der Firma nach Washington eingeladen, die gerne vorbeikamen und als Mitbringsel ein paar dicke Maschinen vor dem Weissen Haus platzierten. Einige der Anzugmenschen hatten sich eigens in nagelneue, knarzende Lederjacken gepresst und priesen dem Präsidenten die Vorzüge dieser uramerikanischen Motorräder an. Erstaunlich eigentlich, dass Trump damals darauf verzichtete, sich auf einer der Maschinen fotografieren zu lassen.

Als bei anderer Gelegenheit Vertreter der Lastwagenindustrie im Weissen Haus zu Besuch waren und einen Truck von der Grösse eines Kreuzfahrtschiffs mitbrachten, dauerte es knapp eine halbe Sekunde, schon sass der Präsident in der Fahrerkabine, er griff ins Lenkrad und tat so, als wäre er ein Kapitän der Highways. Er hupte, lenkte, und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Trump in den eineinhalb Jahren seiner Präsidentschaft nie glücklicher wirkte als in diesem Moment hinter dem Steuer des geparkten Trucks.

Der Präsident ist fasziniert

Die Harleys, das war beim Besuch im vergangenen Jahr zu sehen, faszinierten Trump auf ähnliche Weise. Aber offensichtlich war ihm nicht wohl beim Gedanken, auf einem wackligen Zweirad von der Grösse eines Wohnwagens Platz zu nehmen. Er beliess es dabei, beide Daumen zu heben und Maschinen der Marke Harley als «amerikanische Ikonen» zu beschreiben.

Warum Trump sowohl von grossen Trucks als auch von schweren Motorrädern fasziniert ist, erschliesst sich nur leidlich küchenpsychologisch begabten Menschen unmittelbar: Beide sind Teil einer grossen amerikanischen Erzählung, in der es auch darum geht, das Land in seiner Weite zu durchmessen. Sowohl Trucker als auch viele Harley-Fahrer stilisieren sich zu Cowboys der Neuzeit. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Trump jetzt gerade so ausser sich ist vor Wut.

Donald Trump und Harley-Davidson sind also jüngst zu besten Feinden geworden. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem Trump sich nicht die Zeit nähme, den Motorradhersteller aus Milwaukee zu beschimpfen, herabzuwürdigen oder zu bedrohen. Unter anderem geht es um Verrat.

Video: Zusammenfassung Harley-Davidson-Streit

Nach der Ankündigung von Harley-Davidson, die Produktion ins Ausland zu verlangern, drohte Donald Trump der Motorradfirma. Video: Tamedia

Um der Geschichte dieses Verrats auf die Spur zu kommen, empfiehlt sich eine Reise ins liebliche Pennsylvania Dutch Country, gut zwei Stunden nördlich von Washington. Hier liegen die Farmen der Amish, die Biogemüse anbauen und Bienenstich backen. Und mit jedem Kilometer, den man sich York nährt, nimmt die Harley-Dichte auf den Strassen zu.

Harley-Davidson betreibt in York, Pennsylvania, eines seiner grössten Werke. 900 Arbeiter schrauben hier jeden Tag in zwei Acht-Stunden-Schichten 450 Maschinen zusammen, vor allem die behäbigen Strassenkreuzer. Viele dieser Arbeiter fahren bei jedem Schichtwechsel auf ihren Harleys durch York, dazu kommen jede Menge private Harley-Liebhaber, die sich einmal anschauen wollen, wo und wie ihre Gefährte zusammengebaut werden.

Weisses Haus, vor einigen Tagen gegen halb sechs am Abend. Der Präsident ist wütend, und wenn Donald Trump wütend ist, beginnt er zu twittern. «Bin überrascht, dass ausgerechnet Harley-Davidson als erste Firma die weisse Flagge hisst», tippt er. «Ich habe hart für sie gekämpft.» Am nächsten Morgen ging die Tirade weiter. «Eine Harley-Davidson sollte niemals in einem anderen Land gebaut werden – niemals», twitterte Trump direkt nach dem Aufstehen: «Ihre Angestellten und Kunden sind schon sehr wütend. Wenn sie umziehen, ist das der Anfang vom Ende – sie haben kapituliert, sie haben aufgegeben. Ihr Ruf ist dahin, und sie werden Steuern zahlen müssen wie noch nie zuvor.»

Es ging nie darum, was diese Motorräder können, sondern
wofür sie stehen.

Das klang für Aussenstehende verwirrend, aber es war klar, wer der Verräter und wer der Verratene war: So wie Trump die Sache sieht, ist ausgerechnet Harley-Davidson ihm in den Rücken gefallen. Dabei hatte die Firma der Börsenaufsicht in New York nur pflichtgemäss mitgeteilt, dass sie künftig mehr Motorräder, die in Europa verkauft werden, im Ausland bauen werde. Das sei unternehmerisch notwendig, denn die EU habe sich für den von Trump verfügten Schutzzoll auf importierten Stahl (satte 25 Prozent) mit einem entsprechenden Strafzoll auf amerikanische Produkte gerächt (ebenfalls 25 Prozent). Dieser trifft unter anderem alle in den USA gebauten Motorräder mit einem Hubraum von mehr als 500 Kubikzentimetern. Anders gesagt: alle Harleys aus Amerika. Motorräder mit weniger als 500 Kubikzentimetern Hubraum betrachten Harley-Fahrer als Mofas.

