Normalität gibts nicht vor 2021

«Fürchterliche» Tweets und Krieg gegen das FBI: Donald Trumps Theater des Absurden fasziniert und schockiert Washington.

Auf einer Stufe mit Caligula? Donald Trump an einer Wahlveranstaltung in Las Vegas (20.9.2018). Foto: John Locher (Keystone)

Auf einer Stufe mit Caligula? Donald Trump an einer Wahlveranstaltung in Las Vegas (20.9.2018). Foto: John Locher (Keystone)

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Der Erste Weltkrieg war vorbei, Ruhe benötigte das Land und einen Präsidenten wie Warren Harding. «Amerika braucht nichts Heldisches im Moment, sondern Heilung», befand Kandidat Harding 1920 und versprach nach dem Horror des Ersten Weltkriegs «Normalität» im Falle eines Einzugs ins Weisse Haus. Der Republikaner wurde Präsident, doch zahlreiche Skandale, darunter eine aussereheliche Affäre mit einer Mätresse namens Nan Britton inklusive Sex in einer Besenkammer im Weissen Haus, zerstörten Hardings Image. 1923 verstarb er ungeliebt im Amt.

Erst danach zog wieder Normalität in Washington ein, so wie sie vielleicht auch nach dem Ende der Präsidentschaft Donald Trumps wieder einzieht. Denn gegenwärtig ist nur wenig normal an diesem Präsidenten und seinem permanenten Politzirkus. Dass der Pornostar Stormy Daniels in seinem neuen Schmuddelbuch die Beschaffenheit des präsidialen Penis («wie ein Pilz») schildert, passt ebenso zur Ära Trump wie der Mangel an Sensibilität, den der Präsident gegenüber Christine Ford an den Tag legte, die seinen höchstrichterlichen Kandidaten Brett Kavanaugh eines sexuellen Übergriffs beschuldigt.

Emsig hatten sich Trumps Mitarbeiter bemüht, den Chef vom Anwerfen seiner Twitter-Maschine in Sachen Ford/Kavanaugh abzuhalten. Trump spielte zunächst brav mit, obschon er, dem selbst sexuelle Vergehen vorgeworfen werden, stets dem Motto folgt, alles abzuleugnen und missliebige Frauen als Lügnerinnen zu beschimpfen. Sogar den TV-Mitschnitt, in dem er damit prahlte, Frauen ans Geschlecht zu greifen, zweifelte Trump an: Das sei nicht seine Stimme auf dem Band!

Noch ein Verschwörer im Weissen Haus

So einer kann nur schwer Ruhe bewahren, weshalb sich Trump am Freitag endlich gehen liess und twitterte, er habe «keinen Zweifel», dass Fords «liebende Eltern» nach der angeblichen versuchten Vergewaltigung ihrer Tochter sofort «die örtliche Polizei eingeschaltet hätten». Und nun solle Christine Ford doch bitte den Polizeibericht liefern, «damit wir das Datum, die Uhrzeit und den Tatort erfahren!»

Die Entrüstung darüber war gross, die republikanische Senatorin Susan Collins empfand Trumps Tweet als «fürchterlich». Warum aber? Der Tweet verkörpert Donald Trump, wie er leibt und lebt. Zumal der Präsident womöglich gaga ist: Die «New York Times» berichtete am Freitag, der stellvertretende Justizminister Rod Rosenstein habe im Mai 2017 «vorgeschlagen, Präsident Trump heimlich im Weissen Haus auf Band aufzunehmen, um das Chaos zu dokumentieren».

Ausserdem habe Rosenstein mit Offiziellen diskutiert, ob der Präsident unter Berufung auf den 25. Verfassungszusatz wegen psychischer Störungen abgesetzt werden solle. Damit wäre Donald Trump als erster amerikanischer Präsident in einer illustren Versammlung durchgeknallter Potentaten, Könige und Kaiser gelandet, darunter Karl VI. («Charles le Fou») aus Frankreich, der Byzantiner Justin II., Eric XIV. von Schweden sowie Caligula.

Der Bericht der «New York Times» schockte die Hauptstadt das gesamte Wochenende über, derweil Rosenstein, der vermeintliche Urheber der Kabale, hastig abwehrte. Derart schwach aber fiel sein Dementi aus, dass der Jurist am Freitagabend ein zweites Dementi nachschob. Die Demokraten fürchten, Trump könnte die mutmassliche Insubordiation des ihm sowieso verhassten Rosenstein jetzt zum Anlass nehmen, sich des stellvertretenden Justizministers und Aufsehers über Russland-Sonderermittler Robert Mueller zu entledigen.

Ein «übler Geruch» beim FBI

Wahrscheinlich wird der Präsident bis nach den Novemberwahlen zuwarten, ehe das Grossreinemachen anbricht und sowohl Justizminister Jeff Sessions als auch Rosenstein gefeuert werden. So schaufelte sich Trump endlich den Weg bis vor Muellers Haustür frei.

Der Krieg des Präsidenten gegen Justizministerium und FBI – ein in der amerikanischen Geschichte einmaliger Vorgang – geht unterdessen munter weiter. Man habe beim FBI ja inzwischen aufgeräumt, aber noch immer hänge «ein übler Geruch» über der Behörde, grauste es Trump am Freitagabend auf einer Wahlveranstaltung im Staat Missouri. Der «üble Geruch» geht vermutlich von Mueller aus. Um die olfaktorische Belästigung loszuwerden, versucht Trump, dessen Ermittlungen auf Schritt und Tritt zu behindern.

Sogar hochgeheime Unterlagen wollte der Präsident publik machen, weil sie angeblich zeigen, dass die Russland-Untersuchung von Beginn an politisch motiviert war. Mit grossem Tamtam wurden mutmassliche «Beweise» angekündigt, am Freitag machte Trump jedoch abrupt einen Rückzieher: Von einer Veröffentlichung sei nach Einwänden «wichtiger Alliierter» abgesehen worden. Was war geschehen? Die «wichtigen Alliierten» in London hatten Trump gewarnt, die Publizierung des Materials kompromittiere geheime Quellen des MI6, darunter wohl auch britische Agenten in Moskau.

Der nächste Fettnapf wartet

Schon zuvor hatten mehrere Quellen in Washington bestätigt, dass Trumps Ex-Anwalt Michael Cohen dem Sonderermittler wie ein Kanarienvogel vorsingt. Mehrfach wurde Trumps ehemaliger Mann fürs Grobe bereits abgefragt, auch Trumps zeitweiliger Wahlkampfchef Paul Manafort wird von Mueller durch die Mangel gedreht. Wer also glaubt, Normalität werde irgendwann Trump zum Trotz wieder in Washington einziehen, muss lange warten – entweder bis 2021 oder gar 2025 oder bis das Verhalten des Präsidenten selbst seiner Partei unheimlich geworden ist.

Zuvor wird das Theater des Absurden in der amerikanischen Hauptstadt weiterspielen, bald beginnt der nächste Akt: Am Samstag ging Christine Ford auf das Angebot einer Aussage vor dem Justizausschuss des Senats in der kommenden Woche ein. Kaum dürfte Donald Trump sich die Chance entgehen lassen, einmal mehr Porzellan zu zerschlagen und mit beiden Füssen in einen grossen Fettnapf zu treten. Seinem Richterkandidaten Brett Kavanaugh, der Christine Fords Vorwürfe vehement abstreitet, wird er damit nicht helfen.

Erstellt: 24.09.2018, 09:10 Uhr

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