Mueller schweigt, Trump antwortet

Der US-Sonderermittler lässt sich nicht in die Karten schauen, bleibt aber hartnäckig. Das hat auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun.

Sonderermittler Robert Mueller bringt alle Ungeduldigen zum Spekulieren. Seinem Mediensprecher hat er den klaren Auftrag erteilt: Wir sagen nichts. Foto: Alex Wong (Getty Images)

Sonderermittler Robert Mueller bringt alle Ungeduldigen zum Spekulieren. Seinem Mediensprecher hat er den klaren Auftrag erteilt: Wir sagen nichts. Foto: Alex Wong (Getty Images)

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Der Mann mit dem einfachsten und der Mann mit dem schwierigsten Job arbeiten im gleichen Team. Der erste heisst Peter Carr. Seine Aufgabe besteht darin, Journalistenanfragen mit den immer gleichen zwei Wörtern zu beantworten: «No comment». Carr ist der Mediensprecher von Robert Mueller, dem Mann mit dem schwierigsten Job in Washington. Der Sonderermittler untersucht seit eineinhalb Jahren die russische Einmischung in die Präsidentschaftswahl 2016. Und die Vorgabe, die er seinem Sprecher schon zu Beginn der Untersuchung gemacht hat, lautet: Wir sagen nichts.

Irgendwo dazwischen auf der Schwierigkeitsskala landen all jene Journalisten, Politiker und sonstigen Angehörigen der Washingtoner Politblase, die obsessiv versuchen, Muellers Ermittlungen zu erfassen. Was ist sein nächster Schritt? Wann kommt er? Schon immer hüllte Mueller sich und seine Untersuchung in Schweigen, doch so ruhig wie zuletzt, vor den Midterm-Wahlen, war es noch nie um ihn. Das ändert sich jetzt wieder. Diese Woche reichte US-Präsident Donald Trump eine Liste von handgeschriebenen Antworten ein zu Fragen, die Mueller an ihn hatte. Und gleichzeitig sind auch die Spekulationen zurück, fiebrig und erwartungsvoll: Nähern sich die Ermittlungen ihrem Ende?

Wenige Leute verfolgen die Untersuchung so genau wie Garrett Graff. Der Journalist kennt Mueller seit vielen Jahren, er hat eine Biografie über ihn geschrieben. Er habe aufgegeben, Prognosen abzugeben, sagt Graff. «Um Mueller zu verstehen, ist es hilfreicher, auf seine Vergangenheit zu blicken.» Dazu gehört seine Zeit als Strafverfolger, in der er beharrlich die Untersuchung des Lockerbie-Anschlags leitete, bei dem 243 Menschen ums Leben kamen. Dazu gehört der erfolgreiche Prozess gegen den New Yorker Mafiapaten John Gotti in den 1990er-Jahren. Und dazu gehört seine Zeit bei der Bundespolizei FBI, wo er eine Woche vor den Anschlägen vom 11. September Direktor wurde.

Dem Land dienen

Besonders prägend waren aber einige seiner frühesten Jahre: sein Einsatz im Vietnamkrieg. Graff hat darüber vor einigen Monaten eine grosse Geschichte im Magazin «Wired» verfasst, weil er glaubt, dass sie am besten illustriert, was Mueller antreibe: «der unbedingte Wille, seinem Land zu dienen, etwas zurückzugeben».

Robert Swan Mueller III, Sohn einer wohlhabenden protestantischen Familie aus der Nähe von Philadelphia, hatte eben sein Studium beendet, als er sich als freiwilliger Marineinfanterist für den Einsatz im Vietnamkrieg meldete. Weil man ihn wegen seines lädierten Knies abwies, wartete er ein Jahr, bis die Verletzung geheilt war. Und meldete sich erneut. Er durchlief die Offiziersschule und die für ihre Härte bekannte Ranger School der US-Armee. 1968 kam er als junger Offizier nach Vietnam und übernahm eine Einheit von Marineinfanteristen.

Für seinen Einsatz verdiente er sich einen Tapferkeitsorden, nachdem er einen verletzten Kameraden unter schwerem feindlichem Feuer in Sicherheit gebracht hatte. Kurz darauf, als Mueller erneut im Gefecht stand, durchbohrte eine Gewehrkugel seinen Oberschenkel. Er kämpfte weiter. Noch Jahre später, so erzählt Graff, habe Mueller über schwierige Situationen gesagt: «Egal, was auf mich zukommt, es wird nie mehr von derselben Heftigkeit sein wie damals.» Daraus beziehe der 74-Jährige seine Ruhe – und seine Gabe, sich auf das Wichtige zu konzentrieren.