Statt sechs Prozent Zoll würden beim Export in die EU nun 31 Prozent Zoll fällig, teilte Harley-Davidson mit, der Preis einer Maschine steige damit um 2200 Dollar. Um auf dem europäischen Markt bestehen zu können, müsse das Unternehmen daher die Produktion von Motorrädern für die EU aus den Vereinigten Staaten nach anderswo verlagern und mehr Geld in Werke im Ausland investieren. Also: weniger Produktion und vielleicht weniger Jobs in den USA, mehr Produktion und mehr Jobs weit weg von Amerika. In Brasilien und Indien zum Beispiel, wo Harley-Davidson bereits Werke unterhält. Trump war stinksauer. Der Zweck seines Schutzzolls sollte sein, so hatte er sich das ausgedacht, amerikanische Unternehmen vor ausländischen Konkurrenten zu schützen. Nicht, sie ausser Landes zu treiben.

Das so amerikanische Unternehmen Harley-Davidson stöhnte bereits unter Trumps Stahlzoll, denn was importiert eine Firma nun mal, die Motorräder herstellt? Stahl. Jetzt kamen noch die Einfuhrzölle der EU als Reaktion auf Trumps Protektionismus dazu. Trumps Versprechen, es Amerikas Unternehmen leichter zu machen, verkehrte sich für Harley-Davidson gleich doppelt ins Gegenteil. Die Firma kämpft ohnehin, denn immer weniger junge Menschen können sich dafür begeistern, zwischen 7000 und 42’000 Dollar für ein neues Motorrad auszugeben, das mehr Erzählung ist als Substanz.

Ein Problem für Harley-Davidson ist jetzt, dass es nie darum ging, was diese Motorräder können. Es ging immer nur darum, wofür sie stehen, um eine Idee. Die Harley-Leute waren stets geniale Marketingstrategen. Bis in die Achtzigerjahre hinein liebten die Kunden die Marke, merkten aber auch an, dass diese verdammten Motorräder zu teuer und notorisch unzuverlässig waren. Harley-Davidson druckte deshalb eine Anzeige, auf der 16 sehr gefährlich dreinblickende Rocker zu sehen waren. Unterzeile: «Würden Sie diesen Typen ein unzuverlässiges Motorrad verkaufen?» Die Anzeige ist bis heute legendär.

In 85 Länder wird verkauft

Im Harley-Werk in York ist die Produktion der 2018er-Modelle vorbei, die Fertigungsstrassen werden auf die 2019er-Modelle umgerüstet. Wenn man sich hier umsehen will, wendet man sich an Bob und Steve. Bob geht vor und erklärt alles, Steve geht hinterher und passt auf, dass man nicht vom Gabelstapler überfahren wird. Bob heisst mit vollem Namen Robert Hess, er ist ein grosser, hagerer Mann mit grauem Bart. Seit 19 Jahren arbeitet er bei Harley-Davidson, davor war er 31 Jahre lang Direktor der Marschkapelle einer Schule. Die dabei erworbene Autorität hat er sich bewahrt. Zur Gruppe, die Bob durch die Fabrikhallen führt, gehören viele kernige Biker mit Glatzen und Vollbärten sowie einige kaum weniger kernige Bikerinnen, die mehr Haupt- und weniger Gesichtshaar haben. So weit die Klischeerocker.

Aber es sind eben auch rundliche, gut rasierte Herren in Polohemden dabei, die sich jetzt, da in Sichtweite des Ruhestands endlich das wilde Leben beginnt, eine Harley leisten wollen. Vielleicht eine von den gemütlichen. Eine Street Glide. Eine Road King Special. Die sind wirklich bequem, kosten aber um die 30’000 Dollar. Der Komiker Stephen Colbert schrieb neulich: «Wenn Harley-Davidson wegzieht, womit werden die pensionierten Zahnärzte in meiner Nachbarschaft mich dann am Samstagmorgen wecken?»

Erste Betroffene wären Mitarbeiter

Im Werk in York sieht man, dass das ein weiser Witz war. Mit genau diesen Menschen verdient Harley-Davidson nämlich heute Geld. Die Firma verkauft längst nicht mehr Motorräder, sondern den Entwurf eines wie auch immer gearteten freien oder gar wilden Lebens, und zwar wesentlich an mittelalte, weisse, unwilde wie vermögende Männer. Die Firma lebt von ihrem Ruf, von so gut wie nichts sonst. Deshalb sind Trumps Attacken so gefährlich. Er unterstellt Harley-Davidson unamerikanische Umtriebe. Das kann für beide Seiten schlecht ausgehen.

Erste Betroffene von Trumps Handelskrieg wären die Mitarbeiter in York. Jede Maschine, die hier aus mehr als 1300 Teilen zusammengesetzt wird, bekommt zu Beginn einen in Plastikfolie eingeschweissten Zettel angehängt. Darauf stehen alle Details des jeweiligen Motorrads: welche Lackierung der Tank und die Kotflügel haben sollen, ob ABS oder ein Tempomat eingebaut werden soll, und auf welche Felgen die Reifen aufgezogen werden. Ganz oben auf dem Zettel steht, in welche Weltregion die Maschine geliefert wird. Harley-Davidson verkauft seine Motorräder in 85 Länder.

Was Trump angeht: Es darf als sicher gelten, dass der Präsident, obwohl er vermutlich bestenfalls ungefähr verstanden hat, was Harley-Davidson einst war und heute ist, gerade entscheidenden Einfluss darauf nimmt, was Harley-Davidson einmal sein wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 18:39 Uhr

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