Maduro-Anhänger in der Schweiz fürchten «Racheakte»

Die venezolanische Gemeinschaft hierzulande ist gespalten. Miteinander geredet wird selten – sonst reisst binnen Sekunden ein Graben auf.

Über Politik reden Venezolander in der Schweiz nicht gerne. (Symbolbild)

Über Politik reden Venezolander in der Schweiz nicht gerne. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Heliana Grütter Zambrano erzählt, wie der Student, der neben ihr marschierte, tot umfiel, getroffen von einem Scharfschützen der Militärpolizei. Es war der 11. April 2002, in Caracas demonstrierte eine euphorische Menge gegen den damaligen Präsidenten Hugo Chávez.

Johanna Falcón erinnert sich an den Mann, der ihr, ihrer Mutter und ihren Geschwistern der Reihe nach grinsend und mit den Worten «mal sehen, mal sehen» eine Pistole an den Kopf hielt, ehe die Bande, der er angehörte, alles aus dem Haus trug, was irgendeinen Wert besass.

Luis Lugo Marcano, ein muskulöser, glatzköpfiger ehemaliger Elektrotechniker, der heute in der Schweiz als Masseur arbeitet, erzählt von seinem Vater. Der frühere Richter des venezolanischen Obergerichts habe seit letztem Januar 25 Kilo abgenommen. «Einmal ging er einkaufen, und der Verkäufer sagte ihm, das Kilo Mehl und die Portion Reis kosteten 4600 Bolívares Fuertes. Weil er nicht genug Geld hatte, holte mein Vater zu Hause den fehlenden Betrag. Als er eine halbe Stunde später wieder im Laden erschien, war der Preis bereits auf 5000 Bolívares Fuertes gestiegen.»

Gemessen am Ort, an dem sie erzählt werden, sind es nicht Geschichten aus einer anderen Welt, sondern aus einem anderen Universum. Die Wirklichkeit im Hier und Jetzt ist der Einkaufs-, Restaurant- und Bürokomplex Welle 7 neben dem Hauptbahnhof Bern. Ruhe, Sauberkeit, Funktionalität, Glastüren und Leselounges, Sitzungszimmer und Spielecken, draussen die erste Frühlingssonne. Aber die Gedanken und Erinnerungen sind in Venezuela: beim Diktator Nicolás Maduro, stümperhaft, uneinsichtig, grausam. Bei der Hyperinflation von mehr als einer Million Prozent im Jahr, der Gewaltkriminalität, den hungernden Alten. Bei den Spitälern mit den sterbenden Kindern.

«Unser Präsident»

Die fünfköpfige Gruppe – vier Frauen, ein Mann – ist zusammengekommen, um aus der Schweizer Ferne etwas gegen das Elend in ihrer Heimat zu tun. Im vergangenen September haben Johanna Falcón und ihre Freunde, alle zwischen dreissig und vierzig, die meisten mit einem Schweizer Partner verheiratet, die Hilfsorganisation «Eine Hand für Venezuela und die Welt» gegründet. In Zusammenarbeit mit spanischen Stiftungen schicken sie Medikamente und Nahrungsmittel nach Venezuela, wo einheimische NGOs die Güter verteilen.

Gemeinsam gegen Maduro: Luis Lugo Marcano, Mónica Pino, Heliana Grütter Zambrano mit Sohn, Johanna Falcón, Lina Grundbacher (von links nach rechts). Foto: Fabian Hugo (13 Photo)

Wer hat am Samstag Zeit, um auf der Rathausbrücke in Zürich gegen Maduro zu demonstrieren? Empörung, weil ein Kind, dem sie Medikamente geschickt hatten, in der Stadt Barquisimeto aus dem Spital gewiesen wurde. Die Verantwortlichen hätten gesagt, wenn es Hilfe aus dem Ausland erhalte, verliere es sein Bett. Geschäftigkeit, hier die neuen Flyer, Gelächter, das mit Lichtgeschwindigkeit gesprochene Spanisch der Karibik. Ein Bekannter der Gruppe wird in der Innerschweiz ein Restaurant eröffnen und den Umsatz des ersten Tages spenden. Die katholische Pfarrei in Ostermundigen stellt ihren Gemeinschaftssaal für einen Anlass zur Verfügung.