In Vietnam durchbohrte eine Kugel seinen Oberschenkel. Doch er kämpfte weiter.

Niemand zweifelt daran, dass auch Muellers jetzige Aufgabe das ist: ziemlich heftig. Die Aufsicht über die Untersuchung liegt seit kurzem beim umstrittenen interimistischen Justizminister Matthew Whitaker. Viele befürchten, dass Trump ihn auf den Posten berufen hat, um den Sonderermittler zu stoppen.

Die Demokraten haben für diesen Fall bereits angekündigt, eigene Ermittlungen im Repräsentantenhaus weiterzuführen, wo sie nun eine Mehrheit haben. Kaum ein Tag vergeht, an dem der Präsident sich nicht auf Twitter über Mueller und dessen «Hexenjagd» auslässt. Mueller lässt sich davon nicht beirren. Er und seine 13 Staatsanwälte, darunter auch einer, der schon bei der Watergate-Untersuchung dabei war, ermitteln weiter. Sie haben bereits mehr als 30 Personen angeklagt – vier aus dem Umfeld von Trumps Kampagne haben ein Geständnis abgelegt oder wurden von einem Gericht schuldig gesprochen. Inzwischen werden mehrere Spuren der Untersuchung sichtbar.

Die ersten drei betreffen die Frage nach der illegalen Zusammenarbeit mit russischen Kräften – das, was die Amerikaner «collusion» nennen. Da sind erstens die Fälle von Geldwäscherei und die zweifelhaften Auslandgeschäfte von Trumps Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort und dessen Partner Rick Gates. Beide bekannten sich schuldig. Und beide kooperieren seither im Gegenzug für eine Strafmilderung mit Mueller.

Da sind zweitens die russischen Angriffe im Vorfeld der Wahlen 2016: Cyberattacken auf die Demokratische Partei, die mit der Veröffentlichung von Tausenden von E-Mails durch Wikileaks endeten. Und Beeinflussungsversuche über soziale Medien, wie sie die Internet Research Agency betrieb – eine Trollfabrik, gegen die Mueller im Februar Anklage erhob.

Nur dumm – oder kriminell?

Der dritte Strang sind die Kontakte, die Angehörige von Trumps Wahlkampfteam zu russischen Kreisen hatten. Dazu zählen die früheren Berater Michael Flynn und George Papadopoulos, dazu zählt aber auch Trumps Sohn Donald junior, der sich im Trump-Tower mit einer Kreml-nahen Anwältin traf, die der Kampagne «Dreck» über Hillary Clinton versprochen hatte.

Die Frage, die über allem schwebt, lautet: Was wusste Trump selber von diesen Dingen? Und: Verhielt er sich dabei nur politisch ungeschickt – oder beging er persönlich eine Straftat? Nur Letzteres könnte Mueller zur Anklage bringen. Und nur Letzteres wäre wohl genug, um die Einleitung eines Impeachment-Verfahrens zu begründen.

«Er fokussiert ganz auf das, was direkt im Zusammenhang mit Russland steht.»Muellers Biograf

Fast nichts bekannt ist über den vierten Strang der Untersuchung: die Frage, ob Trump als Präsident die Ermittlungen der Justiz behinderte – etwa indem er den damaligen FBI-Chef James Comey feuerte. Und ganz abgegeben hat Mueller Themen, die Trumps Firma betreffen, alles also, was mit der Verhaftung von dessen früherem Vertrauensmann Michael Cohen zusammenhängt – zum Beispiel die Schweigegeldzahlungen an eine Pornodarstellerin. «Er fokussiert ganz auf das, was direkt im Zusammenhang mit Russland steht», sagte Muellers Biograf.

Offen ist, wo das alles endet. In einem grossen Bericht an den Kongress, der die Puzzleteile zusammenfügt? In einer Anklageschrift gegen den Präsidenten? Oder in einer Entlastung desselben? Niemand weiss es. In Washington spekulieren sie weiter, und die Hoffnungen, die viele Trump-Gegner in Mueller setzen, wachsen weiterhin. Gleichzeitig wird sich auch Trumps Kampf gegen den Sonderermittler verschärfen. Noch schweigt Mueller – die Frage ist, wie lange noch.

Erstellt: 24.11.2018, 14:30 Uhr

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