Die Hilfsbereitschaft von Schweizer Privatpersonen und Unternehmen sei überwältigend, sagen alle. Den Oppositionellen Juan Guaidó, den mittlerweile ein grosser Teil der westlichen Welt als Staatsoberhaupt anerkennt, nennen sie «nuestro Presidente», unseren Präsidenten. Noch nie hätten sie so grosse Hoffnungen gehabt, dass die Diktatur in ihrem Land stürze. Denn nie zuvor sei der internationale Rückhalt für die Opposition so stark gewesen. «Solange Nicolás Maduro nicht weg ist, gibt es keine Ruhe für mich», sagt die zweifache Mutter Heliana Grütter, die in Venezuela Internationale Beziehungen studiert hat.

Ende Woche wird die Unruhe noch wachsen. Denn am Samstag will Juan Guaidó, dass die Hilfsgüter endlich ins Land gelangen, die in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta lagern, mittlerweile zu Tonnen. Sein Widersacher Maduro will dies verhindern, notfalls mit militärischer Gewalt. Es scheint, als steuere der Konflikt auf einen Höhepunkt zu.

Von den Venezolanerinnen und Venezolanern, die in der Schweiz leben, dürften die meisten Nicolás Maduro ablehnen. Das sagte selbst der venezolanische Botschafter vor zwei Jahren dieser Zeitung. Und viele von jenen, die Maduro verteidigen, sind offensichtlich nicht bereit, zu ihrer Meinung zu stehen. Rund ein Dutzend Gesprächsanfragen an Privatpersonen und linke Solidaritätskomitees blieben erfolglos, ebenso mehrere Anrufe bei der venezolanischen Botschaft in Bern. Ein Diplomat sagte: «Es gibt viele Maduro-Anhänger in der Schweiz. Aber sie schweigen, aus Angst vor Racheakten der Oppositionellen.»


Video: So kam es zur Venezuela-Krise

Armut und politische Instabilität: Südamerikaexperte Sandro Benini erklärt den Zusammenbruch des Landes im Video. Video: Lea Koch, Nicolas Fäs


Gesprächsbereit war eine Sozialwissenschaftlerin, die wir hier Fernanda López nennen. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Sie ist vor einem Vierteljahrhundert in die Schweiz ausgewandert – also noch bevor Hugo Chávez in Venezuela die Macht errang. Nicolás Maduro habe Chávez’ Errungenschaften zerstört und die Armen verraten. Die 56-Jährige sagt aber auch: «Dass ein Abgeordneter wie Guaidó sich mit ein paar Freunden auf die Plaza Bolívar stellt, die Finger zum Schwur hebt und sich zum Präsidenten erklärt – das ist ein Putsch.» Sie sagt es mit leiser, vorsichtiger Stimme, als wolle sie dem Satz etwas von seiner Schärfe nehmen.

López bestätigt, dass in der Schweiz lebende Maduro-Anhänger von Oppositionellen beschimpft und physisch angegriffen werden. Mehrere ihrer Freundinnen seien für Guaidó, aber über Politik spreche sie mit ihnen nie. Einige Oppositionelle nennt López «Banditen»: Jene, die übertreiben, Gerüchte verbreiten und alles schlechtreden würden. Die aus der Mittelschicht stammen, in ihrem Land privilegiert waren und sich nun gegenüber den Schweizer Behörden als Opfer aufspielten, um Asyl zu erhalten.

Die Lösung der Krise, sagt López, dürfe dem Land nicht von aussen aufgezwungen werden. Die Venezolaner müssten sie selber finden – am besten durch eine Neuwahl sämtlicher Institutionen, wie es eine Gruppierung «dissidenter Chavisten» vorschlage – Leute also, die wie sie selber Maduro ablehnen, aber an Chávez’ soziales Vermächtnis glauben.

Streit noch in hundert Jahren

Von der Gruppe im Lokal Welle 7 pflegt niemand Kontakt zu Landsleuten, die auf der anderen Seite stehen. Wenn sie zufällig jemanden aus Venezuela treffen, bei einer Party oder im Zug, sei das Thema Politik tabu. Sonst könne binnen Sekunden ein Graben aufreissen, über den hinweg man sich nur noch anschreie.

Von Übergriffen auf Maduro-Anhänger haben die Mitglieder von «Eine Hand für Venezuela und die Welt» nie gehört. «Die haben einfach Angst, dass sie bei den venezolanischen Partys nicht mehr willkommen sind», sagt Heliana Grütter. Johanna Falcón hat bis 2012 bei der venezolanischen Botschaft in Bern gearbeitet. Dann sei das ganze Personal auf Linie gebracht und sie entlassen worden. «Ich würde trotzdem mit diesen Leuten diskutieren», sagt sie. «Ich nicht», antwortet Mónica Pino, die ihr Land 2001 verlassen hat. «Sie ändern ihre Meinung ja doch nicht.»


Video: Gegner und Befürworter der Regierung demonstrieren in Caracas

In Venezuela haben die Grosskundgebungen von Regierungsanhängern und der Opposition begonnen. Video: AFP


Auch sonst zeigen sich innerhalb der Gruppe ähnliche Risse, wie sie die oppositionellen Parteien in Venezuela durchziehen. Sollen die Amerikaner militärisch intervenieren? Mehrheitlich Kopfschütteln. «Ich bin dagegen», sagt Luis Lugo. Nur Johanna Falcón sagt: «Wenn Maduro am Samstag die humanitäre Hilfe nicht ins Land lässt – dann bin ich dafür.»

Als Heliana Grütter behauptet, es habe bei den Unruhen im Jahre 2014 auch unter den Oppositionellen Gruppen gegeben, die sich bewaffneten, bricht Johanna Falcón vor Entrüstung in Tränen aus. «Viele von unseren Jungs haben im Kampf gegen die Diktatur das Leben verloren. Ich ertrage es nicht, wenn jemand behauptet, sie hätten sich bewaffnet.»

Was würden sie einem Verteidiger Maduros sagen, wenn er jetzt hier in der Welle 7 sässe? «Ich würde ihn fragen, warum er nicht in Venezuela geblieben ist, wenn er doch den Sozialismus so toll findet», antwortet Luis Lugo. Dass ein Armer, dessen Situation sich in Venezuela dank Chávez’ Sozialprogrammen verbessert habe, verlorenen Idealen nachtrauere, sei verständlich. Aber im Schweizer Überfluss leben und ein Regime verteidigen, das sein eigenes Volk hungern lässt?

Die Chavistin Fernanda López sagt, es gebe trotz allem viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Lagern: die Liebe zum Land, zur venezolanischen Musik, den Stränden, den typischen Maisfladen. «Aber wenn es jetzt zum Bürgerkrieg kommt, dann werden wir uns in hundert Jahren noch streiten.»

Bildstrecke: Demonstrationen in Caracas

Erstellt: 22.02.2019, 06:37 Uhr

Venezuela in der Schweiz

Laut Ausländerstatistik leben zurzeit 1206 Venezolanerinnen und Venezolaner in der Schweiz. Die Zahl lässt allerdings nur bedingt Rückschlüsse auf die Grösse der venezolanischen Auswanderergemeinde zu, weil eingebürgerte Personen nicht mehr erfasst werden. Erleichterte Einbürgerungen dank der Heirat mit einem Schweizer Partner dürften relativ häufig vorkommen. Gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) sind gegenwärtig 35 Asylverfahren von venezolanischen Staatsangehörigen hängig. Eine Zunahme der Asylgesuche ist laut SEM trotz der jüngsten Krise nicht zu verzeichnen. Im Januar 2019 habe lediglich eine Person mit venezolanischem Pass ein Asylgesuch gestellt. Anerkannte Flüchtlinge aus Venezuela gibt es in der Schweiz keine, hingegen wurden sechs Personen vorläufig aufgenommen. Zwei abgelehnte venezolanische Asylbewerber wurden vergangenes Jahr ausgeschafft. (ben)

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